Schon beim Eintreten in das "Zapfenhaus" wird man von Ehrfurcht vor der dichten Atmosphäre dieses altehrwürdigen Gebäudes ergriffen. Erbaut 1730 von Sebastian Grempel, sind die fast 300 Jahre am Anwesen nicht spurlos vorüber gegangen. Das ehemals stattliche Haus "Am Grünen Tal 10" in Mitwitz ist dringend sanierungsbedürftig. Am Tag des offenen Denkmals können sich "Besucher" auf der ganzen Welt selbst ein Bild von dem bedeutsamen Zeugnis jüdischen Lebens machen, das echte Kostbarkeiten in sich birgt.

Immer am zweiten Sonntag im September geht Deutschland auf große Entdeckungsreise zu beeindruckenden Denkmälern. Heuer bleiben wegen der Corona-Pandemie die Türen geschlossen. Durchgeführt wird der Aktionstag der "Deutschen Stiftung Denkmalschutz" trotzdem - auf neuen Wegen, digitaler Art, unter dem Motto "Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken".

Zwei historisch bedeutende Gebäude, auf denen dieses Leitbild insbesondere zutrifft, sind das Zapfenhaus in Mitwitz sowie die Kronacher Synagoge. Beide Denkmäler können am 13. September virtuell besichtigt werden. Initiatoren sind der "Aktionskreis Kronacher Synagoge" und der "Freundeskreis Zapfenhaus". Während die Aufnahmen in Mitwitz bereits in der Vorwoche durchgeführt wurden, erfolgten am Donnerstag die Arbeiten in Kronach. Mittels einer hoch innovativen 3D-Kamera scannten Konstantin Gayvoronski, Inhaber von "Virtuelle 3D Rundgänge" in Nürnberg, und sein Sohn Eduard die Innenräume der Synagoge vollständig und bildeten sie originalgetreu zu einem digitalen Raum nach.

"Das Ergebnis sind zwei faszinierende virtuelle Rundgänge durch die Gebäude", erklärt der Hauptorganisator Christian Porzelt. Der Historiker, der an der Universität Eichstätt-Ingolstadt an einem Forschungsprojekt zur jüdischen Geschichte arbeitet, hatte Konstantin Gayvoronski für die Aufnahmen gewonnen.

"Leider ist die Einmaligkeit dieser wertvollen historischen Denkmäler noch immer nicht allen bewusst", bedauert Odette Eisenträger-Sarter, der die Bewahrung des jüdischen Erbes ein großes Anliegen ist.

Dieser virtuelle Rundgang sei wirklich etwas ganz Einmaliges bislang für den Landkreis, so Kreisheimatpfleger Dr. Robert Wachter. "Es ist erste Mal, dass so etwas von Baudenkmälern im Landkreis Kronach geschaffen wurde", stellt er heraus. Vom Ergebnis - insbesondere der Detailliertheit und Qualität der Aufnahmen - ist er fasziniert. "Es ist total spannend. Man bekommt einen ganz anderen Blick für die Gebäude und ihre inneren Zusammenhänge. Die unterschiedlichen historischen Baudetails überall in den Gebäuden lassen sich immer wieder neu entdecken", verdeutlicht er,

Das "Zapfenhaus" Mitwitz

Das zweigeschossige Fachwerkhaus wurde 1730 durch den herrschaftlichen Kutscher Georg Sebastian Grempel im "Rittersgraben" errichtet. 1767 erwarb es der aus Friesen stammende jüdische Viehhändler Meyer Salomon, der sich als Schutzjude des Oberen Schlosses in Mitwitz ansiedeln durfte. Drei Generationen lang befand sich das Haus im Besitz seiner Familie, bis es Mitte des 19. Jahrhunderts der Schneidermeister Johann Zapf kaufte. Nach ihm trägt das Haus die Bezeichnung "Zapfenhaus". In den 1990er Jahren gelangte das Gebäude in den Besitz der Marktgemeinde Mitwitz. Etwa seit diesem Zeitpunkt wird es nicht mehr bewohnt.

