Manuel Fassold hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Er muss seine Felder bestellen, sich um seine Kühe kümmern und mehr denn je auf seine Betriebskosten achten. Der Krieg in der Ukraine macht dem Landwirt aus Mainroth Sorgen. Er bringt neben dem großen Leid für viele Menschen horrende Preissteigerungen für Energie, Futtermittel und Dünger. Wenn Faßold diese Mehrkosten nicht ausgleichen kann, sieht es schlecht aus für den Familienbetrieb.

Russland und die Ukraine gehörten bislang zu den größten Lieferanten von Weizen für den Weltmarkt, rund ein Drittel der globalen Weizenexporte stammten aus den beiden Ländern.Wegen des Krieges in der Ukraine steigen nun weltweit die Preise für Lebensmittel an. Welche Auswirkungen hat das für die Nahrungsmittelversorgung in der Region? Müssten wir nicht versuchen, uns auch auf diesem Gebiet von internationalen Abhängigkeiten zu lösen?

Das Thema treibt auch viele unserer Leser um. Ein Mann rief in der Redaktion an und meinte: Man könne es sich doch nun keinesfalls mehr leisten, Ackerflächen einfach stillzulegen. Auf den Brachen müsste man jetzt Weizen aussäen, um die Erntemengen zu erhöhen.

Geht das so einfach? Und muss das überhaupt sein? Wir haben mit Landwirtschaftsexperten aus der Region über dieses Thema gesprochen.

Das Thema ist komplex, sagt Michael Schmidt, stellvertretender Leiter des Amts für Landwirtschaft und Forsten Coburg-Kulmbach. "Da spielen die vielen Lieferbeziehungen, die wir innerhalb und außerhalb der EU haben, eine große Rolle." Innerhalb einiger Wochen könne man ohnehin keine neue Strukturen schaffen. "Wir haben viele Jahre über eine Ökologisierung der Landwirtschaft diskutiert, über eine Extensivierung. Jetzt innerhalb kürzester Zeit eine Intensivierung zu fordern, das wäre ein Paradigmenwechsel, über den man sich erst einmal einig sein müsste." Aus Schmidts Sicht besteht kein Grund zur Panik: "Engpässe bei der Lebensmittelversorgung sind bei uns aktuell nicht zu befürchten. Die EU produziert genug."

Wie sich der Krieg in der Ukraine auf die Landwirtschaft auswirkt, damit beschäftigt man sich bei der Regierung von Oberfranken derzeit sehr intensiv, denn die Behörde ist auch für die Ernährungs-Notfallvorsorge zuständig. "Über Jahrzehnte hat man diesem Bereich wenig Aufmerksamkeit gewidmet, die Regale waren schließlich voll, die Bevölkerung überversorgt", sagt Rainer Prischenk, Bereichsleiter Ernährung und Landwirtschaft. Doch schon seit einigen Jahren nehme man das Thema angesichts verschiedener Krisen wieder wichtiger.

Der Russland-Ukraine-Konflikt stelle Lieferketten auf den Kopf, mit denen die deutsche Landwirtschaft eng verflochten sei. "Die gegen Russland gerichteten europäischen Sanktionen verunsichern die Finanzmärkte und treiben sprunghaft Preise in die Höhe", sagt Prischenk. Hat ein Doppelzentner Weizen vor zwei Jahren noch 15 Euro gekostet, werden dafür aktuell 37 Euro aufgerufen.

Gravierende Folgen für die Landwirtschaft sind bei Düngemitteln zu erwarten: Russland ist in diesem Bereich der weltweit größte Exporteur. "Bei den Energie- und Treibstoffkosten wirkt sich die Krise jetzt schon drastisch aus." Auch Futtermittel werden teurer.

? Während bei uns in Deutschland zumindest kein Mangel an Nahrungsmitteln zu befürchten sei, sehe das in vielen Ländern der Welt ganz anders aus. Russland und die Ukraine sind nicht nur für 30 Prozent der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte verantwortlich, sondern beide Länder zusammen liefern auch fast 80 Prozent der globalen Menge an Sonnenblumenöl.

Souveränität oder mehr Naturschutz?

Müssten wir, um unabhängiger zu werden, auf Stilllegungen verzichten? Die Frage unseres Lesers hält Rainer Prischenk für durchaus berechtigt. "Wir haben nur einen etwa 1500 Kilometer breiten Streifen rund um die Erde, wo genug Wasser fällt, um Landwirtschaftschaft mit hohen Erträgen zu betreiben. Da müssen wir schon überlegen: Können wir uns das leisten, gerade in dieser Gegend Flächen stillzulegen." Letztlich sei es eine politische Entscheidung: "Ist unser vorrangiges Ziel Lebensmittelsouveränität, dann spricht viel dafür, die Flächen zu nutzen. "

Wie werden die landwirtschaftlichen Betriebe diese turbulenten Zeiten überstehen? "Wer nur Weizen, Gerste oder Sonnenblumen anbaut, erzielt dafür höhere Preise und kann vielleicht seinen erhöhten Produktionskosten abdecken. Kritisch wird es in der Tierhaltung. Da müsste beim Landwirt deutlich mehr Geld ankommen."

Darauf hofft auch Manuel Faßold. Gemeinsam mit seinen Eltern bewirtschaftet er 100 Hektar Ackerland und 60 Hektar Grünland, baut Getreide und Raps an und hält 100 Milchkühe. Auf 20 Prozent seiner Felder baut der 31-Jährige Weizen an und ist froh, dass er nur einen Teil davon bereits vorab vermarktet hat.

Auch die Faßolds haben derzeit drei Prozent ihrer Flächen stillgelegt, um die staatlich vorgegebenen Umweltleistungen zu erfüllen. Mit der geplanten Agrarreform soll der Anteil noch steigen. Faßold sieht das kritisch. Flächen, die nicht wirtschaftlich zu bearbeiten sind, könne man der Natur überlassen. "Fruchtbares Land sollten wir für Ackerbau nutzen."

Es müsse ein Umdenken stattfinden, so der Landwirt - in der Politik und bei den Verbrauchern: "Viele Jahre war alles in Hülle und Fülle vorhanden. Wir konnten uns am Agrarmarkt in anderen Ländern bedienen. Dafür haben wir unsere eigene Landwirtschaft zurückgefahren. Jetzt sieht es mit einem Schlag anders aus. Darauf müssen wir reagieren."

Die volle Tragweite des Krieges werde die Landwirtschaft wohl erst im nächsten Jahr richtig zu spüren bekommen. Der 31-Jährige ist sich sicher: "Das dicke Ende kommt erst noch."