Unterlagen zeigen: Mitglieder des erweiterten Vorstands drängen seit Monaten auf Klärung. Sie fürchten, dass es die Awo "zerreißt".

Das Treffen ist dergestalt, dass manche es "konspirativ" nennen würden. Ein bisschen wie im Krimi. Aber diese Angelegenheit scheint Anleihen aus einem Krimi zu nehmen.

Ein Informant, der namentlich nicht genannt werden möchte, aber erwiesenermaßen ein Insider ist, sitzt in einem kleinen Zimmer einem Journalisten gegenüber, zieht einen Aktenordner hervor und beginnt zu blättern. Zum Vorschein kommen: Protokolle aus Sitzungen, Revisionsberichte, Briefe. Subsumiert: Interna. Der Informant verweist auf die "Brisanz" der diversen Unterlagen, spricht von "Sprengstoff". Wenn nichts passiere, könne es den Kreisverband "zerreißen".

Gemeint ist der Kulmbacher Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt, gegen den aktuell Überprüfungen durch den Bezirksverband Ober- und Mittelfranken sowie den Bundesverband der Awo laufen. Gegenstand der Untersuchungen sind zwei Aspekte: erstens die Vergabepraxis von Architekturleistungen für Bauvorhaben der Awo, die laut Kritikern "auffallend häufig" an das Büro von Hans-Hermann Drenske gegangen sind, dem Ehemann der Awo-Kreisvorsitzenden Inge Aures (was - zudem - einen möglichen Verstoß gegen die Anti-Korruptionsregeln des Verbands darstelle).

Zweitens geht es um das Honorar für den ehemaligen Kreisgeschäftsführer und Ehrenvorsitzenden Oskar Schmidt, der unmittelbar nach seinem Ausscheiden mit einer neuen Aufgabe als Baubegleiter bei der annähernd 14 Millionen Euro teuren Sanierung der Heiner-Stenglein-Seniorenwohnanlage in Kulmbach betraut worden war - und dafür laut internen Papieren 135000 Euro Honorar erhalten haben soll (Architekt war auch hier Hans-Hermann Drenske).

Mancher will Antworten

Die vorliegenden Papiere zeigen, dass ein Teil des erweiterten Kreisvorstands der Awo aufgrund der eingeleiteten Prüfungen nach einem Pressebericht der Frankenpost im Februar Antworten haben wollte. Dazu passt ein Brief, datiert vom 9. Mai dieses Jahres und adressiert an die Hauptgeschäftsführerin der Kulmbacher Arbeiterwohlfahrt, Margit Vogel. Unterzeichnet haben insgesamt neun Personen: Beisitzer, Delegierte, Vorsitzende von Awo-Ortsvereinen. Sie alle bringen darin ihre ernsthafte Sorge um die Zukunft des Kreisverbands zum Ausdruck.

Ergebnis? Dem Informant ist kein Ergebnis bekannt. Dabei wurden in dem Brief explizite Fragen gestellt. Fragen beispielsweise nach dem Vertragsinhalt und der Art der Beschäftigung von Oskar Schmidt. "Wir alle sind davon ausgegangen, dass es sich um eine Art Aufwandsentschädigung handelt, vielleicht über ein paar Euro im Monat."

Allerdings sei den Vorstandsmitgliedern regelrecht "der Mund offen stehen geblieben", als ihnen die sechsstellige Summe mitgeteilt wurde, die letztlich ausbezahlt worden sei. Die entspricht, legt man die von der Vorsitzenden erwähnten 40 Monate Arbeit zugrunde, einem Monatsgehalt von rund 3400 Euro. Für welche Qualifikation und welche Art der Tätigkeit? Auch das wollen die Mitglieder wissen. Sie zweifeln demnach nicht nur die Eignung Schmidts für die Aufgabe an, sondern sehen diesbezüglich auch die Höhe der Entlohnung als in keiner Weise gerechtfertigt.

