Enkel Marcus Olbrich (12) kann diesmal nicht viel sagen: Er ist nach einer Zahnoperation zum Schweigen verurteilt. Dafür plaudert sein Großvater Erich wie ein Wasserfall: Mit ihm können Leser der Bayerischen Rundschau und ihre Kinder Kulmbach von seiner unbekannten Seite kennenlernen. Er führt sie zu Schätzen, an denen man in der Hektik des Alltags achtlos vorbeiläuft. Wie etwa die Holztür in der Waaggasse mit dem Äskulapstab. "Hier wohnte früher die Hebamme", erklärt Erich Olbrich.


Was bedeutet MZB?

Die Kinder sind mit Feuereifer bei der historischen Wanderung dabei. Angekommen beim Prinzessinnenhaus in der Oberen Stadt 36, wo einst Markgräfin Sophie Wilhelmine gelebt hat und sich heute der Betreuungs- und Beratungsdienst der Arbeiterwohlfahrt für pflegende Angehörige befindet, fragt der Stadtführer die Buben und Mädchen: "Was bedeutet die Abkürzung

MZB, die ihr oberhalb der Türe seht?" Emely Buschbacher muss nicht lange überlegen: "Markgräfin zu Brandenburg." Olbrich ist begeister: "Ich merke schon, ihr seid fit."

Auch seinen Enkel Marcus fasziniert die Geschichte seiner Heimatstadt Kulmbach. Trotz eines geschwollenen Backens sagt er: "Ich bin geschichtlich interessiert und finde es toll, den Leuten zu vermitteln, wie es früher einmal in Kulmbach war." Der Zwölfjährige, der in die 7. Klasse des MGF-Gymnasiums geht, verrät, dass er seinem Opa schon früher gerne bei seinen Führungen durch Altstadt über die Schulter geschaut habe.


"Wir vermitteln lebendiges Wissen"

"Wir wollen bei den großen und kleinen Kulmbachern die Begeisterung für die Geschichte ihrer Heimatstadt wecken. Wir sagen keine Jahreszahlen auf, sondern vermitteln mit bildhaften Erzählungen lebendiges Wissen.

Wer alle Touren mitmacht, lernt unglaublich viel über die Stadtgeschichte", sagt Großvater Erich.

Insgesamt zehn solcher Entdeckertouren, die die Stadt Kulmbach zusammen mit der Aktion "Franken helfen Franken" der Mediengruppe Oberfranken organisiert hat, wird es geben - heuer sechs (siehe Info-Kasten) und vier weitere im nächsten Jahr.

Bei der Exklusiv-Tour für BR-Leser kommen die Teilnehmer aus dem Staunen nicht heraus. "Dass es unterhalb des Rehbergs bei den Drei Steinen, wo sich früher der Richtplatz befand, eine Brunnenstube gab, in der das Wasser aus alten Quellen gesammelt und dann über hölzerne Röhre zum Kulmbacher Badhaus geleitet wurde, war mir bislang unbekannt. Die Entdeckertour macht ihrem Name alle Ehre", sagt Andrea Senf. Die Kulmbacherin ist begeistert von den fesselnden Erzählungen des Stadtführers. Ihm ist es ein Herzensanliegen, den Kulmbachern die Historie ihrer Stadt näherzubringen.

Sein Credo: "Wer die Vergangenheit nicht ehrt, ist der Zukunft nicht wert."


Der Markgraf und der Kobold

Damit die Kinder bei der Stange bleiben, spannt er sie immer wieder auf die Folter: "Der geheimnisvolle Kobold wartet noch auf Euch", erzählt er ihnen immer wieder. Dann ist das ehemalige Gefängnis am Weißen Turm erreicht, das sogenannte Bürgerloch. Dort soll der Sage nach einst ein armer Weber vom Markgrafen eingesperrt worden sein. Er hatte seiner Familie mit einem Fichtenbaum zu Weihnachten eine Freude bereiten wollen. Doch der entwendete Baum gehörte dem Fürsten. Da befreite ein Kobold den armen Mann und bescherte ihn reich mit einem Sack voller Golddukaten.

Olbrich sperrt die Türe zum Gefängnis auf. Von einem Kobold keine Spur - doch was sehen die Kinderaugen? Auf dem Boden liegt ein kleines Säckchen.

Olbrich öffnet es und zur Freude der Kleinen kommen süße Goldtaler zum Vorschein.

Bei den künftigen Führungen wird Marcus Olbrich wieder fit sein. Dann übersetzt und erklärt er die lateinischen Inschriften, die es in Kulmbach gibt.
 


Entdeckertouren mit Erich und Enkel

Termine: 29. Mai Obere Stadt - Schwanenbräu; 19. Juni Spitalgasse - Langheimer Amtshof; 17. Juli Waaggasse - Petrikirche; 14. August: Oberhacken - Weiherdamm; 18. September 500 Jahre Reinheitsgebot (drei Stunden); 9. Oktober Langgasse - Kriegerdenkmal. Treffpunkt Marktplatz beziehungsweise Schwanenbräu-Keller beim Thema Reinheitsgebot.

Beginn Die sonntäglichen Führungen starten um 14 Uhr.

Dauer Falls nicht anders angegeben, dauern die Führungen 60 bis 90 Minuten.

Kosten Bei den Touren wird kein Eintritt verlangt. Die Veranstalter bitten um eine Spende für "Franken helfen Franken"; die Einnahmen kommen einem Projekt für Kulmbacher Kinder zugute.

Anmeldung Tourist-Information, Buchbindergasse 5, Telefon 09221/95880.