Der Countdown läuft. In wenigen Tagen beginnt in Stadtsteinach die heiße Phase der närrischen Zeit. Hinter den Kulissen bedeutet dies bei der Faschingsgesellschaft Überstunden. Denn ganz fertig sind die Kostüme für die Garden noch nicht. "Aber wir sind in diesem Jahr schon ziemlich weit, das wird schon", sagt Inge Stöcker. Sie kam 2000 zur Faschingsgesellschaft Stadtsteinach.


Längst eine Leidenschaft


Die Gestaltung der Kostüme ist für sie zu einer Leidenschaft geworden. "Das Nähteam und ich bekommen von den Trainern die Ideen, wir machen dann was draus. Mir fällt immer was ein", lacht die 69-Jährige.

Sie kramt unterdessen im großen Utensilienschrank. "Barbierosa oder Royalblau - Bordüre oder nicht?", fragt sie sich leise. Inge Stöcker tüftelt noch an kleinen Details. Sie ist Perfektionistin.
"Die Gardekostüme unterliegen der Mode wie alles andere auch. In den letzten Jahren sind die Kostüme schlichter geworden - mehr wie Uniformen. Zu viele Pailetten sind nicht mehr in", sagt Inge Stöcker. Aus diesem Grund wurden auch die Kostüme für die Stadtsteinacher Garden überarbeitet. Die Kleinsten haben neue Gürtel bekommen. "Bei der gelben Garde haben wir die weiten Unterröcke herausgenommen. Auch die Ärmel aus den Jacken wurden rausgetrennt", erklärt Stöcker. Und die Hüte sind ebenfalls neu: kleiner, feiner, pfiffiger.

Dass so eine "Idee" ganz schön viel Arbeit macht, davon können die "Ausführenden" ein Lied singen. Denn die Purzelgarde geht in dieser Session mit 17 Tänzern an den Start, die gelbe Garde mit 29, die rote mit 17 und die grüne mit zwölf. Für jeden Tänzer werden zwei Kostüme benötigt - eines für die Garde, das andere für den Showtanz.

Doch damit nicht genug. Denn richtig für Stimmung sorgen auch im Jubiläumsjahr die Maxigarde mit 29 Tänzerinnen, das Männer- und das Weiberballett. Das bedeutet, dass weitere 62 Kostüme gefertigt werden müssen.


Täglich sechs bis acht Stunden


An den großen Industrienähmaschinen sitzen Angelika Grimmler und Lotti Schaller. Beide sind längst im Rentenalter. Sie opfern täglich sechs bis acht Stunden Freizeit, um all die Kostüme anzufertigen. "Wir nähen jeden Tag - normalerweise montags bis donnerstags. Aber jetzt müssen wir auch mal Überstunden machen", lachen beide. Die Näherinnen fertigen die Kostüme unentgeltlich, in ihrer Freizeit. "Das macht einfach Spaß", sagt Lotti Schaller. Dass beide Frauen auch beruflich als Näherinnen tätig waren, hilft.

"Aber es ist nicht so, dass alles auf Anhieb passt. Wir müssen auch öfters auftrennen", gibt Angelika Grimmler zu. Manchmal haben die Näherinnen auch so ihre Zweifel, ob die Ideen, die Inge Stöcker hat, gut aussehen. "Manchmal fragt man sich, ob da schön wird - aber am Ende wird's immer was. Es wird so lange probiert bis es passt", lacht Grimmler.

Ebenfalls im Nähteam aktiv ist Erika Sesselmann, die Frau des Präsidenten. Mit ihrer großen Schere schneidet sie Bündchen für die Röcke zu. Jeder Millimeter wird genau abgemessen, denn die Stoffe sind knapp. "Wir können nicht jedes Jahr alle Stoffe neu kaufen. Wir recyceln auch, sonst könnte man all die Kostüme gar nicht bezahlen", sagt Inge Stöcker.


Stoffe sogar aus Australien


Dass manchmal nicht nur Stoffe, sondern auch Materialien wie Moosgummi oder Lederimitate verarbeitet werden, macht die Arbeit für die Näherinnen nicht einfacher.

Die Kostüme für die Jubiläumssession werden richtig bunt. Das Nähteam verarbeitet Stoffe aus aller Herren Länder. Einige kommen aus Indien, andere wurden aus Australien bestellt. "Für das Weiberballett habe ich einen Stoff gesehen, den ich einfach haben musste. Dass er aus Australien kam, ist ja egal", lacht Inge Stöcker.

Eine der treuesten Mitglieder des Nähteams ist Evi Hofmeister. die Grande Dame des Stadtsteinacher Faschings. Sie ist seit 1965 aktiv. Heute ist sie Ehrensenatorin, hat die höchsten Würdigungen des Faschingsverbandes erfahren. "Früher habe ich mit meiner Mutter Margot zu Hause alle Kostüme alleine genäht", erzählt Hofmeister. Doch damals waren die Gruppen kleiner. Heute wäre das nicht mehr möglich.


Mit der Lizenz zur Gestaltung


Evi Hofmeister ist keine gelernte Schneiderin, sondern Buchhalterin. Auch ihre Mutter hatte einen kaufmännischen Beruf. "Aber meine Oma war Schneiderin - wir haben uns alles angeeignet", sagt sie. Inzwischen sitzt Hofmeister seltener an den Nähmaschinen, sie hat die Lizenz zur Gestaltung, designt Hüte und Kopfbedeckungen, "verziert" Perücken und Gürtel mit Heißkleber.

"Fürs Männerballett nähe ich auf jede Hose per Hand 140 Pailetten auf", sagt Hofmeister und setzt die Nadel nicht ab. Denn bei 21 Tänzern macht das 2940 Pailetten - nur für einen Teil des Kostümes. "Geduld braucht man schon", sagt Evi Hofmeister und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Beim Nähen kommt der Spaß nicht zu kurz. "Ich habe gerade einen Kaffee gemacht", verkündet Angelika Grimmler und alle freuen sich. Jetzt hoffen die Näherinnen, dass die Tänzerinnen über die Weihnachtsfeiertage nicht zu viel Gänsebraten gegessen haben. "Das hat es auch schon gegeben, dass wir die Kostüme noch ändern mussten", verrät Inge Stöcker.

Deshalb findet vor der Prunksitzung noch eine letzte Anprobe statt: für alle. Denn wenn sich der Vorhang öffnet, muss alles perfekt sein.