Das rote Ziegelmauerwerk in der Pestalozzistraße ist Kulmbacher Identität und Stadtgeschichte: Brauerei, Mälzerei, Backstein der Gründerzeit - viel mehr geht nicht. Aber die Tage des historischen Gebäudes sind gezählt. Die ehemalige Mälzerei Müller wird bald abgebrochen.

Bei der Podiumsdiskussion der OB-Kandidaten im Gasthof Geuther teilte Oberbürgermeister Henry Schramm (CSU) vor kurzem mit, dass die Rosenheimer Drösel-Gruppe jetzt auch die offizielle Baugenehmigung bekommen hat. "Ich bin sehr dankbar, dass das mit der Mälzerei Müller endlich in trockenen Tüchern ist", sagte er.

Sturm der Entrüstung

Seine Freude teilen viele Kulmbacher nicht. Im Juni 2018 erfuhr niemand etwas, als der Stadtrat hinter verschlossenen Türen einen Vorbescheid mit weitreichenden Zusagen erteilte: Abbruch bis auf den denkmalgeschützten Darrturm und Neubau eines gewaltigen Wohnblocks. Aber ein Jahr später, als das Megaprojekt mit 157 Wohnungen in öffentlicher Sitzung endgültig durchgewunken wurde (gegen eine Stimme der FDP), brach ein Sturm der Entrüstung los: Leserbriefe in der Zeitung, massenhaft Kommentare im Internet, Unterschriftensammlung und Demonstration.

Proteste verstummten nicht

Die Proteste, dass Stadtgeschichte plattgemacht wird, wollten nicht verstummen. Auf die Frage der BR, ob eine 08/15-Architektur mit überdimensionalen Schuhschachteln in Kulmbach gebraucht werde, antwortete Corinna Häublein: "Nein!!!" Annette Zietz meinte: "Langweilig." Und Jutta Wiemann: "Grausam." Christine Gredlein fragte: "Soll jetzt die nächste Bausünde in Kulmbach entstehen?" Die Neuplanung passe überhaupt nicht ins Stadtbild, sagte Markus Weidauer. Thomas Rösch stellte fest: "Scheußlicher geht's kaum."

Aber es nützte alles nichts: Der Investor darf bauen. Die Stadt Kulmbach teilte jetzt mit: "Die Baugenehmigung wurde mit Bescheid vom 19. Februar 2020 erteilt. Die erforderliche Abbruchanzeige erfolgte bereits am 25. Juli 2019. Mit dem Abbruch kann jederzeit begonnen werden. Der tatsächliche Beginn ist uns nicht bekannt."

Investor schweigt

Genaueres war nicht zu erfahren. Unsere Anfrage bei der Drösel-Gruppe in Rosenheim blieb unbeantwortet. Informationsanspruch der Kulmbacher Öffentlichkeit? So etwas interessiert den Investor offensichtlich nicht. Auch die Nachbarn sind nicht informiert, wann die Abrissarbeiten beginnen sollen.

Was die Kritiker des umstrittenen Vorhabens bisher nicht wussten, der Stadtrat bei seiner Entscheidung aber hätte wissen müssen: Es gab bereits eine Planung für die ehemalige Petzbräu und Mälzerei Müller. Denn vor ein paar Jahren beschloss der Stadtrat das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK), in dem die Sanierung der Mälzerei Müller vorgesehen ist.

Im Beschluss vom Oktober 2010 heißt es: "Das vorliegende Stadtentwicklungskonzept bildet die Voraussetzung und Grundlage für die Planung und Förderung weiterer investiver und organisatorischer Maßnahmen der Stadtsanierung und Stadtgestaltung und wurde vom Stadtrat als Grundlage für die zukünftige Stadtentwicklung beschlossen."

Sechsstelliger Betrag

Haben die Stadträte ihren Beschluss vergessen? Waren sie nicht ausreichend informiert?

Das ISEK kostete einen sechsstelligen Betrag und wurde mit öffentlichen Mitteln, also Steuergeldern, gefördert. Es umfasst 150 Seiten. Es gab damals eine Lenkungsgruppe und Bürgerbeteiligung. Die fachliche Vorarbeit leisteten Experten aus Oberfranken: die Architekten Stephan Häublein und Johannes Müller (Büro H2M) aus Kulmbach sowie Franz Ullrich (plan & werk) aus Bamberg.

Gebäude hat Potenzial

Die Architekten sprechen in ihrer Analyse von einer "beeindruckenden Backsteinfassade". Der aktuelle Zustand sei ein "städtebaulicher Missstand". Aber das Gebäude habe Potenzial "zur Attraktivitätssteigerung der Innenstadt". Konkrete Maßnahme: "Das bestehende Backsteinensemble wird saniert." Dazu machen die Experten Vorschläge - diese reichen von gewerblicher und kultureller Nutzung bis zu "Industrielofts" als Wohnungen.

