Inge Aures steht seit Monaten in der Kritik: Bei der Baugenossenschaft (BG), deren Aufsichtsratsvorsitzende sie war (oder noch ist?), bei der Arbeiterwohlfahrt, deren Kreisvorsitz sie weiterhin innehat. Sowohl der Verband Bayerischer Wohnungsbauunternehmen wie auch Awo-Bundesvorsitzender Wolfgang Stadler haben unter anderem gerügt, dass Planungsaufträge ohne die Einholung von Gegenangeboten an das Architekturbüro ihres Ehemanns gegangen sind. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft macht die Runde. Bei der Awo ermittelt wegen möglicher Vermögensdelikte sogar die Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen dauern hier noch an. Die bei einer Durchsuchung sichergestellten Unterlagen müssten noch ausgewertet werden, so die Staatsanwaltschaft Hof gestern auf Anfrage unserer Zeitung.

"Wann legt Aures Ämter nieder"

Die BG hat Aures als Aufsichtsratsvorsitzende abgewählt - wogegen sie klagt. Bei der Awo wurden bis dato keine Konsequenzen gezogen. Was sich viele fragen: Wie steht die SPD zu Inge Aures, die ja immerhin Kreisvorsitzende ist und für die Partei seit 2008 im Landtag sitzt? Es gibt Mitglieder, die nach den schwerwiegenden Vorwürfen auch den Rücktritt von den politischen Ämtern fordern, die sich namentlich aber nicht äußern wollen. Es gibt Kritiker wie den früheren

Das "System Aures"

SPD-Landesvorsitzenden Wolfgang Hoderlein, der betont, dass es wie bei der Awo auch in der Partei das "System Aures" gebe, in dem Widerrede nicht erwünscht sei. Und es gibt Beobachter wie Jürgen Meins, der Chef-Jurist am Landratsamt war. "Wann legt Inge Aures endlich ihre Ämter nieder?", hat Meins in einem Leserbrief gefragt. Meins, ein früheres SPD-Mitglied ("Mein Herz schlägt immer noch ein bisschen für die Partei"), legt im Gespräch mit der Bayerischen Rundschau nach. Die Partei müsse sich die Frage stellen, wie sie mit Aures, die nach den Vorgängen auch politisch schwer belastet sei, in eine Landtagskandidatur 2023 ziehen wolle. "Da muss die SPD doch jetzt auf ein unbelastetes junges Gesicht setzen, wie es etwa der jetzige Bundestagskandidat Simon Moritz ist", erklärt der Jurist, der einen Rückzug von Inge Aures in der SPD wie Hoderlein für überfällig erachtet.

Meins macht keinen Hehl daraus, dass er die Baugenossenschaft bei der Altlastenfrage in der Blaich und bei baurechtlichen Fragen juristisch berät. Auch wenn Aures mit eben jener Genossenschaft in einem juristischen Streit steht - Meins versichert, dass er die Vorgänge unvoreingenommen bewertet.

SPD bleibt jede Antwort schuldig

Bei der SPD gibt es viele Fragen, doch die Partei bleibt bis dato jede Antwort schuldig. Wird die Causa Aures totgeschwiegen? Wir haben nachgefragt - bei ihrem Stellvertreter im Kreisvorstand, dem früheren Trebgaster Bürgermeister Werner Diersch, bei Kulmbachs OB Ingo Lehmann und Stadtrat Hans Werther. Werther gehört zu denen, die im OB-Wahlkampf die Ermittlungen um die Grundstücksgeschäfte von Henry Schramm (CSU) ins Rollen gebracht haben. Er habe sich moralisch verpflichtet gefühlt, Anzeige zu erstatten, hat er erklärt. Ob er, würde er den gleichen Maßstab wie bei Schramm anlegen, Inge Aures nicht nahelegen müsste, ihre politischen Ämter niederzulegen? Eine Frage, auf die der Stadtrat wie auf alle anderen Fragen, die wir gestellt haben, keine Antwort gibt. Sind die Vorwürfe gegen Inge Aures in der SPD kein Thema? Kann sie unter den Voraussetzungen erneut für den Kreisvorsitz kandidieren? Werther wertet dies als Suggestivfragen. "Auf solche Spielchen lasse ich mich nicht ein", schreibt er. Wie Hans Werther hat auch stellvertretender Kreisvorsitzender Werner Diersch unsere konkreten Fragen nicht beantwortet. Er stellt sich in seiner Reaktion hinter Aures. "Ich halte es aber für eine innere Angelegenheit der Partei, wie sie vorgeht und Kandidaten bewertet. Persönlich werde ich Inge Aures weiter den Rücken stärken."

