Renate Goller hat sich auch von Graupelschauern und eiskalten Temperaturen nicht schrecken lassen. Sie steht am Grab der Schwiegereltern, rückt eine Schale, die mit Heidekraut bepflanzt ist, zurecht. In der Tasche hat sie ein ewiges Licht. Denn auf jeden Fall muss an Allerheiligen auf dem Grab eine Kerze brennen.

"Ich wollte mal vorab schauen, was schon so alles auf dem Grab ist, denn eigentlich pflegt meine Schwägerin das Grab. Aber ich möchte in diesem Jahr einen Strauß aufs Grab stellen", hat sich Renate Goller vorgenommen. Chrysanthemen sollen es sein - allerdings werden die erst im letzten Moment aufs Grab gestellt, denn Frost vertragen die üppigen Blumen nicht. Renate Goller und ihr Mann halten die Allerheiligen-Tradition aufrecht. "Natürlich gehen wir an diesen stillen Tagen auf die Friedhöfe. Das gehört ganz einfach dazu.

Heuer gerne etwas üppiger


Dass in Stadtsteinach diese Tradition noch sehr lebendig ist, kann Martina Tittel von der Gärtnerei direkt am Friedhof bestätigen. Denn sie hat in den vergangenen Wochen 140 große Gestecke kreiert. "Ich habe jeden Samstag, Sonntag, sogar mittags, immer Gestecke gemacht", erzählt Tittel. Und nur noch eine Handvoll Gestecke sind vorrätig. "Die Leute greifen in diesem Jahr zu Gestecken, die ruhig ein bisschen üppiger sein dürfen. So um die 30 Euro geben sie schon aus."

Nur wenige Kunden kommen erst im letzten Moment. "Die meisten bereiten die Gräber schon frühzeitig vor", sagt Martina Tittel, die die Angewohnheiten der Stadtsteinacher genau kennt. So nutzten viele Menschen die schönen Herbsttage, um die Gräber mit Calluna, wie die Expertin das frostsichere Heidekraut nennt, zu bepflanzen. Auch die Pflegegräber, die die Gärtnerei betreut, sind längst fertig. "Wir haben schon im September angepflanzt. Mit Calluna, mit Stiefmütterchen, mit grünen oder silbernen Pflanzen", erklärt die Expertin. "Die meisten stellen zu Allerheiligen dann noch eine Schale auf die Gräber."

Es sind nach Martina Tittels Erfahrung übrigens nicht nur Katholiken, die den Allerheiligen-Brauch pflegen. "Auch Protestanten richten ihre Gräber schon zu Allerheiligen, damit alles schön aussieht."

Zierkies statt Zweige


In diesem Jahr lägen - wegen des frühen Wintereinbruches - klassische Gestecke, die auch Frost aushalten und Calluna im Trend. Aber viele stellten auch an Allerheiligen Chrysanthemen in Weiß oder Gelb auf die Gräber oder gar einen Rosenstrauß. Dem allerdings macht der Frost schnell den Garaus: Innerhalb von nur einer Nacht sind die Blüten braun-schwarz verfärbt.

Einige wenige Gräber sind akkurat mit Tannenzweigen, die klein geschnitten werden, ausgesteckt. "Das sieht natürlich schön aus, ist aber sehr aufwendig", kommentiert Tittel diesen alten Brauch. Bei den Pflegegräbern wird auf dieses aufwendige Prozedere verzichtet. Stark im Trend liegen dagegen Gräber, die mit Zierkies ausgekleidet sind. "Das sieht sauber aus und ist nicht so teuer wie ein kompletter Stein. Die meisten schmücken solche Gräber dann mit Schalen."

Am heutigen Feiertag findet in Stadtsteinach um 15 Uhr dann wieder der traditionelle Friedhofsrundgang statt. Zwar ist der Tag offiziell der Gedenktag für die Heiligen - wie es der Name schon sagt. Aber es ist ein Feiertag - und die Menschen haben Zeit für den Gang zum Friedhof.

Friedhofsrundgang


Allerseelen - also der 2. November - ist dann in der Tradition der katholischen Kirche der Gedenktag für alle Verstorbenen, an dem die Lebenden für die "armen Seelen" beten und Fürbitte leisten, erläutert Dekan Hans Roppelt. In der evangelischen Kirche werde am Ewigkeitssonntag - dem letzten Sonntag vor dem Advent - an die Verstorbenen gedacht.

"Auch ich persönlich mache meinen Friedhofsrundgang zu den Gräbern meiner Verwandten und Bekannten - gemeinsam mit meiner Mutter", erklärt der Dekan. Meistens aus Termingründen aber nicht an Allerheiligen oder Allerseelen, sondern einige Tage später. Der genaue Termin spiele keine so große Rolle, sagt der Dekan: "Das Andenken ist wichtig."