Der Legende nach fliegen am Gründonnerstag nach dem Gloria die Glocken nach Rom, um sich den päpstlichen Segen abzuholen. Das bedeutet: In katholischen Gebieten schweigen die Glocken. Dann treten in Motschenbach die Raspler auf den Plan - die einzigen ihrer Zunft im Seelsorgebereich Kulmbach Stadt und Land.
Karfreitag, kurz vor sechs Uhr. Es ist noch stockfinster. Die Temperaturen liegen bei minus vier Grad. Die Wiesen sind mit Frost überzogen. Eigentlich genau das richtige Wetter, um auszuschlafen und den Feiertag mit einem gemütlichen Frühstück im Kreis der Familie ruhig angehen zu lassen.
In Motschenbach tut sich zu dieser unchristlichen Zeit allerdings schon einiges. Denn um 6 Uhr haben die Raspler oder Ratscher ihren ersten Einsatz. Anne Zapf ist die erste, die es kaum erwarten kann. Treffpunkt ist das hell erleuchtete Kreuz unterhalb der Kirche. "Für mich gehört das Ratschen einfach dazu. Ich habe jetzt die kleinen Ratschen genommen, es gibt auch noch größere", sagt sie.
Schon kommen weitere Mitglieder der Gruppe. Alexander Held hat eine Raspel dabei, die sein Vater gebaut hat. "Die ist schon 15 Jahre alt. Aber ich muss mal wieder welche bauen", erklärt Roland Held. Der Papa freut sich, dass sein Sohn jetzt durch den Ort zieht. Alexander Held ist einer der wenigen Jungs. Er tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Früher durften Mädchen beim frühmorgendlichen Lärmen nicht dabei sein.
Pfarrsekretärin Gisela Turdi erinnert sich noch, dass sie auch als Kind schon gerne beim Raspeln dabei gewesen wäre. "Aber das war damals nicht üblich", erzählt sie. Jetzt holt sie alles nach. Die Pfarrsekretärin hat in der heimischen Scheune die alte Familien-Ratsche gefunden.
Ein Instrument, das aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stammt. Die Ratschen hat Hämmerchen. "Ich musste sie restaurieren lassen. Aber der Schreiner Thaler hat eine super Arbeit geleistet. Er war einen ganzen Tag beschäftigt, um sie wieder instand zu setzen", erzählt Turdi. Um die Familiengeschichte zu bewahren, hat sie die Namen des Erbauers - Andreas Dauer - in deutscher Schrift einbrennen lassen. Dann hatte die Ratsche Georg Dauer, ihr Vater. Schließlich übernahm sie das Instrument - und auch ihr Sohn war schon damit unterwegs.
Auch Katja Tanzmeier hat eine Ratsche mit langer Familiengeschichte. Die Jahreszahlen 1925 bis 1929 prangen auf dem Instrument. Die einzigen Inhaber allerdings leben schon nicht mehr. Sie sind im Krieg geblieben, weiß Tanzmeier. Ihr Instrument ist noch zu 100 Prozent Original. Es ist glatt geschliffen und funktioniert wie eh und je.
Auch all die anderen Ratschenkinder bringen ihre eigenen Raspeln und Ratschen mit. Einige haben große Instrumente, einige eher kleinere. Einige Ratschen sind mit Walzen ausgestattet, einige mit Hämmerchen. Doch eins haben alle gemein: Sie sind laut, und sie sollen den Ruf der Glocken ersetzen.
Am Karfreitag wird um 6, 9.30, 11.45, 14.45, 18.30 und 19.45 Uhr geratscht, beim Kreuzweg, bei der Nachmittagsfeier vom Leiden und Sterben Christi und bei der Andacht "Sieben Worte Jesu am Kreuz". Am Karsamstag sind die Ratscher ebenfalls um 6 Uhr, um 11.45 und um 20.20 Uhr aktiv sowie in der Osternacht. Um 14 Uhr wird gesammelt.
"Das Raspeln in Motschenbach ist einzigartig. Denn ansonsten wird im gesamten Seelsorgebereich Kulmbach Stadt und Land nirgendwo mehr geratscht", sagt Christian Montag. Dass er selbst auch eine Ratschen bedient, ist für den Kaplan Ehrensache. "Klar mache ich mit. Ich möchte doch mit den Menschen in Kontakt sein", sagt der Kaplan.
