Sie sind schön wie Barockstickerei, jede einzelne ist ein handgemeißeltes Unikat und ihre Besonderheit erkennt man meistens erst auf dem zweiten Blick: die Fensterschürzen an zahlreichen Sandsteinhäusern im Raum Bayreuth/Kulmbach. Dabei handelt es sich um etwa einen Quadratmeter große Schmuckelemente unterhalb der Fenster, die verschiedene Abbildungen, Symbole oder deutsche und lateinische Inschriften meist mit religiösem Inhalt ("An Gottes Segen ist alles gelegen") zeigen.

Fensterschürzen sind eine einzigartige und einmalige Kunstform an den meist zur Straße hin ausgerichteten Giebeln bei Bauernhäusern aus Sandstein in der früheren Markgrafschaft Bayreuth-Kulmbach. Mit den kunstvollen Verzierungen wollten die Bauern ihren Wohlstand demonstrieren. Da sie ausschließlich an einstigen Ackerbürgerhäusern zu finden sind, sprechen Kenner auch von einem Phänomen. Zeitlich sind die Fensterschürzen bereits dem Klassizismus zuzuordnen, auch wenn man landläufig von Bauernbarock spricht.

"Das Bewusstsein für die Besonderheit von Fensterschürzen ist leider wenig ausgeprägt", beklagt Brigitte Trausch aus Bayreuth. Deshalb hat sie vor nunmehr fast zehn Jahren den Verein "Rettet die Fachwerk- und Sandsteinhäuser" mit heute fast 280 Mitgliedern aus ganz Deutschland ins Leben gerufen. Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Fensterschürzen, aber auch für den Erhalt alter Fachwerk- und Sandsteinhäuser zu schaffen, die Eigentümer auf die Besonderheiten aufmerksam zu machen, sie aber auch zu beraten, wenn es darum geht, Fördermöglichkeiten für den Erhalt der regionaltypischen Besonderheiten zu beantragen.

"Man kann doch nicht zusehen, wie diese Häuser zugrundegehen" begründet Brigitte Trausch ihr Engagement. Zehn Fensterschürzenhäuser stünden derzeit leer, vier davon seien akut abrissgefährdet. So gehe ein regionaltypisches Haus nach dem anderen zu Grunde und damit das Gesicht unserer Dörfer verloren.

Selbst innerhalb der heutigen Landkreise Bayreuth und Kulmbach konzentrieren sich die noch bestehenden Häuser mit Fensterschürzen auf einige wenige Orte. Von Bayreuth aus sei die Idee nach Weidenberg und von dort weiter nach Bindlach und seinen Ortsteilen gelangt, weiß Brigitte Trausch. Weitere Fensterschürzenhäuser gibt es in Kottersreuth bei Goldkronach oder in Mistelgau. Im Raum Kulmbach gibt es Fensterschürzenhäuser etwa in Altdrossenfeld oder in Harsdorf. Ein absolutes Highlight ist ein Privathaus in Dreschenau, das 20 unterschiedliche Fensterschürzen hat.

Erbe der Markgräfin?

Wie genau die Idee der Fensterschürzen entstand, sei bislang nicht wissenschaftlich erforscht, so Trausch. Denkbar sei, dass Kunsthandwerker - nach dem Tod der kunstsinnigen Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth arbeitslos - sich bei Bauern in der Umgebung einquartierten und sich mit den Fensterschürzen dafür revanchierten.

Ein besonderes Vorhaben verfolgt der Verein in Mistelgau. Mit Unterstützung der bayernweit aktiven, bürgerschaftlichen Initiative Kulturerbe Bayern soll mit Hilfe von 150 000 Euro aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Deutschen Bundestags das Sandsteinhaus in der Bahnhofstraße 5 mit seinen schmucken Verzierungen instand gesetzt, wieder bewohnbar gemacht und unter dem Motto "Wohnen im Denkmal" zum Beispiel an Festspielmitwirkende auf Zeit vermietet werden. Den Rest des Jahres möchte der Verein dort agieren. Eine Steinmetzwerkstatt für Kinder, wie sie bereits beim Kulturtag des Bayreuther Bürgerfestes mehrfach auf großen Anklang stieß, könnte sich Trausch beispielsweise in der benachbarten Scheune vorstellen.

2018 hatte der Verein das denkmalgeschützte Haus in Mistelgau erworben. Vier unterschiedliche Fensterschürzen schmücken dessen Fassade, darunter ein absolutes Unikat: Eine etwa ein Quadratmeter große Fensterschürze unter dem Giebelfenster zeigt eine Geige mit Bogen umgeben von Klarinette und Flöte. Die handgemeißelten Musikinstrumente erinnern daran, dass der einstige Bauherr Konrad Knörl, der das Haus 1837 nach einem Dorfbrand errichtet hatte, als Musiker diese Instrumente spielte.