Mesut Özil ist kein Mann großer Worte. Spricht er doch einmal vor Kameras, flüchtet er sich in Worthülsen. Man weiß nicht, wer dieser Mann ist, wie er tickt und was er fühlen könnte. Aussagekräftige Statements des nun Ex-Nationalspielers gab es bislang nicht. Bis Sonntagabend. Da verschickte der 29-Jährige über Twitter ein mehrseitiges Kommuniqué, gespickt mit Frontalangriffen auf DFB, Medien, Politik und Gesellschaft. Und verbunden mit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Ein Statement, das Wellen schlägt und die Frage aufwirft, wie weit es mit der Integration in Deutschland tatsächlich her ist. Der Fränkische Tag hat sich zu diesem Thema bei Fußballern und Trainern umgehört, die ihre Wurzeln ebenfalls in der Türkei haben.

Alper Yürük ist seit dieser Saison Spielertrainer beim FC Hirschfeld in der Kreisklasse 4, kickte zuletzt jahrelang für den ASV Kleintettau in der Kreis- und Bezirksliga. Zuvor stand er für den SV Friesen in der Landesliga auf dem Rasen. Dazu gehört er noch zu den besten Schiedsrichtern im Spielkreis 2. Zu Mesut Özil äußert er sich so:

"Eigentlich bin ich ja kein Politik-Fan, aber das Thema habe ich verfolgt, weil es mich interessiert hat. Ich denke, Mesut und Ilkay hätten professioneller handeln müssen, was das Bild mit Erdogan angeht, weil gerade sie bei der Nationalmannschaft spielen. Dass Mesut aus der Nationalmannschaft zurücktritt, war mir eigentlich klar und ist auch die richtige Entscheidung. Einen Sündenbock zu suchen, weil die Nationalmannschaft keinen Erfolg bei der WM gehabt hat, finde ich absolut nicht fair. Klar hätten die zwei das mit dem Bild überdenken müssen, aber jetzt nach der WM einen Schuldigen zu suchen ist nicht in Ordnung. Wäre Deutschland jetzt Weltmeister, würde, glaube ich, keiner über das Thema mehr reden."

Aykut Civelek
wechselte vor dieser Saison vom Landesligisten TSV Sonnefeld zum Bezirksliga-Aufsteiger SC Sylvia Ebersdorf. Der gebürtige Neustadter spielte auch schon in der dritten türkischen Liga bei Erciyesspor und ging in der Regionalliga für die U23 der SpVgg Greuther Fürth sowie für den SV Seligenporten auf Torejagd. Er bezieht klar Stellung:

"Schade, dass diese Angelegenheit so enden musste. Aber ich glaube, dass es die richtige Entscheidung von Özil war, denn sonst hätte ihn dieses Thema noch mehr belastet. Ich denke, dass beide Parteien, also Özil und der DFB, sich gegenseitig viel zu verdanken haben. Es war jahrelang eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Diese ganze Foto-Sache wurde von Anfang an falsch angegangen und wenn dann der Erfolg ausbleibt, greift man immer auf solche Themen zurück und sucht sich einen Sündenbock."

Sinan Bulat, Spielertrainer des Kreisliga-Aufsteigers SV Türkgücü Neustadt, spielte viele Jahre in der Bayern- und Landesliga (VfL Frohnlach, TSV Mönchröden) und hat auf den Sportplätzen viele Erfahrungen gesammelt. Zum Fall Özil meint der in Kürze Vaterfreuden entgegensehende Neustadter:

"Ehrlich gesagt, ist das ganze Theater um Özil schon sehr traurig. Aber ich kann seine Äußerungen nur teilen und respektieren. Er hat Großes für die deutsche Nationalmannschaft geleistet. Seit der Flüchtlingskrise hat sich der Blickwinkel gegen uns Deutsch-Türken sehr geändert. Rassismus und Intoleranz gegenüber Ausländern ist extrem gestiegen. Ich kann meine Frau zu manchen Auswärtsspielen gar nicht mehr mitnehmen. Ich vermisse die Zeiten beispielsweise vor zehn bis 15 Jahren.

In den letzten Jahren nimmt die Politik großen Einfluss auf den Fußball, was meiner Meinung nach total falsch und unverständlich ist. Ich werde auf jeden Fall bei Auswärtsspielen strikt gegen ausländerfeindliche Aussagen vorgehen und falls nötig meine Mannschaft auch zurückziehen. So etwas geht gar nicht. Das Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken hat super funktioniert, dass nun durch die Politik alles zerstört wird, ist sehr schmerzhaft."

Gökhan Sener spielt für den Landesliga-Aufsteiger FC Coburg und redet in Sachen Özil ebenfalls Tacheles: "Wer sich mit solch einem Diktator ablichten lässt, braucht sich nicht wundern, so im Fokus der Medien zu stehen. Man hätte bereits vor der Weltmeisterschaft ein Ultimatum stellen müssen. Hier haben auch andere Leute versagt.

Zu den Rassismus-Vorwürfen generell kann ich indes nur so viel sagen: Man sollte nicht alle Leute über einen Kamm scheren. Natürlich gibt es unschöne Situationen, auch hier bei uns. Viele hören es, aber wenn es drauf ankommt, hören sie aber auch gerne weg.

Immer nur zu sagen "die anderen sind schuld" - das ist sicher zu einfach. Am Ende des Tages zählen unsere Verhaltensweisen auf und neben dem Platz, unser Auftreten, das Zusammenleben, unser Handeln und unsere Taten, die das Denken und das Erscheinungsbild bilden. Einige hegen und pflegen das Ganze, andere zerstören dies. Von denen sollte man sich dann auch distanzieren". dob/oph