Als sie geboren wurde, hatte Deutschland noch einen Kaiser! Der Erste Weltkrieg war noch in vollem Gang, da kam Hanna Löhnert am 24. Juni 1917 in einem kleinen Ort nahe der schlesischen Stadt Waldenburg zur Welt. Am Freitag feiert sie als Kulmbachs älteste Bürgerin ihren 105. Geburtstag.

Erstaunlich ist nicht nur ihr außergewöhnlich hohes Alter: Hanna Löhnert ist geistig fit, ein fröhlicher Charakter mit einem feinen Humor. Und auch körperlich ist sie in guter Verfassung, so dass sie ihren Ehrentag gebührend feiern kann. "Dabei stehe ich doch gar nicht so gerne im Mittelpunkt", sagt die bescheidene Jubilarin, die selbst kaum glauben kann, dass sie ein Jahrhundert Lebenszeit schon so weit überschritten hat. "Ich war ein eher schmächtiges Kind, aber auch immer sehr lebendig. Und ich habe mich nie unterkriegen lassen, auch in sehr schweren Zeiten nicht."

"Treppen halten fit"

Noch bis September 2021 lebte die älteste Kulmbacherin selbstständig in der Blaich. Ihre Wohnung in der Caspar-Fischer-Straße lag im dritten Stock, die 50 Treppenstufen fielen ihr erst zuletzt schwer ("Treppen halten fit"). Ansonsten ist sie mit Hilfe ihres Rollators noch gut zu Fuß. Ein Unfall führte dazu, dass sie ihre Wohnung aufgeben musste: Ich bekam Besuch und bin auf dem Weg zur Tür hingefallen. Ich kam ins Krankenhaus, und es war schnell klar, dass es künftig nicht mehr allein geht. Außerdem sehe ich sehr schlecht. Was will ich dann allein zu Hause?" Nach ein paar Wochen in der Kurzzeitpflege im Awo-Senioren- und Pflegeheim Am Rasen gefielt es ihr dort so gut, dass sie blieb.

105 Jahre alt zu werden - für die Jubilarin ich ist das Gnade und Fluch zugleich. Sie ist glücklich über viele schöne Erlebnisse, ein erfülltes Leben und darüber, dass sie noch immer einen wachen Verstand hat und kein schwerer Pflegefall ist. Gleichzeitig ist sie unendlich traurig über die vielen Abschiede: von Freunden und Angehörigen, die lange vor ihr gehen mussten und sie allein zurückließen. Am schwersten traf sie der Tod ihres Mannes Karl, der 1985 einen Schlaganfall erlitt. "Ich habe ihn zehn Jahre zu Hause gepflegt. Dann ist er gestorben." Auch ihr älterer Bruder ist lange vor Hanna Löhnert gegangen.

"Ich bin die einzige in unserer Familie, die so unglaublich alt geworden ist. An den Genen kann es also eigentlich nicht liegen. Ich denke, es kommt daher, dass ich immer in Bewegung war. Ich bin isehr gerne gewandert. Wir haben so schöne Landschaften um Kulmbach herum. Als mein Mann und ich beide in Rente waren, sind wir jeden Morgen um 7 Uhr zum Trimm-Dich-Pfad gegangen, haben dort alle Übungen entlang der Strecke gemacht und danach zu Hause gemütlich gefrühstückt." Es sind schöne Erinnerungen, die Hanna Löhnert noch immer lächeln lassen. "Nach sehr schweren Zeiten hatten wir uns etwas aufgebaut und waren hier sehr glücklich."

Die schweren Zeiten - sie waren lang für die Löhnerts. Als die junge Hanna, eine geborene May, 1943 ihren Karl heiratete, wusste sie nicht, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Sie arbeitete als Kontoristin in einem Versicherungsbüro, er war Soldat an der Front. "1945 wurden die Deutschen von den Polen aus Schlesien rausgeworfen. Ich bekam einen Platz im letzten Transport Richtung Wesen, die späteren gingen alle in den Osten.

Ihre Eltern blieben noch in Schlesien, als Hanna Löhnert in einem Güterwagon einer ungewissen Zukunft entgegenfuhr: "Eine Woche waren wir unterwegs, bis ich dann in Ostfriesland landete. Ich wusste nicht, ob mein Mann noch lebt." Dann, an ihrem 29. Geburtstag, bekam sie das schönste Geburtstagsgeschenk ihres Lebens: "Mein Mann lebte, war in englischer Kriegsgefangenschaft, hatte herausgefunden, wo ich war, und durfte mich besuchen. Entlassen werden konnte er aber nur mit einer Wohnung."

Hanna Löhnert konnte schließlich eine kleine Dachkammer mieten, und ihr Mann durfte zu ihr kommen. "Ganze zehn Jahre haben wir dort verbracht. Wir fanden keine Arbeit, mussten für eine richtige Wohnung warten, bis wir vom Staat umgesiedelt wurden. Und weil wir keine Kinder hatten, dauerte das ewig."

In Kulmbach: Endlich richtig glücklich!

Schließlich wurde das Paar ins Rheinland geschickt, "aber da gefiel es uns gar nicht". Durch familiäre Kontakte kamen sie 1962 nach Kulmbach. "Wir fanden beide Arbeit in der Storchenmühle in Markleugast, ich im Büro, er in der Produktion. Und wir waren überglücklich, als wir die Wohnung bekamen, in der ich bis letztes Jahr geblieben bin." Ein gutes Leben habe sie gehabt in Kulmbach, meint die Jubilarin. "Wir waren sehr sparsam und konnten uns nach und nach immer wieder etwas Schönes leisten."

Hanna Löhnert hat früher gerne viel gelesen, Bücher und die Zeitung. Seit die Augen nicht mehr mitmachen, informiert sie sich per Radio. Was sie da in den letzten Monaten gehört hat, macht ihr Sorgen: "Ich hoffe so sehr, dass es nicht noch einen dritten Weltkrieg gibt", sagt sie. "Putin ist nicht zu trauen."

Die 105-Jährige wünscht sich Solidarität mit den Geflüchteten, denn obwohl es lange her ist: Sie erinnert sich noch sehr gut daran, "wie es ist, nichts zu haben und nirgends willkommen zu sein".