"Dimension kannte keiner"

Der Informant zeigt sich durchaus selbstkritisch. "Es stimmt, dass die Beschäftigung im erweiterten Vorstand genehmigt wurde. Aber niemand kannte damals doch die wahren Dimensionen." Damit habe man seitens der Vorsitzenden erst viel später rausgerückt. "Inge Aures hat der Presse das auch noch so verkauft, als ob sie der Awo dadurch rund 53000 Euro gespart habe, hätte man die Aufgaben an ein externes Fachbüro vergeben. Diese Gegenrechnung mit der Einsparung hätten einige Mitglieder des Vorstands gerne mal erklärt bekommen, nach welchem Tarifvertrag das ausgehandelt wurde. Meines Wissen gibt es keinen Rentner-Tarif, der so etwas begründen würde. Da wurde im Nachhinein etwas erfunden, damit es unterm Strich passt."

Anfangsverdacht der Untreue?

Im internen Prüfungsbericht des Kreisverbands dazu hieß es bereits 2014: "Das mit dem ehemaligen Vorsitzenden vereinbarte Beschäftigungsverhältnis entspricht nicht den für Rechtsgeschäfte mit nahe stehenden Personen geltenden Grundsätzen." Und als Hinweis steht zu lesen: "Konditionen zu Lasten des Vereinsvermögens können einen Anfangsverdacht der Untreue begründen."

Stellvertreter legt Amt nieder

Diese Verflechtung hatte offenbar auch den ehemaligen stellvertretenden Kreisvorsitzenden Rudolf Müller dazu bewogen, sein Amt im Dezember 2019 aufzugeben (der Posten ist bis heute vakant). Gegenüber der BR sagte er: "Es hat auch mit den internen Regularien innerhalb des Verbands zu tun, die ich mit meiner Arbeit so nicht hätte in Einklang bringen können."

Er konkretisierte seine Einschätzung mit Einführung der neuen Compliance-Vorgaben, die die Awo bundesweit für sich definiert hatte. Dazu zählen auch Anti-Korruptionsregeln, die unter anderem die Vergabe von Aufträgen innerhalb der Arbeiterwohlfahrt an nahe stehende Personen des Kreisvorstands streng reglementiert. "Ich gebe zu, dass ich Probleme auf mich und meine Tätigkeit zukommen sah."

Prüfer kündigt Auftrag

Bereits 2014 hatte - jedenfalls ist das aus den Unterlagen ersichtlich - auch der Kölner Wirtschaftsprüfer Stefan Dick auf Interessenskonflikte hingewiesen. Dick war mit den externen Prüfungen der Bilanz betraut worden. Der Prüfer hatte seinen Auftrag, wie in einem Schreiben seines Büros zu lesen, 2015 gekündigt, unter anderem mit der Begründung, ihm seien nicht alle notwendigen Unterlagen zur Verfügung gestellt worden.

Dazu sagt der Informant: "Man muss wissen, dass ein Wirtschaftsprüfer für seine Beurteilungen haftet, sollten sie sich als fehlerhaft herausstellen. Wenn er aber per se nicht ordnungsgemäß seiner Arbeit nachgehen kann, weil ihm Daten fehlen, wird er sich hüten, eine Beurteilung abzugeben. Ich und andere in der Awo fragen sich nun: Was wirft das für ein Licht auf den Kreisverband? Es scheint schon fast Methode zu sein, unliebsame Informationen, die gewissen Personen nicht passen, zurückzuhalten."

Aus Dicks letztem Prüfbericht geht hervor, dass die Beschäftigung Schmidts nicht zuletzt den genannten Awo-internen Compliance-Regelungen zuwiderlaufe. Dieser "Code of Conduct" ist eine Liste von Verhaltensregeln, mit denen unter anderem verhindert werden soll, dass innerhalb der Verbandsstruktur Geschäfte zwischen sich nahe stehenden Personen eingefädelt werden können. Die Rede ist hier von Interessenskonflikten. Ein solches Regularium (auch als Governance-Kodex betitelt) hatte der Bundesverband der Awo im November 2017 in Berlin beschlossen. Seit 2008 bereits hatte das Vorgängerpapier eines solchen Awo-Unternehmenskodex' existiert.

