Horst Thor spielt seit 42 Jahren auf der Naturbühne Trebgast, setzt heuer aber aus. Und obwohl die Klassiker an sich nicht so sein Fall sind, ist er von der Aufführung von Schillers Drama "Die Räuber" restlos beeindruckt. Und nicht nur er. Unter der Regie von Jasmin Sarah Zamani bringt das Amateur-Ensemble tatsächlich minutiös ausgetaktet und in vielen Nuancen durchinszeniert Schillers Erstlingswerk auf die wild-romantische Bühne am Wehlitzer Berg, dem es weder an Intensität noch an Dramatik fehlt.

Schillers Drama ist latent ein politisches Stück, das sich aber vordergründig mit dem Widerstreit der Generationen und mit menschlichen Abgründen beschäftigt. Die Uraufführung fand sieben Jahre vor der französischen Revolution statt, mit der das alte Regime des Absolutismus im wahrsten Sinn des Wortes geköpft wurde, um einem neuen System der Freiheit und der republikanischen Organisation Platz zu machen.


Zwei unterschiedliche Brüder


Schiller stellt diesen Umbruch aber in familiären und zwischenmenschlichen Beziehungen dar. Der fränkische Graf Maximilian Moor (schwächelnd und leidend, intensiv dargestellt von Werner Eberhardt) hat zwei Söhne, die sich im Charakter widerstreben. Karl, der ältere, ein Jüngling voll Talenten und Edelmut, gerät in Leipzig in einen Zirkel liederlicher Brüder, stürzt in Exzesse und Schulden, muss mit einem Trupp seiner Spießgesellen (Reinhardt Frank, Mathias Ebert, Walter Lattner, Ralf Butzmann, Christian Doser, Florian Potzel, Thorsten Neukam und Tobias Seuß) fliehen.

Sein jüngerer Bruder Franz lebt noch beim Vater. Er ist ein heimtückischer und intriganter Charakter und versucht, seinen Bruder beim Vater in Verruf zu bringen, seine Braut Amalia (Melanie Eheim) für sich zu gewinne. Er setzt den Vater schließlich fest, um selbst an die gräfliche Macht zu gelangen, die eigentlich seinem älteren Bruder zusteht. Mit einem gefälschten Briefes sorgt Franz dafür, dass der Bruder enterbt wird.


Eine Kette von Katastrophen


Der zutiefst verletzte und seines rechtmäßigen Erbes beraubte Karl wird Hauptmann einer Räuberbande. Die Aktivitäten beider Brüder setzen eine Kette von Katastrophen in Gang, die schließlich im Tod des Vaters münden, in Franz' Selbstmord und in der Ermordung Amalias durch Karl, der sich anschließend der Justiz und somit seiner Hinrichtung ausliefert.

Beide Brüder werden am Wehlitzer Berg fesselnd intensiv dargestellt: Martin Besold mimt den Karl als Getriebenen und Leidenschaftlichen, dann wieder Zweifelnden und Verzweifelten. Benedikt Lehmann ist der aalglatte und intrigante Franz in einer fast schon mephistogleichen Exstase.


Mit zwielichtigen Mitteln


Beide Söhne wählen extreme, verabscheuungswürdige Mittel, um sich von den familiären Fesseln der Elterngeneration und von den politischen Schranken des "Kastratenzeitalters" zu befreien. Während Karl im Sinn des aufsteigenden Zeitalters der Republik zwar ein Befreier sein möchte, nutzt er dazu aber zwielichtige Mittel. Franz dagegen ist im Sinn der alten Gesellschaftsordnung ein Tyrann, der sich selbst über alle Natur erhebt, den Rest der Menschheit aber als "Morast" und durch "Pfaffengewäsch" (Pater: Heidi Suttner) vertröstet sieht.

Drei Tote gibt es auf offener Bühne. Der alte Maximilian Moor siecht lange Zeit einfach so dahin. Amalie wird erstochen. Der Räuber Spiegelberg (Reinhardt Frank) wird erschossen, nachdem er sich zum Judas wandeln wollte, stirbt zwei Minuten lang und bleibt höchst unkomfortabel auf den Treppen bis zum Ende des Stücks regungslos liegen. Und Franz Moor plumpst urplötzlich als erhängter Dummy vom Dach.


Mit modernen Mitteln inszeniert


Die Inszenierung verzichtet nicht auf moderne Mittel. Die schräge Ebene von der Bühnenbasis zum Plateau ( Bühne: Dieter Krause und André Putzmann) erinnert an die legendäre Ring-Inszenierung von Patrice Chéreau im Bayreuther Opernhaus, in der jede dekorative Kulisse verschwindet und nur noch symbolisch ein Raum für die Handlung vorbereitet ist. Dabei stellt die Schräge die Verbindung zwischen überlieferter Herrschaft (oben) und dem ungestümen Streben nach Freiheit (unten) dar, auf der sich die verschiedenen Stadien zwischen Distanz und Nähe beider widerstrebender gesellschaftlicher Bedingungen abspielen.

Ebenso die optische Charakterisierung der Schauspieler (Kostüme: Wolfram Müller-Broeder und Sigrid Seehuber; Maske: Melanie Eheim). Die "Herrschaft" ist gräulich-verstaubt bis bin zur silber lackierten Glatze Franz Moors.


Exzellente Darbietung


Die wie Räuber agierenden verunglückten Freiheitskämpfer sind düster schwarz, versehen mit Accessoires, die der Gothic- und SM-Szene entlehnt sind. Ganz düster und böse wie der leibhaftige Darth Vader aus "Star Wars" tritt in einem kurzen Monolog der Bote (Ralf Butzmann) auf, der die falsche Nachricht vom Tod Karls verkündet.