Es geht, zum einen, um ein altes Haus mit einem höchst sanierungsbedürftigen Dach. Und es geht, zum anderen, um die Frage, wie nachhaltig wir handeln, wenn es um unser täglich' Brot geht.

Wer wissen will, wie beides zusammengeht, muss Ralf Groß fragen. Der Obermeister der Kulmbacher Bäckerinnung, der als ebenso engagiert wie kreativ bekannt ist, fordert von Erzeugern und Verbrauchern, mehr als bisher in regionalen Dimensionen zu denken. Es könne nicht angehen, so sagt er immer wieder, dass Brotgetreide über lange Strecken durch viele Länder transportiert werde, bevor es letztlich als Tiefkühl-Teigling in der Aufbackstation eines deutschen Discounters lande.

Nachhaltig sei vielmehr, wenn Getreide, das direkt in der Region angebaut wird, in einer heimischen Mühle vermahlen und dann vom Handwerksbäcker vor Ort zu Brot, Brötchen und Kuchen verarbeitet werde.

An diesem Punkt kommt das alte Haus mit dem maroden Dach ins Spiel: Die Partheimühle, in Stadtsteinach direkt am Mühlbach gelegen. "Zweigeschossiger Walmdachbau, Sandsteinrahmungen, zweites Drittel 18. Jahrhundert" - so steht es in der Liste der Baudenkmäler der Stadt Stadtsteinach. Dirk Partheimüller betreibt hier eine Mühle. In der 18. Generation, wie er berichtet. Seit 1884 darf sich die Mühle "Kunstmühle" nennen - ein Zeichen dafür, dass hier auf dem neuesten Stand der Ingenieurskunst gearbeitet wurde.

In der Partheimühle wird Getreide zu Mehl vermahlen. Feines und grobes, aus Weizen, Roggen oder Dinkel. auch aus biologischem Anbau. Dabei folgt Dirk Patheimüller stets seiner Philosophie: "Wir kaufen ausschließlich Getreide aus Oberfranken", sagt der Müllermeister. "Das ist nachhaltig, weil wir damit den CO2-Ausstoß minimieren." Verkauft wird das Mehl dann ausschließlich an Bäckereien und Kleinabnehmer aus der Region.

Mit den großen Mühlenunternehmen kann Dirk Partheimüller nicht konkurrieren. Er sagt, dass er das Getreide teurer einkauft, als Großmühlen ihr Mehl verkaufen. Während in Stadtsteinach rund 12 000 Tonnen Getreide im Jahr verarbeitet werden, sind es in mancher Großmühle 1000 Tonnen je Tag. Die Gewinnspannen sind klein.

Und so hat die konsequente Fokussierung auf die Region ihren Preis. Den die Kunden aber bereitwillig zahlen. Kunden, wie Ralf Groß. Der "Grünwehrbeck" rechnet vor: In Stadtsteinach zahlt er 45 Euro für den Doppelzentner Mehl. In der Großmühle wäre die gleiche Menge für 27 Euro zu haben. Die Endverbraucher bekommen das zu spüren; Brot und Brötchen kosten ein wenig mehr als anderswo. Aber es geht um Cent-Beträge. Ralf Groß hat den Eindruck, dass es seine Kundschaft durchaus zu schätzen weiß, dass hier auf kurze Wege und nachhaltiges Wirtschaften gesetzt wird.

Um die Idee vom Kreislauf regionalen Wirtschaftens noch stärker als bisher nach außen zu tragen, hat Ralf Groß vor kurzem einen Verein gegründet. "Verein zur Förderung nachhaltiger und regionaler Lebensmittelerzeugnisse" heißt der und er soll die Produktionskette "vom Korn bis zum Brot" repräsentieren, wie Groß erläutert.

Ein erstes Projekt hat der Verein schon auf den Weg gebracht. Die "Aktion Mühlendach". Noch steckt sie in den Anfängen. Die Corona-Krise hat, wie in vielen anderen Bereichen auch, die Akteure ein wenig ausgebremst. Aber Ralf Groß will sich dafür stark machen, dem Stadtsteinacher Müllermeister bei der Sanierung des maroden Walmdachs des historischen Gebäudes unter die Arme zu greifen. "Das ist die letzte Mühle, die wir im Landkreis haben. Die muss erhalten bleiben."