Unter dieser Prämisse rücken ferner die Vergaben zahlreicher Architekturaufträge an das Büro Drenske in den Fokus der Prüfer des Bundesverbands. Auch hierüber fordern Vorstandsmitglieder Auskunft von Vorsitzender und Hauptgeschäftsführerin. Verlangt wurden eine detaillierte Auflistung aller Bauaufträge inklusive der Angabe des Auftragsvolumens der vergangenen 1 5 Jahre. Der Informant betont, dass diese Forderung gegenüber der Führungsriege des Kreisverbands zur Aufklärung der Vorwürfe bereits zur Delegiertenversammlung Ende März im Raum standen - doch wegen Corona wurde der Termin abgesagt.

In einem Antrag zur Sitzung vom 9. März heißt es, man bitte einen Juristen des Bundesverbands hinzuziehen zu dürfen. Zudem lege man Aures nahe, "ob das Ruhen Ihres Amtes als Kreisvorsitzende bis zur vollständigen Klärung der im Raum stehenden Vorwürfe nicht die bessere Alternative für unseren Auftritt als Kreisverband in der öffentlichen Wahrnehmung wäre".

"Ende des Günstlingssystems"

Der Informant wird deutlicher: "Es geht mir und anderen um die Mitarbeiter im Verband, die Ehrenamtlichen in den Ortsvereinen und die Bewohner in den Einrichtungen. Um das ganze Konstrukt nicht zu gefährden, muss Inge Aures schnellstens gehen, muss dieses Günstlingssystem ein Ende haben wie in anderen Awo-Verbänden in Frankfurt oder Thüringen auch, wo diese Art von Selbstbedienungsladen genauso funktioniert hat. Es steht klar im Kodex geschrieben: Dauerhafte Interessenkonflikte führen zu einer Beendigung des Mandats - das gilt selbstverständlich auch für die Vorsitzende." Die Maßnahmen zur Korruptionsvermeidung könnten nicht "einfach nach Gusto" im Kreisverband geändert werden, denn das verstoße gegen geltendes Recht in der Bundes-Awo.

Eigene "Lex Kulmbach"

Mit der "Lex Kulmbach", die als Verschärfung verkauft worden sei, habe man zynischer Weise den Interessenkonflikt quasi als solchen zementiert. "Die Regelungen zur Vermeidung von Interessenkonflikten führen sich damit ad absurdum: Sie werden jetzt legitimiert. Unter den gegeben Umständen, mit all den Kontakten zum Büro Drenske, hätte Inge Aures nie an die Spitze des Kreisverbands kommen dürfen.

Nun gelte es, wie der Gesprächspartner sagt, "weiteren Schaden von der Awo und der guten Idee, die dahinter steht, abzuwenden. Hoffentlich greift der Bundesverband durch, so dass wir neu starten können: mit einer neuen Struktur an der Spitze und internen Kontrollen, die Missbrauch klar verhindern."

Das sagt Inge Aures

"Vetternwirtschaft" in der Kulmbacher Arbeiterwohlfahrt? Darüber berichteten Medien bereits im Februar dieses Jahres. Ob das zutrifft, prüfen aktuell der Awo-Bezirks- und Bundesverband. Es geht unter anderem um Auftragsvergaben für Architekturleistungen an den Ehemann der Kreisvorsitzenden Inge Aures, Hans-Hermann Drenske, sowie die befristete Beschäftigung des Ex-Kreisvorsitzenden Oskar Schmidt als Projektbetreuer.

Inge Aures bekundete der BR gegenüber im März: "Die Geschäftsbeziehungen zwischen Awo und dem Architekturbüro Drenske gehen bis ins Jahr 1992 zurück. Ich selbst bin erst seit Oktober 2014 Kreisvorsitzende und war mit den Vergaben nicht befasst gewesen. Ich war auch nicht an der Beratung oder der Beschlussfassung beteiligt."

