Der kleine Kreisel. Kaum ein Stichwort ist derzeit besser geeignet, ein ins Stocken geratenes Gespräch unter Kulmbachern wieder in Gang zu bringen. Der kleine Kreisverkehr, im Zuge der Neugestaltung des Zentralparkplatzes auf der Kreuzung Grabenstraße/Spitalgasse/Sutte angelegt, beschäftigt die Gemüter - nicht nur die der Autofahrer, sondern auch vieler Beobachter, die bisweilen mit Spott und Häme nicht sparen und sich fragen, was "die", die den Kreisel geplant haben, dabei wohl gedacht haben.

Um es vorweg zunehmen: "Die" haben sich einiges dabei gedacht. Manches davon ist für die Autofahrer vielleicht noch nicht ganz schlüssig. Und so gibt es aktuell viele Varianten, den kleinen Kreisel zu befahren.

Wir haben uns einmal für eine gute halbe Stunde mit Kamera, Block und einer Tasse Kaffee vor das Restaurant "Patchwork" gesetzt und zugeschaut.

Der Hauptverkehr fließt zu diesem Zeitpunkt von der Spitalgasse in Richtung Sutte. Nicht wenige der Autofahrer handeln dabei nach der Devise "geradeaus ist der kürzeste Weg". Und so wird die kreisrunde Aufpflasterung einfach ignoriert.

Die größte Gruppe ist vermutlich die der Unentschlossenen. Ein bisschen Kreisverkehr darf für sie schon sein. Aber halt nicht so richtig. Und so registrieren wir bei diesen Autofahrern zwar einen spürbaren Lenkeinschlag nach rechts. Voll ausgefahren wird der Kreis aber nicht: Das linke Hinterrad rollt über den Kreis.

Zum Zeitpunkt unserer Studie - die übrigens keineswegs repräsentativ ist - steht an der Einmündung der Spitalgasse auf dem Kreis eine rot-weiße Warnbake. Die hat keine offizielle Funktion, wie wir später erfahren, wurde vielleicht von Bauarbeitern dort positioniert. Mehrere Autofahrer sind ob der kreisrunden Aufpflasterung, der Bake und der vielen neuen Schilder vielleicht etwas verwirrt. Sie steuern ihr Fahrzeug links an der Bake vorbei. Die Gelegenheit, sie zu fragen, was sie dazu bewogen hat, haben wir leider nicht.

Und dann gibt es noch die, die entweder alten Kulmbacher Gewohnheiten nachhängen - oder sich ganz besonders frech daneben benehmen. Jene, die, in der Grabenstraße von der "Alten Feuerwache" her kommend, einfach direkt nach links in die Sutte einzubiegen, statt vorschriftsmäßig einen Dreiviertel-Kreis zu fahren (siehe auch Erläuterung unten und Grafik).

Eine halbe Stunde reicht vollkommen aus, um jede der Varianten wenigstens einmal beobachten zu können. Beobachten lässt sich zudem, dass es offensichtlich auch bei Autofahrern eine Art Schwarm-Intelligenz gibt. Steuern nämlich mehreren Fahrzeuge hintereinander den Kreisel an, ist das Verhalten aller tadellos.

Und noch etwas haben wir festgestellt: Die Moral ist bei Autofahrern von auswärts besser. Die meisten derer, die den Kreisel auf sehr individuelle Art meistern, haben ein Kulmbacher Kennzeichen. Der Grund? Die Auswärtigen achten möglicherweise auf die nagelneue Beschilderung, die die Kreuzung eindeutig als Kreisverkehr ausweist. Der Kulmbacher aber fährt so, wie er schon immer gefahren ist.

"Für Einheimische ist die Situation sicher noch sehr ungewohnt", meint auch Simon Ries, Pressesprecher der Stadt Kulmbach. Er erinnert an die Neugestaltung der Kreuzung beim alten Friedhof. Auch da habe es am Anfang Diskussionen, Verwunderung und Verwirrung bei den Kulmbachern gegeben. "Und heute läuft der Verkehr dort reibungslos."

