Es muss eine glückliche Fügung gewesen sein, als die Eltern von Mirjam Rupprecht im Jahr 1982 in ihrer Wohnung in Berlin-Neukölln in einer Zeitung die Anzeige für eine Ferienwohnung in Zettlitz bei Rugendorf entdeckt haben. Dass ihr Entschluss, den nächsten Urlaub im Landkreis Kulmbach zu verbringen, einmal das Leben der gesamten Familie nachhaltig beeinflussen würde, hätten die Berliner sich damals wohl nicht träumen lassen.

Eineinhalb Jahre alt war Mirjam Rupprecht beim ersten Urlaub auf dem Hof der Familie Pöhlmann in Zettlitz. Knapp 40 Jahre ist das jetzt her, und aus der früheren Feriendestination ist mittlerweile das Zuhause der gebürtigen Berlinerin geworden. Die Gastgeber von damals sind heute ihre Nachbarn. "Zettlitz war für mich immer schon meine zweite Heimat. Ich glaube, ich habe mich hier immer wohler gefühlt als in Berlin", erzählt die 41-Jährige.

Drei Aufenthalte im Jahr

Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick zwischen der Familie aus Neukölln und dem oberfränkischen Dorf mit nicht einmal 30 Häusern. Frankenwald und Fichtelgebirge waren zu DDR-Zeiten für West-Berliner die nächstgelegenen Urlaubsmöglichkeiten. Viele Gäste von damals haben bis heute Verbindungen in die Region. Mirjam Rupprechts Familie hat es in Zettlitz gleich so gut gefallen, dass fortan alle Ferien in Oberfranken verbracht wurden und für mehrere Wochen im Jahr die kleine Wohnung in einem Hochhaus an der letzten U-Bahn-Station und in direkter Mauernähe gegen die beschauliche Landidylle getauscht wurde. Die Berliner waren schnell in die Dorfgemeinschaft integriert, aus Urlaubern wurde Freunde. Mirjams Eltern organisierten das örtliche Straßenfest mit, zum Teil sogar von Berlin aus. Umgekehrt fuhren die Zettlitzer zu Gegenbesuchen nach Berlin. Die "Dorfmusik" war regelmäßiger Gast beim sogenannten Spinnefest in Neukölln, stets mit einem Lkw voller Bier im Schlepptau.

"Für mich war immer klar, dass ich nicht auf Dauer in Berlin bleiben will, ich bin einfach ein Landmensch", sagt Mirjam Rupprecht. Dass die Wahlheimat dann tatsächlich Oberfranken wurde - daran ist die Liebe Schuld. Mehr oder weniger durch Zufall landete sie als 20-Jährige in dem Internet-Chatroom "Channel Bayreuth" und traf dort auf den Jura-Studenten Matthias. Nach zwei Monaten hin- und herchatten sagte sie zu ihrer Mutter: "Ich habe jemanden kennengelernt, ich fahre nach Oberfranken." Sie quartierte sich wieder in "ihrer" Zettlitzer Ferienwohnung ein und verabredete sich in Bayreuth mit Internet-Bekanntschaft Matthias. Es hat sofort gefunkt.

Studium und Ausbildung zwangen die beiden zunächst zu einer Fernbeziehung, für das Referendariat zog Matthias dann für drei Jahre nach Berlin. Die Hochzeitsglocken läuteten am 22. Mai 2010, da lebten die beiden noch in Berlin. Aber geheiratet wurde selbstverständlich - wie sollte es anders sein - in der Rugendorfer Kirche ("Das war für uns von Anfang an klar") und gefeiert in der Zettlitzer "Dorfschänke".

2011 zog das junge Paar schließlich nach Oberfranken um. Beide waren sich einig, "unsere Familie wollen wir auf jeden Fall auf dem Land gründen". Im Idealfall in der Rugendorfer Gegend, denn hier kannten sie sich bestens aus, hatten bereits viele Freunde und Kontakte. Und eben dieses Netzwerk war es dann auch, das der jungen Familie zunächst eine Mietwohnung in Feldbuch (auch ein Ortsteil von Rugendorf) und später das leerstehende Haus in Zettlitz, in direkter Nachbarschaft zu Mirjam Rupprechts früherem Feriendomizil, vermittelt hat. Die Entscheidung zum Kauf fiel nicht schwer.

"Die Nachbarn waren froh, und wir waren froh, jeder hat gesagt ,Die kennen wir, das passt'." Die Familie genießt die ruhige Lage am Waldrand und den großen Garten, in dem sich die drei Kinder Josias (10), Amalie (8) und Benjamin (6) nach Herzenslust austoben können. Gleichaltrige Spielkameraden wohnen gleich um die Ecke.

Sie schätzen die Dorfgemeinschaft

An ihrer Wahlheimat schätzen die Rupprechts vor allem die tolle Dorfgemeinschaft ("Jeder hilft jedem"), die ländliche Idylle und das Gefühl von Sicherheit. "In Berlin bin ich vom Spätdienst im Krankenhaus nur mit dem Pfefferspray in der Tasche nach Hause", erinnert sich die 41-Jährige. "Hier ist es ein ganz anderes Lebensgefühl", bestätigt ihr Mann. Das wissen inzwischen auch Mirjam Rupprechts Mutter und Bruder zu schätzen, die 2019 und 2020 ebenfalls von Berlin nach Rugendorf umgesiedelt sind.

Alle engagieren sich im Gemeindeleben. Mirjam Rupprecht gestaltet den Kindergottesdienst mit und ist im Elternbeirat des Kindergartens, ihr Mann ist Kassier im örtlichen Wasser- und Waldverein sowie im Elternbeirat der Schule, und der Bruder baut in Zettlitz eine Kinder-Feuerwehr mit auf. Nur mit dem fränkischen Dialekt will es bei den Berlinern nicht so recht klappen. "Selbst meine Kinder können kein rollendes ,R' sprechen", sagt Mirjams Mann, ein gebürtiger Bayreuther, mit einem Schmunzeln.

Doch abgesehen von der einen oder anderen Sprachbarriere ist Zettlitz längst zum Zuhause geworden. "Ich vermisse nichts", sagt Mirjam Rupprecht. "Anfangs hat es sich wie Urlaub angefühlt, wenn ich vor die Tür gegangen bin und die Landluft gerochen habe. Es ist toll, dass ich jetzt da leben kann, wo andere Urlaub machen."