Das sagt der OB

OB Ingo Lehmann sieht keine Suggestivfragen. Er hat geantwortet. Ob er die erneute Kandidatur für den Kreisvorsitz unterstützen würde? "Ja", sagt der OB, der auf die Frage, ob er Aures dazu ermuntern würde, bei der Landtagswahl noch einmal anzutreten, antwortet: "Inge Aures wird selbst entscheiden, was sie 2023 tun will." Auch die Frage, ob die Kritik bei der Awo und Baugenossenschaft in der SPD überhaupt ein Thema ist, haben wir ihm gestellt. "Diese Themen müssen bei der Awo und bei der Baugenossenschaft erläutert werden. Außerdem sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abzuwarten", betont der Oberbürgermeister, der nicht die Auffassung vertritt, dass die SPD bei Henry Schramm den moralischen Zeigefinger erhoben hat. Die Sachverhalte bei Inge Aures und Henry Schramm seien außerdem nicht vergleichbar.

Für erneute Kandidatur bereit

Ob sich Inge Aures aber überhaupt noch einmal für den Kreisvorsitz bewerben wird? Ob sie eine erneute Landtagskandidatur 2023 ins Auge fasst? Aures hat diese und weitere Fragen beantwortet (siehe "Das sagt Inge Aures"), dabei deutlich gemacht, dass sie für eine erneute Kandidatur auf Kreisebene zur Verfügung steht. Über die Landtagskandidatur werde zu gegebener Zeit mit den Parteigremien gesprochen.

Die Talfahrt

Wohin der Weg der SPD führt, bleibt offen. Nicht wenige Genossen wünschen sich eine Erneuerung, hoffen, dass so auch ein Negativtrend gestoppt werden kann. Sie verweisen darauf, dass die Kulmbacher SPD unter Aures - sie hatte Ingo Lehmann 2008 als Kreisvorsitzenden abgelöst - bei den Kommunalwahlen auf Kreisebene von 25,8 auf 18,91 Prozent im Jahr 2020 abgestürzt ist, dass sie nur noch drei Bürgermeister im Landkreis stellt und in etlichen Gemeinderäten nicht mehr vertreten ist. Eine Bilanz, die wenig erfreulich ist, zumindest öffentlich aber nicht thematisiert wird.

"Rücktritt zwingend"

Es gibt viele, die Aures stützen. Er gibt aber auch parteiintern Kritiker, die es nicht wagen, sich in der Presse zu äußern. Anders als der frühere Landesvorsitzende Wolfgang Hoderlein und das einstige Parteimitglied Jürgen Meins. Beide halten ihren Rücktritt auch mit Blick auf die Vorgänge bei der Awo und BG für zwingend. "Der Anschein von Vetternwirtschaft ist Gift" hat SPD-Chef Norbert Walter-Borjans im Zuge der Maskenaffäre in der Union erklärt. Diesen Satz sollte sich die SPD ins Stammbuch-Schreiben, sagt Jürgen Meins. Da Inge Aures keine Konsequenzen zieht, stellt sich für den Juristen die Frage: "Wann reagiert die örtliche SPD?" Die reagiert nicht, sondern schweigt.