"An Ehrenkodex gehalten"

Inge Aures widerspricht der Darstellung, wonach die Vergabe von Aufträgen an ihren Mann gegen den Awo-Ehrenkodex, den "Code of Conduct", verstoße. Dieser besagt zusammengefasst: Kein Mitglied der geschäftsführenden Vorstände dürfe bei Entscheidungen "persönliche Interessen verfolgen, welche im Widerspruch zu den Interessen des Unternehmens stehen oder Geschäftschancen, die dem Unternehmen zustehen, für sich persönlich nutzen. Es ist darauf zu achten, dass bereits der Anschein solcher Verhaltensweise vermieden wird". Die Kulmbacher Awo habe im Gegenteil den Kodex 2015 extra für den Kreisverband eingeführt, so Aures. "Das wurde uns so von unserer nächstgestellten höheren Ebene, dem Bezirksverband, auch genehmigt. Nun wird aber so getan, als hätten wir die Vorgaben des Bundesverbands ausgehebelt. Der hat erst 2017 eine Anti-Korruptions-Richtlinie ausgegeben, während wir schon zwei Jahre früher dran waren."

Honorar gerechtfertigt?

Weiterer Gegenstand der Vorwürfe ist die Beschäftigung des früheren Kreisvorsitzenden Oskar Schmidt im Zuge der Sanierungsmaßnahmen der Heiner-Stenglein-Wohnanlage. Das Honorar für die 40-monatige Tätigkeit belief sich auf insgesamt 135000 Euro. Laut Aures habe Schmidt über Kompetenz und Erfahrung zur sachgerechten Abwicklung von Projekten verfügt. "Er war regulär tariflich angestellt und hat einen ganz normalen Arbeitsvertrag mit der Awo gehabt." Schmidt habe korrekt im Rahmen dieses Vertrags 40 Stunden pro Woche gearbeitet und die Bauherrenfunktion beim Bau des Awo-Heims Am Rasen erfüllt.

"Herr Schmidt hat unsere Interessen als Awo vertreten und unter anderem die Vergaben vorbereitet", sagt Aures. Seine Stunden seien "nachweislich akribisch dokumentiert" und von der Revision geprüft worden. "Er hat sein Geld für eine anspruchsvolle Projektsteuerung bekommen. Wir haben sogar die Berechnung machen lassen, was es gekostet hätte, hätten wir diese Stelle extern vergeben. Damit haben wir der Kulmbacher Awo rund 53000 Euro gespart."

Diese Fragen sind offen

Im Laufe der inzwischen mehrwöchigen Recherche seit Mitte Juli haben sich zahlreiche Fragen ergeben, die bisher offiziell nicht beantwortet wurden. In Informanten- und Hintergrundgesprächen wurden zum Teil zwar Antworten gegeben - allerdings auch mit dem Hinweis, dass dies bei einer Veröffentlichung (so) nicht verwendet werden dürfe.

Auch die Kreisvorsitzende Inge Aures war zu einem Hintergrundgespräch Ende Juli in unserer Redaktion. Sie wollte und will sich allerdings offiziell nicht äußern, weil sie eigenen Angaben zufolge auf die Stellungnahme des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt wartet. Der war mit der Thematik betraut worden, weil im eigentlich zuständigen Bezirksverband Aures stellvertretende Vorsitzende ist und man keine Zweifel an der Unabhängigkeit der Untersuchung aufkommen lassen wollte.

Nach Angaben von Inge Aures hatte der Bundesverband weitere Fragen nach Kulmbach geschickt, die bis Anfang August hatten beantwortet werden müssen. Nun warte man auf die endgültige Antwort, die von Aures für Ende August avisiert worden war.

So lange hatten wir auch zugesagt, mit einer Berichterstattung zu warten, um die Stellungnahme einfließen lassen zu können. Nun allerdings steht diese Reaktion des Bundesverbands immer noch aus.

Wozu müssen nun die Awo-Verbände, der Kreisvorstand und Inge Aures auf jeden Fall Stellung nehmen?

1. Wie sinnvoll war es, dass Inge Aures vor dem Hintergrund, dass ihr Ehemann ein Architekturbüro betreibt und langjähriger Auftragnehmer der Awo war, das Amt der Kreisvorsitzenden im Oktober 2014 übernommen hat? War nicht schon da für sie und alle, die sie unterstützt und gewählt haben, absehbar, dass ihr Interessenskonflikte vorgeworfen werden könnten?

