Ob Corona, Klima, Geldpolitik oder persönliches Dasein - Krisen sind vielschichtig und allgegenwärtig. Doch muss man sich einer Krise hingeben und diese erdulden, oder ergeben sich aus ihr auch Chancen, die man dringend ergreifen sollte? Um diese Frage ging es bei einer Veranstaltung in der Petrikirche, zu der der Dekanatsbezirk Kulmbach, der Freundeskreis Kulmbach der Evangelischen Akademie Tutzing und das Evangelische Bildungswerk Oberfranken-Mitte eingeladen hatten.

Aufhänger für den Gesprächsabend war das gleichnamige Buch, das Andy Lang während des Corona-Lockdowns geschrieben hatte. "Ich hatte als Künstler plötzlich viel Zeit und habe ein Gedankenexperiment in Gang gesetzt", erzählte der in Gefrees lebende Pfarrer und Musiker. Es könne doch nicht alles nur "bescheuert" sein, so eine Krise müsse doch auch irgendetwas Positives haben.

"Die Krise als Chance"

"Also machte ich mir Gedanken über unser Leben nach Corona, ich wollte mir selbst Mut machen." Auf seiner Webseite veröffentlichte Lang erste Texte, die Interessierte und Fans fleißig kommentierten. "Dieser Austausch brachte mich dazu, alles in einem Buch zusammenzufassen." Dabei gehe es in seinem Buch "Die Krise als Chance - eine Einladung zum Reifen" gar nicht vorrangig um die Coronakrise, sondern man müsse jede Krise als neue Chance begreifen.

"Das Wort Krise kommt aus dem Griechischen und bedeutet Entscheidung oder Wendepunkt. Und wenn ich entscheide, bin ich kein Opfer mehr", sagte Andy Lang. "Ich plädiere dabei für eine ganzheitliche Wahrnehmung der Wirklichkeit, wir müssen die richtigen Fragen stellen." Und man müsse sich der Erkenntnis öffnen, dass Verzicht Spaß mache und Konsum aushöhle.

Positiv zu handeln und für andere da zu sein - das ist es, was Ulrike Endres, Leiterin des Caspar-Vischer-Gymnasiums, gerne in die Zukunft retten will. Sie war eine von drei Personen, die dazu eingeladen waren, Chancen aus der Krise in ihrem jeweiligen Fachbereich aufzuzeigen. "Sollen wir nach einer Krise tatsächlich in alte Gewohnheiten verfallen oder sollte ich nicht lieber etwas wagen?" Sie sehe das als Aufgabe aller, und die Schule müsse den Grund bereiten.

Ein Ort der Begegnung

"Wir müssen das Fördern von Talenten als Auftrag sehen, wir dürfen nicht emotional zu anderen auf Abstand gehen - vieles wird besser, wenn wir zusammenhalten", betonte Endres. Und das obwohl die aktuelle Zeit weder für Schüler noch für Lehrkräfte einfach sei. Schon das Wort Distanzunterricht sei schrecklich, denn "Schule ist doch ein Ort, der nicht nur Wissen vermittelt, es ist ein Ort der Begegnung".

Dass sich Menschen in der Coronazeit anders begegnen, stellte auch der zweite Gastredner des Abends fest. Thomas Banse, Internist am Kulmbacher Klinikum, beleuchtete die Chancen aus medizinischer Sicht. "Wir haben am Anfang richtig gehandelt, wir wussten ja nicht, was kommt, kannten nur die erschreckenden Bilder aus anderen Ländern", sagte der Mediziner.

"Wir hatten zum Beispiel einen Patienten in der Notaufnahme, der schlecht Luft bekam. Binnen ein bis zwei Stunden verschlimmerte sich dessen Zustand derart rapide, dass er anschließend wochenlang auf der Intensivstation lag", sagt Banse. Problematisch sei gewesen, dass Menschen mit anderen Erkrankungen zunächst nicht mehr ins Krankenhaus durften, danach hätten sie sich oft nicht mehr getraut. Heute könne man besser mit der Situation umgehen. "Der Zusammenhalt und das Miteinander unter den Kollegen hat sich verändert", merkte Banse positiv an. Und jetzt gelte es, Strategien für den Umgang mit dem Virus zu finden. "Wir haben nämlich meiner Meinung nach keine zweite Welle, sondern eine Dauerwelle."

Miteinander ist wichtig

Müssen wir uns also an die einschränkenden Maßnahmen, an das Tragen von Masken gewöhnen? Solche Fragen stellt sich auch die Politik, am Montagabend durch den Dritten Bürgermeister der Stadt Kulmbach, Ralf Hartnack, vertreten. Auch er kam zu dem Schluss, dass man nur gemeinsam Wege aus der Krise finden kann. "Wir sollten mehr an ein Miteinander denken anstatt an ein Nebeneinander oder gar ein Gegeneinander", plädierte er. Jede Maßnahme sei schließlich nur so gut, wie das Team miteinander funktioniere.

Vielleicht biete die Krise ja auch die Chance für mehr regionalen Handel - ganz nach dem Motto: global denken, regional handeln, so Hartnack. Man müsse die Chance zur Veränderung dort nutzen, wo sie nötig und möglich sei.

Nach musikalischen Einlagen von Andy Lang hatten die Besucher noch Gelegenheit, sich zu Wort zu melden. So merkte stellvertretende Landrätin Christina Flauder an: "Wir haben vielleicht in der Krise nicht genug hingeschaut, wie es unseren Alten und Sterbenden ging, aber ich habe unsere Kirche auch noch nie so lebendig erlebt."

Nicht in alte Muster zurückfallen

Diese Auffassung bestätigte auch Diakon Stefan Ludwig: "Es hat in der Kirche plötzlich digitales Arbeiten stattgefunden, ohne Corona würden wir vermutlich noch Jahre darauf warten." Die Kirche solle keinesfalls in alte Muster zurückfallen, ermahnte er.

Weitere Stimmen erinnerten daran, dass man während des Lockdowns innehalten und reflektieren konnte, und dass man auch in einer dramatisch veränderten Situation sein Glück finden könne. Letztendlich habe man sich bewusst machen können, dass nicht alles selbstverständlich sei.

"Wir sind Wesen, die sich unter anderem dadurch auszeichnen, dass sie verletzlich sind. In der Krise haben wir gelernt, zu unserer Verletzlichkeit zu stehen", schloss Andy Lang, bevor er die Besucher mit einem musikalischen Segen verabschiedete.