Nach elf Jahren beim TSV 1860 München steht Nico Karger vor einem Neuanfang. Der gebürtige Kronacher wechselte zur SV Elversberg in die Regionalliga Südwest. Vor kurzem zog er mit seiner Freundin und dem vier Monate alten Sohn um. Allerdings nicht in die knapp 13 000 Einwohner zählende Gemeinde Spiesen-Elversberg, sondern ins etwa 15 Kilometer entfernte Saarbrücken. In die 4. Liga zu gehen, ist für den 27-Jährigen kein Rückschritt. Er genießt die Ruhe bei der ambitionierten Sportvereinigung Elversberg, die am Sonntag den Zweitligisten FC St. Pauli mit 4:2 aus dem DFB-Pokal warf. Gerade da der Abschied vom launischen Traditionsverein aus München mit viel Ärger verbunden war.

Ihr Vertrag in München wurde nicht verlängert. Wie haben Sie davon erfahren?

Nico Karger: Aus den Medien und von meinem Teamkollegen Herbert Paul. Er hat mir einen Ausschnitt von einem Internetportal geschickt. Darin stand, dass auf den Trikots im Fanshop unsere Rückennummern 18 und 28 an Nachwuchsspieler vergeben worden sind. Mir hatte keiner etwas gesagt. Ich saß nur da und war sprachlos. Klar ist mein Vertrag ausgelaufen, aber man hätte mich vorab informieren können, nachdem was ich alles mit dem Verein mitgemacht habe. Das ist das, was mich ärgert und traurig macht. Im Grunde hätte ich sowieso nicht verlängert, weil der Trainer geblieben ist. In sein Spielsystem passte ich nicht rein. Trotzdem hatte ich gehofft, dass sich jemand persönlich meldet.

Hat der Verein wenigstens im Nachhinein mit Ihnen gesprochen?

Nein, gar nicht. Da kam nicht mal ein "Viel Glück" oder so.

Wie war Ihr Verhältnis zu Löwen-Trainer Michael Köllner?

Ganz normal. Er ist ein richtig cooler Trainer. Auch die Gespräche mit ihm waren sehr gut. Nach der Geburt meines Sohnes hat er ihm einen Strampler geschenkt. So etwas macht nicht jeder Trainer. Ich bin nicht sauer auf ihn. Dass ich unter ihm nicht viel gespielt habe, lag natürlich auch daran, dass ich verletzt gewesen war und nicht richtig fit geworden bin.

Hatte er Ihnen mitgeteilt, dass er nicht unbedingt auf Sie baut?

Ich merke so etwas selbst. Ich weiß schon ungefähr, was der Trainer denkt. Vor dem ersten Punktspiel nach der Corona-Pause haben wir ein Einzelgespräch geführt. Wenn ich den Verein wechseln sollte, dann sollte ich mich auch informieren, welches System der Trainer dort spielen lassen würde, hat er mir geraten. Ich bin gelernter Außenbahnstürmer, das gab es bei ihm ja nicht. Da waren eher die Außenverteidiger die Außenbahnspieler in der Offensive. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass es für mich schwer werden würde.

Wie lief die Vereinssuche?

Ich hatte viele Gespräche mit meinem Berater und es kamen zwei Angebote. Aber es war ein komisches Gefühl, München nach elf Jahren zu verlassen. Dann mussten wir noch schauen, wie wir das mit unserem Kind machen. Das war komplettes Neuland für mich. Abgesehen von den Wechseln in der Jugend ist das ja mein erster richtiger Transfer. Nach etwa fünf, sechs Wochen kam die Anfrage aus Elversberg. Ich habe mir die Mannschaft angeschaut - und war positiv überrascht. Viele Spieler kannte ich schon. Es folgte ein richtig gutes Gespräch über Facetime mit Trainer Horst Steffen. Dann war klar: Ich gehe nach Elversberg. Die Mannschaft hat in den vergangenen Jahren immer oben mitgespielt. Wer weiß, vielleicht ist der Aufstieg möglich.

Wacker Innsbruck mit Ihrem ehemaligen Trainer Daniel Bierofka soll auch im Gespräch gewesen sein.

Nachdem ich "Biero" von der Geburt meines Sohnes erzählt hatte, haben wir mal telefoniert. Damals hatte er in Innsbruck aber noch nicht fix unterschrieben, deshalb konnte er nichts Genaues sagen. Außerdem wollte ich nicht unbedingt nach Österreich.

