Von wegen politikverdrossen. Spätestens die Fridays-for-Future-Bewegung hat gezeigt: Die Jugend hat sehr wohl Interesse am politischen Geschehen und möchte die Zukunft aktiv mitgestalten. Doch nicht selten haben junge Leute das Gefühl, dass ihnen die Erwachsenen nicht zuhören. Das soll sich in der Kreisstadt bald ändern: Kronachs Stadtrat hat in seiner jüngsten Sitzung den Startschuss für ein Jugendparlament gegeben.

So soll die Kronacher Jugend Einfluss auf das politische Geschehen in der Stadt nehmen können. Gleichzeitig soll das politische Engagement der Jugendlichen nachhaltig gefördert werden. Das Parlament soll eigene Projekte verwirklichen können und den Stadtrat bei jugendspezifischen Themen beraten.

Ein Kandidat wäre Jannik Beiergrößlein. Als Sohn des ehemaligen Stadtoberhaupts ist der Neuntklässler mit den politischen Geschehnissen in Kronach bestens vertraut. "Ich bin der Meinung, dass es gut ist, die Meinung der Jugend mehr zu berücksichtigen und wir so mehr Einfluss auf das Geschehen in der Stadt nehmen können", findet der 15-Jährige, der sich durchaus vorstellen könnte, beim Jugendparlament mitzumachen. "Ich werde mir das auf jeden Fall mal anschauen." Denn häufig wüssten junge Menschen bislang nicht, an wen sie sich mit ihren Anliegen wenden sollen.

Die Mitglieder des Jugendparlaments fungieren als Vermittler zwischen den Heranwachsenden und der Verwaltung. "Das hätte mehr Wirkung, als wenn sich junge Leute einzeln an die Verantwortlichen wenden", glaubt Jannik Beiergrößlein und nennt die Skateranlage am LGS-Gelände als Beispiel. "Da habe ich von vielen gehört, dass da was passieren müsste." Auch die Ortsteile müssten eingebunden werden.

"Ich finde die Idee mit dem Jugendparlament richtig gut", freut sich André Emmert, der bereits Mitglied der Jungen Union ist. "Kronach braucht so was." Darum will sich der 17-Jährige selbst zur Wahl stellen.

Vielen ist Politik egal

Dass sich ein Zehntklässler politisch engagiert, ist nicht selbstverständlich, wie André Emmert aus eigener Erfahrung weiß: "In meinem Freundeskreis gibt es vielleicht zwei Personen, mit denen ich mich über politische Themen unterhalten kann. Dem Rest ist Politik ziemlich egal." Das müsse sich dringend ändern. "Wir leben in einer Demokratie und da ist es wichtig, dass jeder seine Meinung äußert - und die Jugendlichen sind die Stimme der Zukunft."

Wenn André Emmert Teil des Jugendparlaments wird, wüsste er auch schon genau, wofür er sich einsetzen würde. "Kronach belebter zu machen ist das Hauptthema der letzten Jahre." Tagsüber sei in der Stadt schon einiges los. "Doch vor allem abends sieht man kaum jemanden mehr." Nicht nur das abendliche Freizeitangebot müsste sich seiner Meinung nach verbessern: Mit Blick auf Kronachs Zukunft als Hochschulstadt bräuchte es auch Einkaufsmöglichkeiten für junge Leute. "Wir müssen es hinbekommen, dass sich auch größere Ketten und namhafte Kleidermarken bei uns niederlassen." Dem Schüler ist klar: Solche Ziele lassen sich nicht über Nacht umsetzen. "Aber ich glaube wirklich, dass das Jugendparlament etwas erreichen kann."

Themen landen im Stadtrat

Das glaubt auch Martin Pfadenhauer. Der 18-Jährige engagiert sich bereits seit eineinhalb Jahren bei den Grünen. "Ich will mitreden, mitwirken und etwas in der Stadt verändern", erklärt der Auszubildende seine Beweggründe, sich schon in jungen Jahren politisch einzubringen. Straßen, Fahrradwege - in Kronach gebe es noch viel zu verbessern. "Die Innenstadt sollte auch beruhigter und grüner werden."

Aus der Sicht von Martin Pfadenhauer ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Wünsche künftig direkt im Rathaus vorbringen können und die Themen anschließend im Stadtrat diskutiert werden. Ob er sich selbst zur Wahl stellen wird? Da will sich der 18-Jährige noch nicht festlegen. "Ich habe im Herbst auch noch Zwischenprüfung, aber Interesse hätte ich auf jeden Fall schon."

