Kulmbach
Gewaltiger Streit

Kreis Kulmbach: Mann rast mit Vollgas auf Kind (9) zu - Opfer nach Todesdrohungen traumatisiert

Beleidigt, bedroht und fotografiert: Ein Neunjähriger aus dem Kreis Kulmbach muss in ständiger Angst leben. Ein Nachbar hatte den Jungen mit einem Auto gejagt. Dies ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs.
Ein Mann im Kreis Kulmbach machte mit seinem Auto Jagd auf einen Neunjährigen. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa

Streit in Dorf eskaliert und lässt Kind traumatisiert zurück: Der Ort im Landkreis Kulmbach ist klein, sehr klein. Doch dort tobt seit Jahren ein gewaltiger Streit. Anzeigen hin, Anzeigen her. Viele Gerichte hatten und haben zu tun. Vor einem Jahr der Höhepunkt, die Fehde eskalierte: Ein Mann machte mit seinem Auto Jagd auf ein Kind. Der damals Neunjährige konnte sich nur mit einem Sprung in den Graben retten.

Schon zuvor und seither noch mehr leidet der Bub unter den Vorfällen im Dorf und wird psychotherapeutisch behandelt. Er hat Angst vor der Nachbarsfamilie, besonders vor dem Vater des Angeklagten. Er soll ihm mehrmals gedroht haben, ihn in den Keller zu sperren oder in der Regentonne zu ertränken.

Bub leidet und hat Angst

Der Bub gab bei der Polizei an, dass er ständig fotografiert werde von den Nachbarn. Er fühle sich immer und überall beobachtet: "Ich habe immer Angst, dass jemand von denen da ist, auch in meinem Zimmer." Der Psychotherapeut teilte dem Gericht schriftlich mit, dass der Junge einmal wöchentlich in seine Praxis komme. Die Behandlungsdauer schätzte er auf zwei Jahre.

Dass es im ganzen Dorf Streit mit der Familie gibt, erklärte eine Zeugin. "Seit Jahren werden die Kinder beleidigt, bedroht und fotografiert. Die Kinder machen nichts anderes, als auf dem Dorfplatz zu spielen." Gespräche seien sinnlos, selbst der Bürgermeister habe nichts erreicht.

Auch Vater und Mutter des Angeklagten standen bereits vor Gericht - vor eineinhalb Jahren: Sie hatten es auf die Mutter und die Schwester des Neunjährigen abgesehen und versucht, deren Pferde zu erschrecken. Sie hätten damit Leib und Leben der beiden Geschädigten gefährdet, hieß es. Die Reiterinnen hätten abgeworfen werden können. Wegen eines versuchten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr wurden die Eltern zu Geldstrafen verurteilt.

Mann machte mit Auto Jagd auf das Nachbarskind

Seinerzeit gingen die Prozessbeteiligten davon aus, dass sich die Situation in dem Nest beruhigt hat. Was offenbar nur ein frommer Wunsch war, wie der Vorfall im Juli 2019 zeigt. Staatsanwältin Lisa Sommer warf dem 39-jährigen Angeklagten vor, sich rücksichtslos und grob verkehrswidrig verhalten zu haben. Er sei auf der engen Dorfstraße zu schnell gefahren, habe extra beschleunigt. "Das Kind konnte sich nur durch einen Sprung in den Graben retten."

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Der Angeklagte legt ein Geständnis ab. Er habe sich über die frechen Kinder im Dorf geärgert, meinte der Mann. "Sie wurden gegen uns aufgehetzt." Er habe aber den Jungen nicht verletzen, sondern nur erschrecken wollen. Es sei ziemlich knapp gewesen - Abstand nur noch 1,5 bis zwei Meter. Der Angeklagte gab zu, einen Fehler begangen zu haben, und sagte: "Das würde ich auch nicht mehr so machen."

Ohne Geständnis wäre er härter bestraft worden. Denn dann hätte das Opfer vor Gericht aussagen müssen, stellte Richterin Sieglinde Tettmann fest. Dies sei dem heute Zehnjährigen damit erspart worden.

Zeugin "ist das Herz in die Hose gerutscht"

Die Tat abzustreiten, wie er es anfangs getan hatte, hätte dem Mann auch nichts genützt. Die erwähnte Zeugin hatte den Vorfall beobachtet. Aus dem Fenster habe sich gesehen, "wie er schnell angefahren kam, Vollgas gab und mit durchdrehenden Reifen auf den Buben zufuhr. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht."

Der Junge hatte bei der Polizei angegeben, dass ihn andere Kinder durch Zurufe gewarnt hätten. "Als er knapp hinter mir war, bin ich in den Graben gesprungen. Ich bin mir sicher, dass er mich erwischt hätte, wenn ich nicht gesprungen wäre." Die Staatsanwältin forderte eine deutliche Strafe für den bisher nicht vorbestraften Mann: 80 Tagessätze mal 70 Euro, also 5600 Euro. Was der Angeklagte getan hat, spreche für eine "gewisse Gefühlskälte".

Der Verteidiger hielt 45 Tagessätze für ausreichend. Sein Mandant werde künftig "gelassener bleiben und so was nicht mehr machen". Er plädierte dafür, dass der Mann den seit dem Vorfall eingezogenen Führerschein zurückbekomme. Als Außendienstler sei er dringend auf die Fahrerlaubnis angewiesen. Wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung wurde der Angeklagte zu einer Geldstrafe von 4900 Euro (70 Tagessätze) verurteilt. Der Führerschein wurde ihm gleich nach der Verhandlung ausgehändigt.

Massive seelische Folgen für den Buben

Die Richterin sprach von massiven seelischen Folgen für den Buben. Sie riet dem Mann, sich gegenüber Kindern zurückzuhalten, "auch wenn sie etwas falsch machen". Er solle sich künftig aus den Streitigkeiten im Dorf raushalten. Tettmann: "Durch Anzeigen und Gegenanzeigen wird es nicht aufhören. Das dürfen Sie gerne auch an Ihre Eltern weitergeben."