2. Die Arbeiterwohlfahrt arbeitet nach Aussage von Inge Aures seit 1992 mit dem Architekturbüro Drenske zusammen. Hätte sich dies ändern müssen, nachdem Inge Aures Kreisvorsitzende geworden war - mit allen Vor- und Nachteilen für den Verband?

3. Welche Folgerungen haben die Kreisvorsitzende und der Kreisvorstand aus dem internen Prüfbericht von 2014 gezogen, der die Vergabepraxis kritisiert hatte, wie Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen, dokumentieren? Immerhin war auch von einem Anfangsverdacht der Untreue die Rede.

4. Die Unterlagen dokumentieren, dass interne Revisoren 2018 die Vergabepraxis ebenfalls schon kritisiert hatten. Welche Folgen hatte dies? Warum haben (die) Revisoren nicht bereits früher diese Kritik geübt? 5. Warum unterstützt nur ein Teil des erweiterten Vorstands die Kritik? Warum kritisieren aktuelle und frühere Vorstandsmitglieder das Handeln der Vorsitzenden erst jetzt?

6. Wessen Idee war es, den früheren Vorsitzenden und Geschäftsführer Oskar Schmidt für den lukrativen Beraterposten zu gewinnen? Auf welcher Grundlage wurde die Entschädigung von 3400 Euro pro Monat festgelegt? Ist diese Leistung nicht eigentlich Bestandteil des Aufgabenkatalogs des Architekten gewesen? Und wenn schon zusätzlicher Projektberater: Wurde dieser Kostenblock dann wenigstens aus dem Architekturbudget rausgerechnet oder wurde das dem Kreisverband zusätzlich in Rechnung gestellt?

7. Warum beschließt ein Kreisvorstand die Beschäftigung Schmidts und wird nicht über die Höhe der Entschädigung informiert? Wie lautete der konkrete Beschluss? Warum fragt damals offenbar keiner der Vorstandsmitglieder, die dies jetzt kritisieren, nach der Höhe der Entschädigung? Haben diese Vorstandsmitglieder ihre Aufgabe ernst genug genommen?

8. Warum wird die Kritik an Sachverhalten, die den Kritikern zufolge seit Jahren bekannt sind, erst jetzt artikuliert? Warum tritt keiner der Kritiker offen auf?

Kommentar von Jochen Nützel: Man sollte erst etwas wissen, bevor man berichtet

Die Vorwürfe sind unmittelbar formuliert. "Warum habt Ihr zum Thema XY nix in der Rundschau?" Gerne verquickt mit dem Hinweis: "Bei den anderen stand das schon letzte Woche drin" und bisweilen bissig garniert mit einem leicht despektierlichen "Schloofkapp'n".

Das letzte Mal, als diese Äußerung uns gegenüber fiel, ist noch gar nicht so lange her. Auslöser waren die Vorwürfe gegen den Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt respektive dessen Vorsitzende Inge Aures. Im Februar bereits hatte die Frankenpost aus Unterlagen zitiert, die ihnen von Eingeweihten der Awo zugespielt worden waren. Daraus ließ sich entnehmen, dass sich eine gewisse Front gegen die Vorsitzende gebildet hat. Es ging unter anderem um die Vergabe von Architektenleistungen innerhalb des Verbands sowie eine zeitweilige Weiterbeschäftigung des Ehrenvorsitzenden (siehe dazu Artikel links). In besagten Notizen war auch ein Schreiben dabei, das indirekt eine Rücktrittsforderungen an Inge Aures implizierte. Besagte Unterlagen bergen Brisanz, keine Frage. Nur: Sie lagen uns nicht vor, jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt nicht. Anders als unserem Mitbewerber. Dem wurden die Informationen durchgestochen, wie wir Medienleute sagen. In Teilen der Awo spricht man von "Maulwurf". Fest steht: Der Informant hat sich - aus welchem Grund auch immer - mit seinem Exklusivwissen eben nur an eine Zeitung gewandt. In der Causa Awo hatten wir also das Nachsehen und konnten nur nachziehen, was bereits andernorts zu lesen stand. Die Infolage hat sich mittlerweile aber geändert.