Detaillierte Kostenberechnung

Neben einer Visualisierung, wie die alte Mälzerei Müller aussehen könnte, gibt es eine detaillierte Kostenberechnung. Für die Planung sind 2,25 Millionen Euro angesetzt, für die Sanierung und Neugestaltung noch mal neun Millionen Euro. Frei bleibt der Ansatz für den Kaufpreis. Eine mögliche Förderung aus öffentlichen Mitteln wird mit 70 Prozent beziffert. Als mögliche Sanierungsträger sind genannt: Immobiliengesellschaften, Vereine und die Stadt Kulmbach.

Konversion - ehemalige Mälzerei Müller

Im Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept der Stadt Kulmbach (ISEK) ist der Konversion der ehemaligen Mälzerei Müller ein eigenes Kapitel gewidmet. Die beteiligten Architekten kommen zu folgendem Ergebnis:

Ausgangssituation Das brachliegende Gebäude liegt am Rande des Innenstadtkerns in der Pestalozzistraße 1 (richtig: 3). Im Laufe der Zeit wurde es mehrmals umgebaut und in seinem Äußeren verändert. Dies liegt wohl daran, dass es sich als Industriegebäude immer wieder dem Wandel der Zeit anpassen musste. Die beeindruckende Backsteinfassade prägt die Kreuzung und den Straßenraum der hier beginnenden Pestalozzistraße.

Mangel Das Gebäude steht seit langem leer und verfällt zunehmend. Das innerstädtische Areal erzeugt momentan keine Qualitäten. Das Backsteinensemble mit dem Innenhof stellt einen städtebaulichen Missstand dar.

Potenzial Die zentrale Lage und prägende Bausubstanz bietet die gute Voraussetzung für eine Anbindung und Verknüpfung mit den geplanten Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung der Innenstadt.

Maßnahme Das bestehende Backsteinensemble wird saniert. Mögliche Nutzungen können von gewerblichem Handel und kultureller Art sein. In den oberen Geschossen sind auch Industrielofts als Wohnung denkbar. Die bestehende Mauer zum öffentlichen Straßenraum wird abgebrochen. Mit z.B. einem aufgeständerten Gebäude werden die städtischen Kanten aufgenommen und der Straßenraum wieder räumlich geschlossen.

Die Chronologie

Bauzeit 1873 - neues Betriebsgebäude der 1849 gegründeten Petzbräu. Die Brauerei siedelte aus beengten Verhältnissen in der Innenstadt (Langgasse) in die damalige Bayreuther Straße um, heute Pestalozzistraße 3.

Nutzung bis 1923 Brauerei Petz, danach Mälzerei Müller bis 1992.

Leerstand seit 28 Jahren; 2006 verkauft an die englische Red Brick Ltd., 2018 weiterverkauft an die Drösel, Rosenheim.

Bauvorbescheid Juni 2018: einstimmiger Beschluss in nicht öffentliche Stadtratssitzung mit weitreichenden Zusagen.

Bauantrag Juli 2019: Zustimmung für den Neubau mit 157 Wohneinheiten in öffentlicher Stadtratssitzung.

Protest Viele Kulmbacher kritisierten, dass Stadtgeschichte endgültig verloren geht. tir

Kommentar von Stephan Tiroch: Euros und Heiligenschein

Wie kein anderes Bauprojekt hat der genehmigte Abriss der Mälzerei Müller in der Pestalozzistraße die Öffentlichkeit bewegt. Sehr vielen Kulmbachern war klar: Wenn das alte Backsteingebäude verschwindet, verliert Kulmbach wieder ein Stück seiner Identität. Und: Durch einfallslose Architektur wird eine Bausünde von morgen gebaut.

Der erkennbare Bürgerwille spielte keine Rolle. Die große Mehrheit des Stadtrats traf eine Entscheidung. Ob sie sachkundig war? Diese Frage stellt sich zwangsläufig. Denn es gibt in Kulmbach ein kaum bekanntes Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK), in dem - beschlossen vom Stadtrat - nicht der Abbruch, sondern die Sanierung des Ziegelbaus vorgesehen war.

Im ISEK wird von Fachleuten dargelegt, wie sich Kulmbachs Innenstadt entwickeln, was mit Leerständen und problematischen Quartieren passieren soll. Kein Gefasel, sondern die Grundlage, um Städtebaufördermittel zu bekommen.

Das Konzept wurde seinerzeit mit salbungsvollen Worten gefeiert. Aber leider wurde nicht festgelegt, dass es Pflichtlektüre für Stadträte sein soll. Wie sonst hätten sie ihren eigenen Beschluss ignorieren und die Expertise, dass die alte Mälzerei kein x-beliebiges Projekt ist, vom Tisch wischen können? Es sieht so aus, als ob das ISEK nicht mehr ist als ein Heiligenschein, den man vor sich herträgt, wenn Euros gebraucht werden.