Sie haben den Löwen beim Zwangsabstieg in die Regionalliga die Treue gehalten. War es rückblickend eine gute Entscheidung?

Auf jeden Fall. Es kamen damals ein paar richtig gute Angebote. Aber dann hat mich "Biero" angerufen und mich vom Verbleib überzeugt. Das gelang ihm auch bei anderen Spielern. Er hat sich damals um alles gekümmert und eine gute Mannschaft zusammengestellt. Ihm ist es zu verdanken, dass der Verein nun in der 3. Liga spielt.

Wie ordnen Sie die elf Jahre bei 1860 ein?

Ich bin reifer und erwachsen geworden. Es waren viele Höhen und Tiefen dabei, das macht aber das Leben aus. Es war eine schöne Zeit. Der Aufstieg war der Höhepunkt. Das muss man einfach mitgemacht haben.

Wie haben Sie sich im Saarland eingelebt?

Generell ist mir aufgefallen, dass die Leute im Saarland furchtbar nett sind, egal ob in der Mannschaft oder beim Einkaufen. Das ist etwas, was mir gerade am meisten gefällt. Und nach der OP will ich jetzt wieder ein gutes Gefühl in meinem rechten Schlappen bekommen.

Sie wurden operiert?

Ich hatte 2019 eine Schambeinentzündung und wurde mehrmals gespritzt. Danach hatte ich keine Schmerzen mehr, aber das Gewebe war sehr weich. Nach der ersten Aktion im Training - ein Schuss - sind mir zwei Sehnen am Adduktor komplett abgerissen. Ich bin operiert worden und habe einen Anker gelegt bekommen. Irgendwann ist an der Narbe eine Fistel entstanden. Ich hatte zwar keine Probleme, aber es hat immer geeitert. Ich habe mehrmals gesagt, dass ich mich unwohl fühle und es wurde auch ein Ultraschall gemacht. Aber die Ärzte in München sagten, dass alles gut sei, solange ich keine Schmerzen hätte. Die Ärzte in Elversberg sahen das anders. Das MRT zeigte entzündetes Gewebe, das anschließend entfernt wurde. Genauso wie der Faden vom Anker, der komplett locker war. Das war wohl der Grund für die Entzündung.

Können Sie schon wieder trainieren?

Ich mache noch ein paar Tage Pause, danach will ich mit dem Lauftraining beginnen.

Ist der Wechsel von der 3. in die 4. Liga nicht ein sportlicher Abstieg?

Nein. Klar habe ich elf Jahre für einem Traditionsklub gespielt. Aber wir haben eine stramme Liga mit Ulm, Homburg, Großaspach sowie den zweiten Mannschaften von Hoffenheim, Freiburg, Mainz und Stuttgart. Elversberg hat trotzdem immer oben mitgespielt. Das Niveau der Mannschaft ist richtig gut. Deswegen ist es für mich kein Abstieg. Ganz im Gegenteil.

Elversberg gilt als Titelfavorit. Kann die Mannschaft dieser Rolle gerecht werden?

Ich finde es gut, dass man hier den Druck von außen überhaupt nicht spürt. Bei Sechzig stand jeden Tag irgendetwas in der Zeitung. Deshalb war der Druck auch zu Regionalliga-Zeiten relativ hoch. Das gibt es in Elversberg nicht. Nach oben kann relativ viel gehen, weil man hier in Ruhe arbeiten kann.

Elversberg hatte in der Vorsaison die beste Offensive der Liga und sich nun noch verstärkt. Wie sehen Sie Ihre Chancen, sich ins Team hineinzuspielen?

Wichtig ist, dass ich wieder der Alte werde. Alles andere kommt dann, da mache ich mir jetzt noch keine Gedanken.

Zur Person: Nico Karger

Geburtstag

1. Februar 1993 Geburtsort

Kronach Position

Angriff Bisherige Vereine

FC Kronach (1997- 2007), SpVgg Bayreuth (2007-2009), TSV 1860 München (2009-2020), SV Elversberg (seit 2020) Statistik

2. Bundesliga (12 Spiele/kein Tor), 3. Liga (39/5), Regionalliga Bayern (126/34), Regionalliga Süd (3/0), DFB-Pokal (4/1) Erfolge

Meister der Regionalliga Bayern und Aufstieg in die 3. Liga mit dem TSV 1860 München (2018)