Die Kids sind aufgeregt und freuen sich auf das Spektakel. "Es ist normal, dass ich mitmache. Die Oma hat gesagt, dass ich mitgehen soll", erzählt Hanna Barnickel (7). "Ich stehe sowieso immer so früh auf. Das macht mir nichts aus", erklärt Johanna Herold (7). Und auch Eva Bornschlegel (9) und Julia Tanzmeier (10) sind gespannt. "Ich mache jetzt zum zweiten Mal mit. Mich kann man nicht mehr ins Bett stecken. Das ist doch lustig", findet Lea Feulner (8). Vorsichtshalber hat sie Handschuhe angezogen, denn ansonsten wäre es zu kalt.
Für Kaplan Montag ist der Zug durch Motschenbach in diesem Jahr Premiere. Denn er ist noch neu im Seelsorgebereich. "Aber das Ratschen ist eine schöne Tradition. "Es ist wichtig, sie am Leben zu halten."
Die Raspler lärmen nicht nur mit den Instrumenten, sondern sagen auch "Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum". Kaplan Montag erklärt, dass es sich bei diesen Worten um das Ave Maria handelt. Auf deutsch bedeuten die Worte: "Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!" Vor den Messen allerdings ändert sich der Spruch: "Ihr Christen kommt jetzt alle raus zum Gottesdienst ins Gotteshaus. Wir rufen zusammen, wir rufen zusammen", sagen die Ratscher dann. Und vor der Osternachtsfeier werden noch die Worte: "Feuer, Brot und Wasser werden geweiht, zu richten das weiße Hochzeitskleid" eingefügt.
Am Karsamstag sammeln die Raspler auch Geld und Eier. "Eia putz draus der Tuod is raus, langt uns zehn Schuak Eier raus", ist der Spruch, den die Ratscher einstudiert haben. Ein Schock Eier sind übrigens fünf Dutzend oder 60 Stück. Eine Einheit, die noch aus den Zeiten stammt, als jeder im Ort Landwirtschaft hatte.
Die Verse, die die Ratscher rufen, sind regional sehr unterschiedlich. Jede katholische Gemeinde hat ihren eigenen Spruch, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Karfreitag, kurz vor sechs Uhr. Es ist noch stockfinster. Die Temperaturen liegen bei minus vier Grad. Die Wiesen sind mit Frost überzogen. Eigentlich genau das richtige Wetter, um auszuschlafen und den Feiertag mit einem gemütlichen Frühstück im Kreis der Familie ruhig angehen zu lassen.
In Motschenbach tut sich zu dieser unchristlichen Zeit allerdings schon einiges. Denn um 6 Uhr haben die Raspler oder Ratscher ihren ersten Einsatz. Anne Zapf ist die erste, die es kaum erwarten kann. Treffpunkt ist das hell erleuchtete Kreuz unterhalb der Kirche. "Für mich gehört das Ratschen einfach dazu. Ich habe jetzt die kleinen Ratschen genommen, es gibt auch noch größere", sagt sie.
In den Fußstapfen des Vaters
Schon kommen weitere Mitglieder der Gruppe. Alexander Held hat eine Raspel dabei, die sein Vater gebaut hat. "Die ist schon 15 Jahre alt. Aber ich muss mal wieder welche bauen", erklärt Roland Held. Der Papa freut sich, dass sein Sohn jetzt durch den Ort zieht. Alexander Held ist einer der wenigen Jungs. Er tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Früher durften Mädchen beim frühmorgendlichen Lärmen nicht dabei sein.Pfarrsekretärin Gisela Turdi erinnert sich noch, dass sie auch als Kind schon gerne beim Raspeln dabei gewesen wäre. "Aber das war damals nicht üblich", erzählt sie. Jetzt holt sie alles nach. Die Pfarrsekretärin hat in der heimischen Scheune die alte Familien-Ratsche gefunden.
