"Als Bübchen mit heißem Verlangen sah oft ich zum Nachbar hinein. Dort sah einen Kirschbaum ich prangen, der lud mich zum Naschen ein ..." Erinnern Sie sich noch an diese Zeilen eines Liedes von Peter Alexander aus dem Jahr 1978?

Was als Lausbubenstreich mit einem Augenzwinkern locker geduldet werden kann, ist kein Freibrief für jedermann, sich an fremden Früchten zu bedienen. Das scheint aber vielen nicht bewusst zu sein. Am Wochenende habe ich eine Familie mit mehreren Kindern dabei beobachtet, wie sie sich wie selbstverständlich am Kirschbaum meines Nachbarn bedient hat. Sie zogen sogar die tieferhängenden Zweige über den Zaun, um viele Früchte pflücken konnten. Die Taschen gefüllt, ein paar Kerne in die Einfahrt gespuckt - und weiter geht's.

Ist das erlaubt? Nein! Früher nannte man es Mundraub. 1975 wurde dieser Begriff abgeschafft, strafbar ist es aber immer noch - als Diebstahl nach § 242 des Strafgesetzbuchs.

Mit dem Unrechtsbewusstsein scheint es allerdings bei den Kirschdieben nicht weit her zu sein. Als ich sie auf ihr Verhalten ansprach, wurde ich mit einer Mischung aus verständnislosen Blicken, spöttischem Grinsen und einem frechen "Das geht Sie gar nichts an" bedacht.

Das sehe ich anders. Wenn mein Nachbar nicht da ist, habe ich selbstverständlich ein Auge auf sein Grundstück. Vor allem wundert mich aber die Haltung dieser Eltern: Welche Art Vorbild geben sie damit ihren Kindern? Dass es in Ordnung ist, sich einfach zu nehmen, was man haben möchte, egal wem es gehört?

Nennen sie mich altmodisch, aber ich habe von meinen Eltern etwas anderes gelernt.