Seit mehr als einer Woche wird in Kulmbach über die Vorwürfe gegen Oberbürgermeister Henry Schramm (CSU) diskutiert. Wir haben nun mit einem Kommunikationsforscher über die Frage gesprochen, wie die Wähler seinen Erkenntnissen zufolge mit den Informationen umgehen

Wie ernst nimmt der Wähler solche Vorwürfe?

Markus Behmer: Gerade jetzt, in der heißen Wahlkampfphase, wird das natürlich sehr viel intensiver wahrgenommen als zu anderen Zeiten. Aber es gibt da auch ganz verschiedene Wählergruppen - die eigenen Parteifreunde werden das weniger stark gewichten. Diejenigen, die ohnehin gegen den Kandidaten sind, wird das allenfalls in ihrer Meinung bestärken. Die stärksten Auswirkungen hat das sicher auf die bisher unentschlossenen Wähler.

Welche Auswirkungen haben solche Vorwürfe dann auf die Wahlentscheidung?

Das ist schwer einzuschätzen. Es kommt einmal darauf an, wie offen der Betroffene mit den Vorwürfen umgeht, wie geschickt sie gegebenenfalls widerlegt werden - aber es kommt auch darauf an, wie die Medien berichten, wie es in den Social-Media-Plattformen diskutiert wird, ob es etwa einen Shitstorm gibt.

Gibt es in der Auswirkung einen Unterschied zwischen Klein- und Großstädten? Wie drückt er sich aus?

In kleineren Städten gibt es oft fast dörfliche Strukturen, Vereine und Verbände spielen noch eine große Rolle. Die Leute haben auch ein persönlicheres Bild vom Kandidaten. In derartigen Strukturen können solche Vorwürfe irritieren - sie werden aber auch persönlicher gehandhabt als in der Großstadt. Positiv ist also: ich kenne den Kandidaten vielleicht schon aus anderen Beziehungen - negativ, dass solche Vorwürfe gleich wichtiger sein können.

Nehmen CSU-Wähler solche Vorwürfe weniger übel als die von SPD oder Grünen?

Das hängt sehr von den örtlichen Gegebenheiten ab. Unter Strauß hieß es bei der CSU bei so etwas vielleicht "A Hund is er scho!". Spätestens mit Streibels Amigo-Affäre hat sich das geändert. Auch die CSU thematisiert moralische Werte in ihrem Wahlkampf - da können vorgebliche oder tatsächliche Fehlverhalten stark irritieren. Etwa bei den Grünen wäre das eventuell noch mehr der Fall. Inwieweit spielen bei der Beurteilung durch den Wähler andere Kandidaten eine Rolle, die als "stark" oder "blass" wahrgenommen werden?

Eine ganz große Rolle. Es kommt sehr darauf an, wie sich die andere verhalten - ob und wie sie die Vorwürfe thematisieren und welche Glaubwürdigkeit sie in den Augen der Wähler haben. Insbesondere Kommunalwahlen sind Persönlichkeitswahlen.

Macht es auf die Auswirkungen einen Unterschied, ob es zwei, vier oder sechs Bewerber um ein Amt sind?

Der Wähler kann sein Bild von einem Kandidaten wegen solcher Vorwürfe eventuell revidieren. Das kann das Ergebnis durchaus verändern - wo es vielleicht keine Stichwahl gegeben hätte, kann es dadurch auch zu einer Stichwahl kommen.

Welche Rolle spielt die Intensität der öffentlichen Diskussion?

Eine ganz große! Je breiter die Empörung ausgeprägt ist - in Kommentaren im Netz, in Leserbriefen, bei einem Shitstorm - umso eher könnte das Bild eines Bewerbers um ein Amt leiden. Anders, als wenn der Wähler es nur als weiteres Thema im Wahlkampf neben anderen wahrnimmt.

Was bleibt in der öffentlichen Sicht auf einen Politiker nach solchen Ermittlungen hängen?

A bisserl was bleibt immer hängen, könnte man flapsig antworten. Mir ist jedenfalls kein einziger Fall bekannt, in dem jemand gestärkt aus einer solchen Affäre hervorgegangen wäre. Wenn es freilich schnell erledigt ist, kann es auch denen auf die Füße fallen, die es losgetreten haben. Es hängt ganz davon ab, wie rasch der Sachverhalt in den Augen des Wählers geklärt ist.

Wer ist Markus Behmer?

Markus Behmer ist seit elf Jahren Professor an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seit 2009 beschäftigt er sich mit empirischer Kommunikationsforschung und spürt neue Trends im Journalismus auf, analysiert zum Beispiel, wie ein Tema zur Nachricht wird und befasst sich mit Fragen der Glaubwürdigkeit der Medien.

Seit viereinhalb Jahren ist er zudem Dekan der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultät. Behmer ist 58 Jahre alt.

Diskussion um den Kauf von Grundstücken - eine Chronologie

2007 An der Meußdoerffer-Schule droht nach Angaben der Stadt Kulmbach der Hang abzurutschen. Das Nachbargrundstück wird für 165.000 Euro erworben, um den Bereich stützen zu können. 2013 14. Februar: Der Aufsichtsrat der Städtebau beschließt den Verkauf des Anwesens Jean-Paul-Straße 7 an die Frau von OB Schramm, der zu diesem Zeitpunkt Aufsichtsratsvorsitzender ist. Oktober: Der Kauf wird vollzogen - Schramm ist Geschäftsführer der Städtebau, Stefan Schaffranek Aufsichtsratsvorsitzender. Frau Schramm verkauft das Grundstück am gleichen Tag an ihren Mann. 2015 Die Städtebau ändert ihre Geschäftspolitik - man will sich auf größere Objekte konzentrieren und sich von kleineren trennen. 2018 Die Städtebau will die beiden Anwesen Blaicher Straße 4/Albert-Schweitzer-Straße 5 verkaufen. Das Wertgutachten eines vereidigten Sachverständigen geht von einem Kaufpreis von 87.000 Euro aus. Die beiden Anwesen werden für 90.000 Euro an einen Kulmbacher Handwerker verkauft, der das kleinere Grundstücke wiederum an Henry Schramm für 37.000 Euro verkauft. Die Beschlüsse fallen im Aufsichtsrat der Städtebau einstimmig. 2019 Im Dezember erhält Aufsichtsratsmitglied Hans Werther eigenen Abgaben zufolge Informationen zu dem Grundstückskauf in der Blaich. Er fragt bei der Städtebau nach und erhält, so sagt er, unbefriedigende Antworten. In einem Brief an Stadtratsmitglieder und Aufsichtsräte thematisiert er seine Fragen - aber auch danach erhält er eigenen Angaben nach keine befriedigenden Antworten. 2020 Anfang Februar: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth erhält eine anonyme Anzeige, in der Oberbürgermeister Henry Schramm Untreue und Bereicherung im Amt vorgeworfen wird. Mitte vergangener Woche wird bekannt, dass Hans Werther Anzeige bei der Wirtschaftsstaatsanwaltschaft Hof erstattet hat. Die Ermittlungsbehörden einigen sich aber darauf, dass die Ermittlungen in Bayreuth geführt werden. 6. Februar: Oberbürgermeister Henry Schramm informiert die Öffentlichkeit und den Kulmbacher Stadtrat.