Seit Jahrzehnten darf die Natur auf einem Grundstück in der Hannes-Strehly-Straße wachsen und wuchern, wie sie will. Neben der Werner-Grampp-Schule der Arbeiterwohlfahrt kreucht und fleucht es. Bäume, Sträucher und Hecken bieten vielen Tieren einen Lebensraum.

Doch damit könnte es bald vorbei sein. Hier ist etwas im Busch - denn der Wildwuchs soll verschwinden. Die Nachbarschaft ist nicht begeistert vom Vorhaben eines Kulmbacher Architekten, der zwei Mehrfamilienhäuser bauen will. Man befürchtet, dass sich die Hochwassersituation in der Hannes-Strehly-Straße und in der Fröbelstraße noch verschärft.

Noch kein Bauantrag

Das umstrittene Thema beschäftigt am Donnerstag den Kulmbacher Stadtrat. Es wird aber - noch - nicht über einen Bauantrag abgestimmt. Zunächst soll der Flächennutzungsplan geändert werden: nicht mehr Erweiterungsfläche für die Förderschule, sondern künftig allgemeines Bauland. Das Vorgehen sei mit der Arbeiterwohlfahrt abgesprochen, so Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD): "Die Awo hat erklärt, dass sie das Gelände nicht braucht."

Das knapp 2700 Quadratmeter große Grundstück gehört der Stadt Kulmbach. Dafür interessiert sich Stephan Häublein, Architekturbüro H2M. Er hat der Stadt eine Kaufanfrage vorgelegt. In direkter Nachbarschaft zur Schule und zum ATS-Sportgelände plant Häublein den Bau von zwei Gebäuden mit 20 Wohnungen und Tiefgarage.

"Unten" ist Alarm

Wenn "oben" zwei Wohnblocks entstehen sollen, dann läuten "weiter unten" in der Hannes-Strehly-Straße und in der Fröbelstraße die Alarmglocken. 15 Nachbarn sind zum Pressetermin erschienen, um ihren Interessen Nachdruck zu verleihen. "Hier unten bei uns sammelt sich das Wasser. Wir hatten schon mehrfach die Brühe im Keller", berichtet Harald Schmidt.

So ein Neubau "da oben" mit weiterer Flächenversiegelung mache alles noch schlimmer. "Dann kommt noch mehr runter. Dafür ist der Kanal nicht ausgelegt", sagt er. Es könne nicht sein, dass der Stadtrat dieses Projekt genehmigt, "und die anderen Leute lässt man absaufen", meint Dieter Dressel.

Bei Starkregen, so Dieter Wiesel, schieße die braune Flut auch oberflächlich die Hannes-Strehly-Straße hinab. Ein Großteil der Wassermassen komme vom ATS-Gelände. Hier wäre schon viel geholfen, wenn man beim Dreier-Sportplatz einen Wall bauen würde.

"Vorgehensweise fragwürdig"

Ferner liegt den Stadträten ein Brief von Gabriele Fölsche vor. Die langjährige Vorsitzende des Tierschutzvereins, die ebenfalls in der Hannes-Strehly-Straße wohnt, setzt sich dafür ein, dieses "Biotop mit einer bunten Artenvielfalt" nicht zu zerstören. Seit 20 Jahren beobachte sie das Habitat, in dem geschützte und bedrohte Tierarten einen Lebensraum haben. Unter anderem Kröten, Molche, Singvögeln und Spechtarten seien dort heimisch.

"Die Vorgehensweise, rund 3000 Quadratmeter Fläche über 40 Jahre der Natur zu überlassen, um diese dann plattzumachen, ist für mich sehr fragwürdig", schreibt die Tierschützerin. Zumal die Stadt auf Antrag der WGK dabei sei, eine Verordnung zum Verbot von Schottergärten auf den Weg zu bringen.

Fölsche sieht zudem Konfliktpotenzial durch die Wohnbebauung in der Nähe von Schule und Sportplatz. Vor einer Beschlussfassung des Stadtrats hält sie einen Ortstermin für sinnvoll - "mit der Stadt abgestimmt"

"Unmittelbare Nachbarn einbezogen"

Zu den Bedenken einzelner Anwohner könne er nichts sagen, "da sie mir nicht bekannt sind", erklärt der Investor auf Anfrage. Er betont aber, dass das Projekt und der Entwicklungsprozess "von uns eng mit allen Fachabteilungen der Stadt Kulmbach - Bau, Liegenschaft, Naturschutz - transparent und einvernehmlich abgestimmt" worden seien. Alle Unterlagen lägen der Stadt und ihren Gremien vor.

Er habe, so Häublein, im Vorfeld auch ein Naturschutzfachgutachten eingeholt und "bewusst" die unmittelbaren Nachbarn einbezogen: "Sie haben einer möglichen Bebauung in der dargelegten Form bereits zugestimmt."

OB Lehmann bestätigt, dass Architekt Häublein an die Stadt herangetreten ist. Neben der Kaufanfrage für das Grundstück habe er bereits eine Planung für zwei Häuser mit elf und neun Wohnungen vorgelegt. Bebaut werden sollen 1900 Quadratmeter an der Straße, 755 Quadratmeter im hinteren Bereich sollen Grünfläche für Wiesenbrüter und andere Tiere bleiben.

Neuer Baudirektor soll planen

Häublein habe zunächst von einer Einzelhausbebauung gesprochen, bevor er im Oktober offenbar seine Planung änderte. "Versprochen wurde ihm aber nichts", betont Lehmann. Dies sei schon deshalb nicht möglich, weil der Verkauf des Grundstücks durch den Stadtrat erfolgen muss.

Er persönlich, so der Oberbürgermeister, könne sich in der Hannes-Strehly-Straße im Zuge einer Lückenbebauung eine gelockerte Bauweise - zum Beispiel Reihenhäuser - vorstellen. Dies wäre auch im Sinne des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts. Denn durch die Isek-Fortschreibung solle die Innenentwicklung gefördert werden. "Außerdem hätte man hier ein kleineres Baugebiet, wie es die WGK beantragt hat", meint Lehmann und sagt: "Von Wohnblocks halte ich nicht viel."

Er möchte, dass sich der neue Stadtbaudirektor, der ab Januar seine Arbeit aufnimmt, Gedanken macht über die Nutzung der Fläche.