Das ist die eine Hälfte der Wahrheit. Zur anderen gehört: Selbst wenn wir über Informationen verfügen, kann es berechtigte Gründe geben, diese nicht stante pede unters Volk zu bringen.

Das ist für das Geschäftsmodell Medien ein nicht ungewöhnlicher Vorgang. Die rausgefeuerte Schlagzeile verspricht zwar fast immer hohe Lesequote oder - in der heutigen Zeit die fast noch wichtigere Währung - Klicks im Internet; dennoch geht es bei aller Schnelllebigkeit immer auch um Verantwortung denjenigen gegenüber, die in der Kritik stehen. Sie zumindest anzuhören, ist ein journalistscher Grundsatz, der selbst im inflationären Infotainment nie zur Disposition stehen sollte.

Fest steht auch: Menschen instrumentalisieren andere oder werden instrumentalisiert (auch wir Medienmenschen sind da nicht gefeit davor). Das ist kein Vorwurf, sondern zunächst einmal eine Feststellung. Wer ein hehres Anliegen hat, weil er auf einen gesellschaftlichen Missstand aufmerksam machen möchte, sollte sich auch weiterhin guten Gewissens an uns als "Transporteure der Wahrheit" (so jedenfalls heißt es in einem Journalismus-Lehrbuch fast schon pathetisch) wenden können. Bei dieser Kommunikation können Bruchstellen entstehen, die wiederum Missverständnisse produzieren, einen falschen Eindruck erwecken oder Menschen glauben lassen, sie würden vertröstet oder, noch schlimmer, hingehalten. Ja, wir Zeitungsleute machen Fehler. Wer fehlerlos ist, der werfe gleich hier und jetzt die erste Gegendarstellung.

Die Krux ist: Medien können meistens nur nachträglich und von außen auf komplexe Sachverhalte blicken; sie waren weder bei Sitzungen noch Gesprächen dabei. Vergleichbar ist unsere Arbeit der des Staatsanwalts in in einem Kriminalfall: Wir suchen nach Hin- und Beweisen oder wenigstens Indizien, hoffen auf (glaubwürdige) Zeugen, die sich melden und weiterhelfen. Was - und auch das müssen wir zum Thema Awo dezidiert festhalten - extrem mühsam ist, denn die allermeisten Gesprächspartner sagen entweder gar nichts oder bitten darum, dass wir sie nicht zitieren oder den Namen nennen, wenn sie etwas äußern. Man mag das aus deren Sicht verstehen - es macht aber eine Berichterstattung, die objektiven Kriterien genügt, erheblich schwieriger. Es ist der Glaubwürdigkeit eines Artikels nicht zuträglich, wenn sich der Verfasser Formulierungskrücken wie "hinter vorgehaltener Hand" oder "aus gut unterrichteten Kreisen" bedienen muss, auch wenn das auf den ersten Blick suggeriert, er verfüge über Hintergrundwissen, ohne konkret Quellen nennen zu müssen. Es ist oft ein Vorwand dafür, dass man eigentlich mehr etwas auf Hörensagen gibt statt auf Fakten. Eine ungute Melange. Journalismus sollte niemals verbale Selbstbefriedigung sein und schon gar nicht die eigene Eitelkeit bedienen. Er dient einem grundgesetzlich verbrieften Auftrag, die Öffentlichkeit zu unterrichten. Nicht von ungefähr hat der Gesetzgeber die Medien mit erheblichen Sonderbefugnissen ausgestattet.

Umso ehrlicher müssen wir Redakteure uns machen, wenn es darum geht, dem Leser nicht nur den Sachverhalt zu vermitteln, sondern auch darüber zu unterrichten, wie wir recherchieren; warum wir gerade so berichten, und auch, warum manche "Story" länger ruht oder nie erscheint. Das gehört zur Wahrheitsfindung und ist ein wesentlicher Beitrag zur Transparenz, die in medienkritischen Zeiten wichtig ist.