Um auf die anfangs erwähnten Spötter zurückzukommen: Man habe sich, so versichert Simon Ries, bei der Planung im Zuge der Neugestaltung des Zentralparkplatzes, durchaus Gedanken über eine sinnvolle Verkehrsführung gemacht. Nach dem Wegfall der zweiten Parkplatz-Ausfahrt - "Die Baumreihe sollte nicht durchbrochen werden" - sei der Kreisverkehr eine Möglichkeit gewesen, Autofahren mit dem Ziel Obere Stadt oder Schießgraben eine unnötige Innenstadt-Runde zu ersparen. Zudem diene der Kreisel der Verlangsamung. Ein Sicherheitsaspekt: Unfälle mit Fußgängern soll es zwischen Stadthalle, Bushaltestelle und Parkplatz nicht mehr geben.

Pressesprecher Ries ist sich sicher, dass sich die Kulmbacher irgendwann an die Neuerung gewöhnen werden. Könnte man ihnen dabei helfen? Zum Beispiel, indem man ein paar Blumenkästen in die Mitte des Kreisverkehrs stellt? Das geht nicht, sagt Ries. Für einen solchen kleinen Kreisverkehr, der nicht nur so heißt, sondern der tatsächlich deutlich kleiner ist als der große Kreisel wenige Meter weiter in der Sutte, gibt es verbindliche Bauvorschriften: "Und die sehen vor, dass die Mitte für Großfahrzeuge überfahrbar sein muss."

Was das heißt, haben wir auf unserem Beobachtungsposten selbst gesehen: Der Stadtbus rollt an. Der Fahrer, so nehmen wir an, kennt die Straßenverkehrsordnung und die Vorschriften für einen Kreisverkehr genau. Aber stünden in der Mitte des Kreises Blumenkästen oder Schilder - der große Bus käme nicht daran vorbei. Und so ist zumindest für den Busfahrer die Variante "geradeaus drüber" die einzig mögliche.



Zur Erläuterung: So macht man's richtig im kleinen Kreisel
Die Ausfahrt vom neugestalteten Zentralparkplatz ist der alles entscheidende Punkt am kleinen Kreisel. Während früher die Ausfahrt vom Parkplatz auch bei der Bratwurstbude gegenüber der "Alten Feuerwache" möglich war, gibt es jetzt nur noch eine Ein- und Ausfahrt an der östlichen Ecke gegenüber dem Restaurant "Patchwork".

Hätte man an dieser Stelle die bisherige Straßenführung beibehalten - Einbahnstraße von der Spitalkirche bis in die Sutte - hätten Autofahrer, die vom Zentralparkplatz zum Beispiel in die Obere Stadt wollen, eine Runde über Sutte, Webergasse, Klostergasse, Buchbindergasse und Marktplatz drehen müssen.
Dank des kleinen Kreisverkehrs fahren Autofahrer jetzt vom Zentralparkplatz nach rechts in den Kreisverkehr ein und verlassen ihn nach wenigen Metern wieder nach rechts in Richtung Grabenstraße. Von dort aus erreichen sie auf kurzem Weg die Buchbindergasse und den Marktplatz (siehe Grafik).
Der kleine Kreisel erleichtert zudem zu den Stoßzeiten die Ausfahrt vom Parkplatz in die Sutte. Bisher hatten Autoschlangen von der Spitalkirche kommend für Behinderungen gesorgt. Nun gilt: Wer im Kreisel fährt, hat Vorfahrt - und kann sich so leichter in den Hauptverkehrsstrom einfädeln.
Zudem bremst die neue Regelung Raser aus. Wer von der Spitalkirche her kommt, muss am Kreisel erst einmal abbremsen und eventuell schon im Kreisel fahrende Fahrzeuge passieren lassen. Von dieser Entschleunigung sollen die Fußgänger im Bereich Parkplatz, Stadthalle und Bushaltestelle profitieren.