Rund 1,6 Millionen Euro soll die Sanierung des Gebäudekomplexes kosten, die sich nicht nur aufs Dach beschränken würde: Ein Betrag, den die Familie Partheimüller nicht alleine stemmen kann. Derzeit laufen Gespräche, unter anderem mit der Stadt Stadtsteinach. Deren Bürgermeister Roland Wolfrum ist optimistisch: "Wir können hier zwar keinen Präzedenzfall schaffen und ein privates Bauvorhaben fördern. Aber vielleicht gibt es einen Weg..." Ein Nebengebäude der Partheimühle in die Neugestaltung des Stadtparks einzubinden, wäre so ein Weg.

Grundversorgung

Auf der Ladentheke beim "Grünwehrbeck" steht seit geraumer Zeit eine Spardose. Kleinvieh mache auch Mist, sagt Ralf Groß, und rechnet vor, dass auch Kundenspenden eine Summer ergeben können, die der Familie Partheimüller hilft.

"Die Bauern, die Müller und die Bäcker sind für die Grundversorgung der Menschen zuständig. Da müssen solche Betriebe wie die Partheimühle erhalten werden", sagt Ralf Groß. "Vielleicht kommen einmal schlechte Zeiten. Dann ist es gut, dass es uns gibt."

Dazu auch unser Kommentar von Katrin Geyer

Wie schnell sich doch die Zeiten ändern!

Keine drei Wochen ist es her, dass Ralf Groß, der Obermeister der Bäckerinnung, eher beiläufig und nebenbei erwähnte, dass Unternehmen vor Ort wie die Partheimühle wichtig seien, wenn einmal schlechte Zeiten kommen: Dann könnten sie die Versorgung sichern, auch dann, wenn die Lieferketten der Discounter abreißen.

Nun haben wir die "schlechten Zeiten". Nein, wir sind nicht im Krieg. Und nein, wir werden wohl keinen Hunger leiden müssen. Aber auf die eine oder andere Einschränkung sollten wir uns doch einstellen: Italien befindet sich seit Wochen im Ausnahmezustand. Italienische Tomaten und Äpfel aus Südtirol könnten in dieser Saison rar werden. Die Transportwege funktionieren nicht mehr. Paprika aus Spanien? Die Ernte könnte knapp ausfallen, weil die Arbeitskräfte fehlen.

Da zahlt es sich aus, wenn man vor Ort jemanden hat, der zuverlässig hochwertige Lebensmittel produziert. Einen Müller wie Dirk Partheimüller etwa, der ausschließlich mit Landwirten in der Region zusammenarbeitet und ausschließlich an regionale Abnehmer verkauft. Transparente Produktion, kurze Transportwege und Direktvertrieb statt langer Lieferketten - das ist ein System, das nicht nur nachhaltig ist, sondern das vor allem Stabilität verspricht in Zeiten, in denen die gewohnten wirtschaftlichen Strukturen fragil werden.

Das gilt nicht nur für einen Müller. Das gilt auch für die "kleinen" Bäcker, Metzger oder Gemüsebauern vor Ort. Im Vergleich zu den Ketten und Branchenriesen produzieren sie oft unter erschwerten Bedingungen und mit weit geringeren Gewinn-Margen.

Jetzt aber erweist es sich als Vorteil, dass sie eben nicht eingebunden sind in das riesige globale Räderwerk, das zum Erliegen kommt, wenn nur einige Rädchen ausfallen.

Solche Überlegungen sollten wir mit hinübernehmen in die Nach- Corona-Zeit. Wir sollten uns dann, wenn wir wieder mal am Supermarkt-Regal stehen und der Verlockung des Super-Sonder-Aktions-Spar-Angebotes kaum widerstehen können, öfter einmal sagen: "Gut, dass wir die 'Kleinen' vor Ort haben! " Und uns dann konsequent für Produkte regionaler Herkunft entscheiden.