Vom Schreiner restauriert
Ein Instrument, das aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stammt. Die Ratschen hat Hämmerchen. "Ich musste sie restaurieren lassen. Aber der Schreiner Thaler hat eine super Arbeit geleistet. Er war einen ganzen Tag beschäftigt, um sie wieder instand zu setzen", erzählt Turdi. Um die Familiengeschichte zu bewahren, hat sie die Namen des Erbauers - Andreas Dauer - in deutscher Schrift einbrennen lassen. Dann hatte die Ratsche Georg Dauer, ihr Vater. Schließlich übernahm sie das Instrument - und auch ihr Sohn war schon damit unterwegs.Auch Katja Tanzmeier hat eine Ratsche mit langer Familiengeschichte. Die Jahreszahlen 1925 bis 1929 prangen auf dem Instrument. Die einzigen Inhaber allerdings leben schon nicht mehr. Sie sind im Krieg geblieben, weiß Tanzmeier. Ihr Instrument ist noch zu 100 Prozent Original. Es ist glatt geschliffen und funktioniert wie eh und je.
Auch all die anderen Ratschenkinder bringen ihre eigenen Raspeln und Ratschen mit. Einige haben große Instrumente, einige eher kleinere. Einige Ratschen sind mit Walzen ausgestattet, einige mit Hämmerchen. Doch eins haben alle gemein: Sie sind laut, und sie sollen den Ruf der Glocken ersetzen.
Am Karfreitag wird um 6, 9.30, 11.45, 14.45, 18.30 und 19.45 Uhr geratscht, beim Kreuzweg, bei der Nachmittagsfeier vom Leiden und Sterben Christi und bei der Andacht "Sieben Worte Jesu am Kreuz". Am Karsamstag sind die Ratscher ebenfalls um 6 Uhr, um 11.45 und um 20.20 Uhr aktiv sowie in der Osternacht. Um 14 Uhr wird gesammelt.
"Das Raspeln in Motschenbach ist einzigartig. Denn ansonsten wird im gesamten Seelsorgebereich Kulmbach Stadt und Land nirgendwo mehr geratscht", sagt Christian Montag. Dass er selbst auch eine Ratschen bedient, ist für den Kaplan Ehrensache. "Klar mache ich mit. Ich möchte doch mit den Menschen in Kontakt sein", sagt der Kaplan.
Die Kids sind aufgeregt und freuen sich auf das Spektakel. "Es ist normal, dass ich mitmache. Die Oma hat gesagt, dass ich mitgehen soll", erzählt Hanna Barnickel (7). "Ich stehe sowieso immer so früh auf. Das macht mir nichts aus", erklärt Johanna Herold (7). Und auch Eva Bornschlegel (9) und Julia Tanzmeier (10) sind gespannt. "Ich mache jetzt zum zweiten Mal mit. Mich kann man nicht mehr ins Bett stecken. Das ist doch lustig", findet Lea Feulner (8). Vorsichtshalber hat sie Handschuhe angezogen, denn ansonsten wäre es zu kalt.
Für Kaplan Montag ist der Zug durch Motschenbach in diesem Jahr Premiere. Denn er ist noch neu im Seelsorgebereich. "Aber das Ratschen ist eine schöne Tradition. "Es ist wichtig, sie am Leben zu halten."
Die Raspler lärmen nicht nur mit den Instrumenten, sondern sagen auch "Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum". Kaplan Montag erklärt, dass es sich bei diesen Worten um das Ave Maria handelt. Auf deutsch bedeuten die Worte: "Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!" Vor den Messen allerdings ändert sich der Spruch: "Ihr Christen kommt jetzt alle raus zum Gottesdienst ins Gotteshaus. Wir rufen zusammen, wir rufen zusammen", sagen die Ratscher dann. Und vor der Osternachtsfeier werden noch die Worte: "Feuer, Brot und Wasser werden geweiht, zu richten das weiße Hochzeitskleid" eingefügt.
Am Karsamstag sammeln die Raspler auch Geld und Eier. "Eia putz draus der Tuod is raus, langt uns zehn Schuak Eier raus", ist der Spruch, den die Ratscher einstudiert haben. Ein Schock Eier sind übrigens fünf Dutzend oder 60 Stück. Eine Einheit, die noch aus den Zeiten stammt, als jeder im Ort Landwirtschaft hatte.
Die Verse, die die Ratscher rufen, sind regional sehr unterschiedlich. Jede katholische Gemeinde hat ihren eigenen Spruch, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.