Im gewölbten Keller des Hauses hat sich ein ehemaliges jüdisches Ritualbad erhalten. Eingerichtet im 18. Jahrhundert, befindet es sich bis heute weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand. Sieben Steinstufen führen in das wassergefüllte Becken, das zunächst wohl dem privaten Gebrauch diente. Erst ab 1823 nutzte die gesamte Mitwitzer Judenschaft die Mikwe.

Reste einer Laubhütte

Als weiteres Zeugnis der ehemaligen jüdischen Hausbesitzer finden sich im Dachboden Reste einer Laubhütte. In dieser wurde das Laubhüttenfest - das jüdische Erntedankfest - gefeiert. Da eine Laubhütte unter freiem Himmel stehen muss, konnte durch zwei Klappen die Decke des darunterliegenden Raumes entfernt werden. Nach der Entnahme einiger Ziegel war es nun möglich, die Mahlzeiten während des Festes unter freiem Himmel einzunehmen.

Der Erhalt des Hauses ist nicht gesichert. Durch eintretende Feuchtigkeit im Dachbereich sind starke Schäden am Bau entstanden. Zuletzt wurde bereits der teilweise Abbruch des Gebäudes diskutiert, den es, so der Freundeskreis, zu verhindern gilt.

Die Kronacher Synagoge hat eine bewegte Geschichte

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit Adolf Hitler 1933, verließen viele Juden ihre deutsche Heimat und gingen ins Ausland. 1936 gab es deshalb nur noch wenige jüdische Bürger in Kronach. Sie konnten keinen Gottesdienst mehr abhalten, weil sie die vorgeschriebene Mindestzahl von zehn religionsmündigen männlichen Juden nicht mehr erreichten. Somit blieb die Synagoge ungenutzt.

Da ihr Schicksal offenkundig war, verkauften sie ihre Synagoge im Februar 1938 zu einem symbolischen Preis an die Stadt Kronach, die bis heute Eigentümerin des Gebäudes ist.

Danach wurde das Haus zum Sanitätsdepot des Roten Kreuzes umfunktioniert und blieb deshalb vor einer Zerstörung durch die Nazis in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 verschont. Im Inneren baute man das Gotteshaus zum zweistöckigen Funktionsgebäude um. Unten wurde eine Fahrzeughalle eingerichtet; in der ersten Etage Übungs- und Aufenthaltsräume, Büros und Materiallager.

1971/72 zog das Rote Kreuz in ein modernes Gebäude um. In der Folge war in der Synagoge das Teppich- und Möbellager einer Einrichtungsfirma. Danach stand das Haus leer und man überlegte 1991, ob man es abreißen sollte, zumal es nicht als geschütztes Baudenkmal anerkannt war.

Da seit der Deportation der noch in Kronach gebliebenen jüdischen Bürger in die Vernichtungslager im Jahr 1942 keine Juden mehr in Kronach wohnen, retteten christliche Bürger das Gotteshaus. Sie gründeten den Verein "Aktionskreis Kronacher Synagoge", mit dem Ziel, das Gebäude zu restaurieren und im Gedenken an die einstigen Kronacher jüdischen Glaubens und zur Ehre unseres "Einen Gottes" mit neuem Leben zu erfüllen.

Innerhalb von zehn Jahren intensiver Vereinsarbeit ist dies mit Hilfe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, der Oberfrankenstiftung, der Bayerischen Landesstiftung, des Landkreises und der Stadt Kronach, des Aktionskreises sowie Spenden von Privatpersonen und Vorzugspreisen am Bau beteiligter Firmen auch gelungen. Am 4. Oktober 2002 konnte das Haus wieder eingeweiht werden, mit dem Segen der katholischen und evangelischen Geistlichkeit sowie des jüdischen Kantors von Bamberg.

Heute dient die Synagoge als Gedenkstätte sowie Veranstaltungssaal für Ausstellungen, Vorträge und Konzerte. Alle Arbeiten werden ehrenamtlich verrichtet. Es gibt kein Geld von der Stadt oder vom Staat, so dass der Aktionskreis ausschließlich auf Spenden angewiesen ist.