Tagtäglich werden wir durch die Medien über Todesfälle informiert, doch das Sterben im unmittelbaren Umfeld zu erleben, ist wieder etwas ganz Anderes. Umso bemerkenswerter, dass sich vor gut drei Jahren 13 Schüler der 10. Klasse des Caspar-Vischer-Gymnasiums dieser Herausforderung stellten und für ein Kunst- und Religionsprojekt an ihrer Schule Patienten auf der Palliativstation im Kulmbacher Klinikum interviewten.
Entstanden ist daraus nicht nur eine Kunstinstallation, die 2015 im Klinikum ausgestellt wurde, sondern das Projekt ging weiter und fand jetzt schließlich in einem kleinen Bildband seinen Abschluss. "Für mich ist dies ein Leuchtturmprojekt für viele Schulen", sagte die stellvertretende Landrätin Christina Flauder (SPD) bei der offiziellen Buchpräsentation am Mittwochabend in der Buchhandlung Friedrich. Sie war Mitinitiatorin und hat auch für die finanziellen Mittel für den Buchdruck geworben - auf offene Ohren stieß sie dabei beim Rotary-Club Kulmbach. "So etwas darf nicht einfach in einer Schublade verschwinden", darin waren sich Christina Flauder und die Geldgeber einig.
Das entstandene Buch "Leben an der Grenze" besticht durch seine stillen Fotografien, die liebevolle Aufmachung und die Kernsätze aus den Interviews, die den Leser zuweilen schwer schlucken lassen. "Mein ganzes Leben war ich der starke Mann, doch jetzt will ich zusammenbrechen und weinen!", heißt es etwa darin, doch es finden sich auch Aussagen, die Mut machen: "Ja von wegen Schwäche! Merkt ihr was, dass ich schwächle?"


Ein Stück erwachsener

Religionslehrerin Julia Sedlmeier, die mit ihrem Kollegen und Kunstlehrer Andreas Schobert das Projekt leitete, zeigte sich auch von den Aussagen der Schüler beeindruckt. "Mich berührte besonders der Satz: "Wir sind, denke ich, alle ein Stück erwachsener geworden.'"
Einige der Schüler, die vor drei Jahren die Interviews führten, waren zur Buchpräsentation anwesend und berichteten über ihre persönlichen Erfahrungen.
"Dieses Erlebnis hat mich überwältigt und nachhaltig geprägt", sagte etwa Tim Kotschenreuther, "das Projekt hat mich verändert." Überrascht war Felix Krebs bei den Interviews gewesen, denn die Patienten hätten nicht nur gejammert, "sie blickten dankbar auf ihr Leben zurück."
Bereits in der vierten Generation kümmerten sich Schüler um das Projekt "Leben an der Grenze" - ein Thema, das Teil des Lehrplans in jeder 10. Gymnasialklasse ist. "Dafür sind im Lehrplan elf Stunden vorgesehen, und ich hatte immer das Gefühl, ich bin dem Thema nicht gerecht geworden", erklärte Julia Sedlmeier.
Nach diesem Projekt habe sie endlich das Gefühl, dass sie den Schülern viel mitgeben und auch selbst etwas lernen konnte. Ebenso wie ihr Kollege Andreas Schobert, der sich zwar verstärkt um die künstlerische Umsetzung kümmerte, aber ebenfalls bei einigen Interviews dabei war. "Ich war doch geneigt, mit negativ besetzten Gefühlen an die Sache heran zu gehen, aber diese Frau, die wir interviewen durften, ist mit ihrer Situation sehr positiv umgegangen und hat uns in einem sehr lebendigen Gespräch aus ihrem Leben erzählt." Als außergewöhnlich bezeichnete Schulleiterin Ulrike Endres diese Form der Auseinandersetzung mit dem Tod, "wir müssen den Mut fassen, ihn als Teil unseres Lebens zu akzeptieren."
Landrat Klaus Peter Söllner (FW), der es sich nicht nehmen ließ, ebenfalls bei der gut besuchten Buchpräsentation dabei zu sein, zeigte sich beeindruckt von dem Projekt und meinte, es sei ungewöhnlich, dass sich junge Menschen freiwillig mit dem Sterben beschäftigen. "Die menschliche Zuwendung ist unglaublich wichtig und den vielen engagierten Leuten zu verdanken. Ich verneide mich in Dankbarkeit vor dieser Arbeit."
Das Buch "Leben an der Grenze" ist ab sofort für zehn Euro am Caspar-Vischer-Gymnasium sowie in der Buchhandlung Friedrich erhältlich. Der Erlös des Buches soll in weitere Schülerprojekte fließen.