Die Pflegeheime sind voll belegt, Wartelisten füllen sich, einen Kurzzeitpflegeplatz gibt's nur mit viel Glück, und die ambulanten Dienste können keine neuen Kunden mehr aufnehmen. "Die Situation ist extrem schwierig", sagt Karl-Heinz Kuch, Geschäftsführer der Diakonie Kulmbach.
Die Wohlfahrtsverbände haben in den vergangenen Jahren kräftig investiert - in den Um- und Neubau von Seniorenpflegeheimen. "Dabei haben wir uns an den Prognosen des seniorenpolitischen Gesamtkonzepts für den Landkreis aus dem Jahr 2010 orientiert und auch zusätzliche Pflegeplätze geschaffen. Wir könnten sogar noch mehr Häuser bauen und mit Bewohnern füllen - aber wir bekommen kein Personal."


Leerstand trotz Nachfrage

Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt, bestätigt BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold. "In unserem neuen Haus in Neudrossenfeld konnten wir im vergangenen Jahr von Januar bis April 28 unserer 60 Betten nicht belegen, weil wir nicht genug Mitarbeiter hatten - und wir haben intensiv gesucht und geworben." Aktuell gibt es beim BRK fünf offene Stellen in der stationären Pflege, die Diakonie bräuchte im ambulanten Dienst mindestens zwei bis drei Kräfte.
Das Problem im ambulanten Bereich: Die Menschen brauchen morgens Hilfe - beim Waschen, Anziehen, dem Anlegen von Kompressionsstrümpfen. Da werden gleichzeitig viele Mitarbeiter benötigt. "Die Leute wollen ja nicht bis Mittag im Bett liegen bleiben und warten."
Verbandswechsel und andere weniger von der Uhrzeit abhängige Hilfen, könne man noch ermöglichen, so die Hauptgeschäftsführerin des Awo-Kreisverbands, Margit Vogel, die bei Bedarf derzeit auch noch den einen oder anderen Kurzzeitpflegeplatz Am Rasen anbieten kann, solange das umgebaute Haus noch nicht voll belegt ist.


Was sind die Ursachen?

Woran liegt es, dass der Altenpflege der Nachwuchs fehlt? Da kommen mehrere Faktoren zusammen, so die Vertreter der Träger: Wenig Vollzeitstellen sind ein Problem, aber auch das negative Image der Altenpflege und natürlich die Tatsache, dass viele Branchen um junge Leute werben. Dass Pflegekräfte schlecht bezahlt werden, sei dagegen "ein Märchen", sagt Karl-Heinz Kuch: "Wer drei Jahre bei uns ist, verdient 3052 Euro brutto plus Zulagen."
Allerdings nehmen die wenigsten Mitarbeiter dieses Monatsgehalt mit nach Hause: "Um alle Vorgaben zu erfüllen, müssen wir überwiegend Teilzeitkräfte einsetzen." Beispiel Seniorenstift Mainleus: Um die 60 Bewohner kümmern sich 55 Mitarbeiter, in der Pflege sind 24 Vollzeitstellen auf 43 Personen verteilt. "Wir brauchen viele Köpfe, um zu Stoßzeiten, bei Urlaub und Krankheit handlungsfähig zu sein", sagt Heimleiter Jürgen Konrad. Für junge Leute macht der Mangel an Vollzeitstellen die Entscheidung für den Beruf nicht leichter.
Beim Awo-Kreisverband ist der Anteil der Vollzeitkräfte in der Pflege deutlich höher. 121 Mitarbeiter arbeiten in Vollzeit, 317 in Teilzeit. Das Gehalt liegt nach ebenfalls dreijähriger Betriebszugehörigkeit knapp unter 3000 Euro, so Margit Vogel.
Die größten Engpässe bei der Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen sieht Uwe Oetter von der Heimaufsicht am Landratsamt im Bereich Kurzzeitpflege ("die frühere Kurzzeitpflegestation der Awo fehlt") und bei den ambulanten Hilfen. "Die Anbieter tun sich immer schwerer, ihre Stellen vernünftig zu besetzen." Die rund 950 Heimplätze der Awo, der Diakonie, des BRK, der Caritas sowie von Pro Seniore entsprächen in etwa dem aktuellen Bedarf. Doch auch der werde steigen: Im seniorenpolitischen Gesamtkonzept des Landkreises Kulmbach wurde für das Jahr 2029 ein Bedarf von 1003 Plätzen für vollstationäre Dauerpflege errechnet. Dazu kommen 2550 Menschen, die ambulant versorgt werden müssen.
Um diese Nachfrage befriedigen zu können, müssen die Weichen neu gestellt werden, sind sich Karl-Heinz Kuch und Jürgen Dippold einig. "Es liegt allerdings nicht in unserer Hand, die Rahmenbedingungen zu verändern. Da ist die Politik gefordert."
Dass dringender Handlungsbedarf besteht, das wissen auch die Mandatsträger auf Landes- und Bundesebene. Für Landtagsvizepräsidentin und Awo-Kreisvorsitzende Inge Aures (SPD) steht eine höhere Wertschätzung für den Pflegeberuf im Vordergrund: "Die Ausbildung muss attraktiver, die Bezahlung besser werden." Zur Wertschätzung gehöre auch, gesetzliche Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen: "Die Pflegekräfte verbringen sehr viel Zeit mit Dokumentation. Da sollten wir schon mal hinschauen: Was ist wirklich notwendig?"


"Nationale Kraftanstrengung"

Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU) ist Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestags. Als gelernte Krankenschwester kennt sie die Probleme der Pflege. Eine Patentlösung hat sie auch nicht parat, doch für sie steht fest: "Wir müssen alles tun, um den Beruf attraktiver zu machen, nicht nur bei der Bezahlung, sondern vor allem hinsichtlich der Arbeitsbelastung." Das Problem sei erkannt, "aber die Lösung erfordert eine nationale Kraftanstrengung".