Die Sozialdemokraten haben sich als erste Partei festgelegt - nach Martin Schulz schicken sie 2021 Olaf Scholz ins Kanzler-Rennen.

Doch nicht nur der frühe Zeitpunkt ein Jahr vor der Bundestagswahl hat viele Beobachter überrascht, sondern auch die Personalie. Schließlich war Finanzminister Scholz erst 2019 bei der Wahl zum SPD-Vorsitz bei der Basis durchgefallen. Stattdessen signalisierten die Mitglieder mit der Wahl von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken an die Parteispitze, dass der rote Wagen künftig eher wieder auf die linke Spur einfädeln soll.

Wird nun mit der Kür von Scholz der Auftrag der Basis ignoriert? Ist der eher spröde und konservative Hanseate wirklich der Richtige, um das Profil der einstigen Volkspartei wieder zu schärfen? Und sie aus dem Umfragetal der Tränen - zuletzt lag die SDP nur noch bei 15 Prozent - herauszuführen?

Wir haben die Kulmbacher Sozis mit einigen provokanten Thesen konfrontiert - hier die Antworten.

These 1:

Scholz scheitert wie einst Schulz

Ingo Lehmann (Kulmbacher OB): Man weiß nie, was in einem Jahr passiert. Aber für mich hat es keinen anderen Kandidaten gegeben. Olaf Scholz hat mit Abstand den größten Bekanntheitsgrad in der Partei und ist nach Angela Merkel der beliebteste Politiker in Deutschland. Außerdem ist Scholz krisenerprobt, hat Deutschland 2009 als Arbeitsminister durch die Finanzkrise gebracht.

Inge Aures (MdL): Das glaube ich nicht. Olaf Scholz hat seine Qualitäten bewiesen, zuletzt wieder in der Corona-Krise.

Wolfgang Hoderlein (ehemaliger SPD-Vorsitzender Bayerns): Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der Gegner der SPD heißt 2021 nicht Angela Merkel. Gegen sie hat jeder Kandidat pygmänenhaft gewirkt. Martin Schulz ist an der unglaublichen, psychotischen Anfangseuphorie gescheitert, die er nicht aufrechthalten konnte. Das passiert Olaf Scholz nicht. Außerdem hat Olaf Scholz klar gesagt, dass es mit ihm keine neue Groko geben wird. Der Kardinalfehler der SPD war die Groko II von 2013 bis 2017, da hat die Konservatisierung der SPD und die Sozialdemokratisierung der Union eingesetzt. Es ist vollkommen klar, dass es eine Groko IV nicht geben darf.

Simon de Ridder (Juso-Mitglied): Olaf Scholz scheitert nicht wie Martin Schulz. Die SPD hat sich in den letzten Jahren inhaltlich erneuert, dahinter stehen auch wir Jusos. Das wird man auch am Wahlprogramm sehen. Erika Brose (42 Jahre SPD-Mitglied): Das kann man vorher nie sagen. Wer hätte gedacht, dass Ingo Lehmann Kulmbacher OB wird? Es hängt sicher auch davon ab, wen die Union als Kandidat bringt.

These 2:

Kevin Kühnert wäre der bessere Kandidat gewesen

Lehmann: Nein.

Aures: Ich gehöre noch zu der Generation, die von Leuten erwartet, dass sie sich erst einmal beweisen müssen, bevor sie große Verantwortung übernehmen können. Vom Hörsaal in den Plenarsaal ist der falsche Ansatz, Politik muss man an der Basis bei den Menschen lernen.

Hoderlein: Jede Organisation braucht natürlich einen Stachel wie Kühnert. Aber für gewisse Ämter muss man einfach Erfahrung haben. Deshalb ist Scholz mit weitem Abstand die beste Lösung. Ich erinnere nur daran, dass er in der Finanzkrise 2008/09 als Arbeitsminister das Kurzarbeitergeld erfunden hat, das weltweit kopiert wird.

De Ridder: Kevin Kühnerts Zeit wird noch kommen. Jetzt kandidiert er ja bekanntlich erstmal für den Bundestag. Olaf Scholz ist der beliebteste Kandidat in der SPD, und hinter ihm stehen auch wir Jusos. Brose: Nein, bis zum Kanzlerkandidaten muss sich Kevin Kühnert noch ein wenig Zeit lassen. Aber natürlich brauchen wir solche Leute wie ihn, die progressive Thesen entwickeln.

These 3:

Die SPD-Basis hat mit

Norbert Walter-Borjans

und Saskia Esken die

falschen Chefs gewählt.

Ihre Entscheidung für Scholz als Kanzler-

kandidaten ist mutlos

Lehmann: Bei der SPD bestimmen bekanntlich alle Mitglieder die Parteispitze. Die Vorsitzenden haben auch immer das Erstzugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur. Bei zwei Vorsitzenden ist es natürlich auch nicht so einfach. Aber dass die Entscheidung für Olaf Scholz so schnell kam, war zwar überraschend, aber auch nicht schlecht. Denn das setzt die Union unter Druck.

Aures: Ich habe die beiden nicht gewählt, sondern war für Olaf Scholz. Die Mitte der Gesellschaft, also die arbeitende Schicht, die das Bruttosozialprodukt erwirtschaftet, kann man nicht in links und rechts einteilen. Olaf Scholz ist aus vielen Perspektiven ein wählbarer Mann, auch für Unternehmer.

Hoderlein: Die SPD-Führung hat mit ihrer Politik die Leute nicht mehr erreicht und wurde mit der Wahl von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken abgestraft. Das Votum für die beiden war ein Weckruf an die da oben, das hat mit links und rechts nichts zu tun. Hinter der Wahl standen natürlich auch ein paar Aktivisten, speziell die Jusos um Kevin Kühnert.

De Ridder: Wir haben mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gute und die richtigen Vorsitzende. Ihre Entscheidung ist nicht mutlos. Wir Jusos sind nicht immer mit Olaf Scholz einer Meinung, aber er hat gezeigt, dass er lernfähig ist. Er ist der richtige Mann, um bei der nächsten Wahl für die richtigen Mehrheiten zu sorgen. Brose: Ich hätte mir auch die Franziska Giffey als Kanzlerkandidatin vorstellen können. Aber die Entscheidung für Scholz ist auch der schwierigen Zeit geschuldet. Ich habe ihn zwar nicht als Parteivorsitzenden gewählt, aber in der momentanen Zeit braucht man einen, der sachlich und nüchtern die Dinge in die Hand nimmt.