Seit Monaten schwankt Samad zwischen Glück und Todesangst. Obwohl sich der Afghane (22) seit seiner Ankunft in Kronach vor fünf Jahren vorbildlich integriert hat, will ihn die Zentrale Ausländerbehörde in Bayreuth (ZAB) zurück in seine Heimat schicken (wir berichteten). Dort drohen ihm die Taliban mit dem Tod. Nur weil aufgrund der Corona-Pandemie wochenlang keine Abschiebeflüge stattgefunden haben, ist der junge Asylbewerber noch hier.

Ein paar Tage konnten Samad und seine Verlobte Kasandra (19) an den Weihnachtsfeiertagen aufatmen. Doch von Entwarnung kann keine Rede sein: Vor einer Woche startete der erste Abschiebeflug des neuen Jahres nach Afghanistan - und Samad stand plötzlich auf der Liste. Das berichtet Hartmut Fleischmann, der alles daran setzt, dass sein Schützling in Deutschland bleiben kann.

Ausländerbehörde will Tatsachen schaffen

Der Flüchtlingshelfer hat einen Tipp erhalten. "Wir wurden gewarnt, dass Samads Name abends noch ganz oben auf die Liste gesetzt wurde und die Lage mehr als ernst ist." Denkbar sei, dass die Ausländerbehörde   in Bayreuth schnellstmöglich Tatsachen schaffen und Samad aus dem Land schaffen will, bevor er Kasandra heiraten kann oder die Härtefallkommission über seine Zukunft entschieden hat. Dass die Presse über Samad berichtet hat und der Fall hohe Wellen schlägt, hat sich offenbar bis zur ZAB herumgesprochen.

Die dramatische Situation des jungen Afghanen hat für Aufsehen gesorgt - nicht zuletzt, weil die Terrormiliz in Afghanistan Samads Familie ermordet hat und auch ihm offen mit dem Tod droht. Unklar bleibt weiterhin, warum der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entschieden hat, dass Samad das Land verlassen muss. Weder hat er Straftaten begangen noch liegt er dem Staat auf der Tasche.

Nach seinem Schulabschluss hat der 22-Jährige als Produktionshelfer gearbeitet und hätte gute Chancen auf eine langfristige Anstellung gehabt, hätte ihm die Ausländerbehörde vor einigen Monaten nicht die Arbeitserlaubnis entzogen. Menschen, die ihn kennen, beschreiben einen stets freundlichen und hilfsbereiten Mann.

Der nächste Abschiebeflug rückt näher

Darüber hinaus spricht Samad sehr gut deutsch und hat sich in den vergangenen Jahren mit seiner Verlobten in Kronach ein gemeinsames Leben aufgebaut. Doch anstatt zu heiraten , musste sich das Paar vor einer Woche innerlich darauf einstellen, dass nun der Tag gekommen ist, vor dem es ihnen seit Monaten graut. "Ich schaue ständig, wann die Abschiebeflüge gehen und denke dann immer: ‘Nein, nein, das darf nicht sein‘", erzählte Kasandra von den Wochen vor dem Starttermin .

Doch dann rückte der Termin näher und es passierte: nichts. "Wir können es uns auch nicht erklären, warum Samad nicht abgeholt wurde", meint Hartmut Fleischmann. "Wir haben wohl einfach noch mal Glück gehabt." Doch der nächste Abschiebeflug rückt näher.

Die Zeit bis dahin möchten Samad und seine Verlobte nutzen, um endlich zu heiraten . Bislang ist die Eheschließung daran gescheitert, dass die Ausländerbehörde Samads Pass eingezogen hat. Ohne das Dokument konnte die Eheschließung beim Standesamt nicht angemeldet werden. "Die gleiche Behörde , die Samads Abschiebung vorbereitet, macht gleichzeitig die Hochzeit unmöglich, indem sie den Pass einbehält", erklärte Hartmut Fleischmann bereits im vergangenen Jahr die verworrene Pattsituation.

Eheanmeldung im vierten Versuch

Glücklicherweise seien sie nun einen Schritt weiter. "Wir hatten Kopien des Passes, die das Standesamt Kronach nun akzeptiert hat. Somit konnte das Paar im vierten Anlauf die Eheschließungsanmeldung abschließen." Weil auch alle anderen Dokumente vorliegen, steht der Hochzeit von Samad und Kasandra nicht mehr im Weg - eigentlich. Will ein Asylbewerber in Deutschland heiraten , muss zuerst das Oberlandesgericht Bamberg den Fall prüfen. So sollen Scheinehen vermieden werden. Der Prozess soll theoretisch vier bis sechs Wochen dauern. Hartmut Fleischmann hält jedoch bis zu drei Monate realistischer.

Parallel hat sich Samds Anwältin an die Härtefallkommission des Innenministeriums gewandt - ebenfalls ein Weg, der monatelang sein kann. "Es gab auch schon Fälle, bei denen der Asylbewerber im laufenden Verfahren abgewiesen wurde", berichtet der Flüchtlingshelfer. Es gelte nun, keine Zeit mehr zu verlieren. "Die Nervenbelastung für das Paar ist enorm."

Der nächste Abschiebeflug geht am 9. Februar. Vor Samad und Kasandra liegen nun zwei Wochen zwischen Angst und Bangen. Jeden Moment könnte die Polizei an ihrer Haustür stehen und den 22-Jährigen in Abschiebehaft nehmen. "Ich wünsche mir nicht viel, sondern einfach nur ein glückliches Leben, hier mit Kasandra", hatte Samad gesagt. Hat seine Geschichte doch noch ein glückliches Ende? Wir bleiben dran.