Doch was halten die Erwachsenen eigentlich vom Jugendparlament? Wir haben auf unserer Facebook-Seite nachgefragt. "Ich finde es gut. Die Frage ist nur, wie weit die Ergebnisse dann auch angenommen werden", meint zum Beispiel Markus Kaiser. Yvonne Schirmer-Neumeister hätte auch gleich schon ein paar Vorschläge, wofür sich das Jugendparlament starkmachen soll:"Ein Mutter-Kind-Treff für die kleinere Generation mit Spielmöglichkeiten." Aber auch eine Fußball- oder Kletterhalle und ein Treffpunkt für Freunde von Online-Gamingspielen wäre aus ihrer Sicht sinnvoll.

Im Herbst wird gewählt

Die Idee eines Jugendparlaments kursiert schon seit zehn Jahren in der Kreisstadt, doch erst jetzt hat sich der Stadtrat in seiner jüngsten Sitzung auf die Rahmenbedingungen geeinigt. Dem Entschluss vorangegangen war eine Diskussion bezüglich Wahlalter und Wohnsitz der Mitglieder.

Beim passiven Wahlrecht, also dem Alter, das die Kandidaten fürs Jugendparlament haben müssen, hat sich das Gremium schließlich auf eine Spanne von 14 bis 18 Jahren geeinigt.

"Es gibt auch Zwölfjährige, die für ihr Alter schon sehr reif sind und sich engagieren wollen", argumentierte Martina Zwosta (Frauenliste). Die Mehrheit befand jedoch, dass der Altersunterschied unter den Mitgliedern nicht allzu groß sein soll, da "zwischen 14 und 21 schon Welten liegen". Wählen dürfen Jugendliche bereits ab 13 Jahren.

Wer sich zur Wahl im Herbst aufstellen lassen will, muss seinen Erstwohnsitz in Kronach haben. Nach den Sommerferien wird vor allem in den Schulen, Vereinen und dem Jugendzentrum für das Jugendparlament, das aus neun Mitgliedern bestehen soll, geworben.

Beschlüsse des Jugendparlaments sollen Bürgermeisterin Angela Hofmann vorgelegt werden und innerhalb von drei Monaten auf der Tagesordnung des Stadtrats landen. Auch über das Budget wurde diskutiert. "Ich halte 500 Euro für deutlich zu wenig", äußerte sich beispielsweise Jonas Geissler (CSU) und schlug stattdessen 2500 Euro vor. "Es geht auch darum, dass man den Jugendlichen ein Stück weit Vertrauen entgegenbringt. Wenn man sich junge Menschen wünscht, die sich für Politik begeistern, muss man auch alles dafür tun."

Letztlich einigte sich das Gremium jedoch auf ein monatliches Budget von 100 Euro - 1200 Euro pro Jahr - , das den jungen Leuten zur freien Verfügung steht. "Damit setzen wir einen Meilenstein für die Jugendbeteiligung", freut sich der Jugendbeauftragte der Stadt, Markus Oesterlein. Das Budget sei allerdings viel zu niedrig.

"Wenn wir eine gute Entwicklung sehen, erhöhen wir gerne", kündigte Heinz Hausmann (CSU) an. In dem Fall könnte das Kronacher Jugendparlament auch Vorbild für ähnliche Projekte im ganzen Landkreis sein.

Kommentar von FT-Redakteurin Sandra Hackenberg: Jetzt müssen die Erwachsenen zuhören

Während der Fridays-for-Future-Bewegung haben viele den Jugendlichen unterstellt, dass sie sich nur dann politisch engagieren, wenn sie eigentlich im Unterricht sitzen sollten.

Nun können sie beweisen, dass dem nicht so ist. 714 junge Leute zwischen 14 und 18 Jahren leben in Kronach und seinen Ortsteilen. Ihnen eine Stimme zu geben, war höchste Zeit. In anderen Städten haben Jugendparlamente schon einiges bewegen können. Ob das Projekt auch hier ein Erfolg wird, liegt nun in der Hand der jungen Kronacher.

Das Parlament ist eine große Chance, weil es den Jugendlichen eine Stimme gibt - und die Erwachsenen müssen zuhören. Wir freuen uns auf viele kreative Ideen und bleiben dran.