Die Nachricht hatte im März vergangenen Jahres für viel Gesprächsstoff gesorgt: Wegen der Krise zwischen der Türkei und Deutschland legte die Stadt Bursa die Partnerschaft mit Kulmbach auf Eis. Vor allem das Vorgehen der 2,9-Millionen-Metropole am Marmarameer, damals noch von Bürgermeister Recep Altepe regiert, stieß vielen sauer auf. Denn die Türken hielten es nicht für nötig, die Verantwortlichen in Kulmbach offiziell zu informieren, sondern veröffentlichten lediglich eine entsprechende Mitteilung auf der Homepage der Stadt Bursa. Genauso erging es Darmstadt.

Inzwischen ist Altepe auf Drängen des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der der AKP eine Verjüngungskur verpasste, zurückgetreten. Der neue Bürgermeister heißt Alinur Aktas. Er gehört zwar ebenfalls der Erdogan-Partei an, doch nachdem der Staatspräsident wiedergewählt und mit noch mehr Macht ausgestattet ist, scheint man sich der jahrelangen, harmonischen Verbindungen doch wieder zu erinnern.


Brief für Darmstädter OB

So erhielt der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch kurz vor seiner Europafestwoche Anfang Juni einen Brief aus Bursa. Der neu gewählte Bürgermeister schrieb, dass er den politischen Austausch wolle, und sprach sich für eine "Wiederbelebung unserer Städtepartnerschaft" aus.
"Das ist für uns eine überraschende Situation. Damit haben wir nicht gerechnet. Alle unsere Briefe wurden ja über Monate hinweg nicht beantwortet", wird Partsch von der Rhein-Main-Zeitung zitiert.


Stadt: noch kein offizieller Kontakt

Auf die Stadt Kulmbach ist Alinur Aktas noch nicht zugekommen. "Wir haben es sehr bedauert, dass es so gekommen ist", sagt Oberbürgermeister Henry Schramm, der damals der Stadt Bursa signalisiert hatte, dass Kulmbach weiterhin Interesse daran hat, die freundschaftlichen Verbindungen aufrecht zu erhalten. "Denn letztendlich geht es auch vor allem um die Beziehungen zwischen Menschen, die über die vielen Jahre entstanden sind. Bislang hat es noch keinen offiziellen Kontakt mit uns gegeben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden", so Schramm.


Verbindungen nie abgerissen

Seitens des beruflichen Schulzentrums, das mit der Hans-Wilsdorf-Schule seit 1978 eine Unesco-Projekt-Schule hat und mit Bursa seit 1985 einen Praktikantenaustausch und die Partnerschaft mit der dortigen Berufsschule ("Tophane Teknik Lise") pflegt, sind hingegen die Kontakte nie abgerissen. Erst in den Pfingstferien fand die 46. Begegnung zwischen den Beruflichen Schulen Kulmbach und Bursa statt.

Eine Woche lang war auch Schulleiter Alexander Battistella dabei. "Ich habe den neuen Bürgermeister selbst nicht getroffen, aber einen seiner Stellvertreter. Wir wurden von der Stadt zum Essen eingeladen, wobei wir sehr interessante Gespräche geführt haben. Ich habe schon den Eindruck, dass Bursa sich wieder öffnen will", so Battistella, der Wert auf die Feststellung legt, dass die große Politik in diesem Schulprojekt keine Rolle spielt. Ungeachtet dessen vertrete man natürlich die deutschen Werte und die Lebensart. Battistellas Fazit: "Unsere Schüler waren begeistert von dem Austausch. Einige wollen im Sommer sogar noch freiwillig ein Praktikum in der Türkei machen."

Auch eine Delegation des Unesco-Clubs Kulmbach-Plassenburg hielt sich zu dieser Zeit in Bursa auf, wo der dortige Club seinen deutschen Freunden ein umfangreiches Rahmenprogramm anlässlich seines 20-jährigen Bestehens bot. Vorsitzender Hartmut Schuberth berichtet, dass Alexander Battistella die Grüße von OB Schramm übermittelt hat und die Kulmbacher daraufhin nach den Chancen für eine Wiederaufnahme der Beziehungen fragten. Laut stellvertretendem Bürgermeister Ahmet Yildi sei auch dies ins Auge gefasst und Ankara vorgelegt worden.

Hartmut Schuberth freut sich indessen, dass es auch bei den Unesco-Clubs beider Städte keinerlei Beeinträchtigung gegeben hat: "Es läuft alles normal, wir sind nicht von der Politik abhängig."


Serkan Uzun: "Alles wird besser"

Diese Situation gilt auch für die türkische Gemeinde in Kulmbach, die laut Vorsitzendem Serkan Uzun im vergangenen Jahr nach wie vor die Kontakte mit der Berufsschule in Bursa gepflegt hat. Zur dortigen Stadtverwaltung habe es aber keine Verbindung gegeben. Was die Zukunft der Städtepartnerschaft angeht, ist Uzun optimistisch. "Nach dem nächsten Besuch Erdogans bei Kanzlerin Merkel wird alles besser. Bis es wieder ganz so ist wie früher, wird es aber noch ein bisschen dauern."

Die Meilensteine der Beziehungen und Partnerschaften

Die Meilensteine der Beziehungen und Partnerschaften, die Kulmbach mit der türkischen Millionen-Metropole Bursa pflegt:

Sommer 1984:
Deutsch-türkisches Schulfest, veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem deutsch-türkischen Organisationskomitee in Kulmbach.

Juli 1988:
Beginn des Praktikantenaustauschs. Kulmbach: Fünf Schüler und eine Schülerin der Tophane-Schule praktizierten vom 10. bis 31. Juli in Betrieben der Textilindustrie, der Metallverarbeitung und des Schreinerhandwerks; Bursa: zwei Bekleidungsschneiderinnen und zwei Bauzeichner der Berufsschule Kulmbach praktizierten vom 7. bis 28. August in Bursa.

1992:
Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags zwischen beiden Schulen in Bursa.

1995:
Festveranstaltung in Kulmbach "10 Jahre Partnerschaft mit Tophane-Schule".

1997:
Gründung des Unesco-Clubs Kulmbach-Plassenburg.

August 1998:
Start des Gemeinschaftsprojekts "Cumalikizik" im Rahmen von Agenda 21.

28. Oktober 1998:
Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen den Städten Bursa und Kulmbach im Rathaus von Bursa.

3. Juli 1999:
Feierliche Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen den Städten Bursa und Kulmbach im Rathaus der Stadt Kulmbach.

2000:
Festveranstaltung in Bursa: "15 Jahre Partnerschaft Hans-Wilsdorf-Schule - Tophane-Schule".

2009:
Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen zwei Kindergärten aus Bursa und Kulmbach.

2010:
Eröffnung des Projekthauses in Cumalikizik.

2015:
Festakt in Kulmbach "30 Jahre Partnerschaft" mit dem Unesco-Club Bursa.

21. März 2017:
Die Stadt Bursa legt vor dem Hintergrund der Krise zwischen der Türkei und Deutschland die Partnerschaft mit Kulmbach auf Eis. Eine offizielle Information für die Bierstadt gibt es nicht, die Stadt Bursa veröffentlicht lediglich eine Notiz auf ihrer Homepage.