Gerhard stellt ein Seidla als Wetteinsatz in Aussicht.Wer es schafft, sagt er in die Runde einer Kneipe etwas südlich der Landkreisgrenze, die Corona Warn App auf dem Handy seiner Frau zum Laufen zu bringen, der hat sich ein Bier auf seinen Deckel verdient.

Gerhard und Erika sind Mitte 60. Sie hat ein Handy, er nicht. Seit mehreren Tagen hat sie die App installiert. Das Herunterladen war kein Problem, sagt Erika. Aber sobald sie auf den durchgestrichenen Kreis innerhalb der App klickt, um die Risiko-Ermittlung von "gestoppt" auf "aktiv" umzuschalten, springt der Schalter wieder automatisch zurück. Die App ist da, aber ohne blaues Bluetooth-Signal nichts anderes als verschwendeter Speicherplatz.

Mein Cousin Marius wittert Freibier. Er ist 25 und somit in die Generation Digital hineingeboren. Für ihn ist ein Smartphone das, was für Erika und Gerhard früher ein Faxgerät war, nur noch weniger Neuland. Marius checkt die Berechtigungen der Corona Warn App in den Einstellungen. Passt. Alle notwendigen Berechtigungen sind aktiviert. Hat Erika die App gelöscht und neu installiert? Alles ausprobiert. Bluetooth-Einstellungen? Okay. Aber sobald er den auf das Bluetooth B oder die Warn-Aktivierung klickt passiert: nichts - als hätte sich das Gerät einen Virus eingefangen.

Genau an dem Dienstag, als die erste Nachricht im Morgenradio die Veröffentlichung der Corona-App angekündigt, habe ich mir die Anwendung heruntergeladen.

Etwas länger als eine Woche habe ich die App auf meinem Handy getestet, mein Umfeld im Umgang mit der App beobachten und befragt. Die Fakten sind vielversprechend: Rund 12 Millionen Downloads in Deutschland vermeldet die Presse in dieser Woche. Nur wenn sich genügend Menschen beteiligen, erfüllt die Corona Warn App ihren Sinn.

Die Corona-App im Selbstversuch

Ich habe ein Handy aus China, das etwa eineinhalb Jahre alt ist und kein Problem damit hat, im in diesem Fall fälschlicherweise als Play Store bezeichneten Downloadportal die Corona Warn App zu finden. Das ist alles kein Spiel, das weiß man seit geraumer Zeit. Es erscheinen noch andere Apps, wenn ich "Corona" tippe. Die App "COVID-19", ein Erstversuch der Telekom Ende März, Testergebnisse zu übermitteln, die das Technikmagazin c't in Hinblick auf die Datensicherheit das Zertifikat "katastrophal" ausstellt.

Eine App namens "Corona-Datenspende" des Robert-Koch-Instituts, die Daten aus Fitness- und Gesundheitsapps sammelt und dem Forschungsinstitut zur Verfügung stellt. Eine wichtige, wenn auch auf eine kleine Gruppe beschränkte App, die bei Android etwas mehr als 100000 Downloads verzeichnet. Daneben: "Corona Check Screening", "Coronika - Dein Corona-Tagebuch" usw. Aber nun soll es die eine sein, sagt das Frühstücksradio, die Regierungsapp, von der sich das coronageplagte Deutschland neue Sicherheiten verspricht.

Mein Start mit der App verläuft reibungslos. Die Anwendung verbraucht wenig Speicherplatz, genau 41,63MB bis Donnerstag. Sie ist so geschrieben, dass es auch jeder verstehen kann, der will, auch wenn man wenig Erfahrungen mit Apps hat. Ein umfangreicher Frage-Antwort-Katalog steht als Link zur Webseite der Bundesregierung zur Verfügung.

Und auch die Installation auf dem Apple-Handy meines Vaters funktioniert problemlos. Mein Bluetooth funktioniert, die App ist aktiviert und verbraucht in den folgenden Tagen offensichtlich weniger Strom, als wenn ich Bluetooth meine Umgebung auf mögliche Infizierte scannen lasse, sondern mit dem Lautsprecher verbinde. Eine Zauberapp? Ich suche nach dem Haken.

Wo ist der Haken?

Einer muss es wissen. Der erscheint noch am gleichen Tag wie gerufen in der Tagesschau: Linus Neumann vom Chaos Computer Club, der europaweit größten Hackervereinigung. Wenn jemand etwas auszusetzen hat, dann muss es ja ein Softwareexperte sein. Sein Interview endet etwas verlegen mit einer Entschuldigung: Es gebe zum derzeitigen Stand vonseiten des CCC nichts an der App auszusetzen.

Ich höre mich bei Bekannten um: Ein 20-Jähriger vertraut der Datensicherung nicht. Er lädt die "Überwachungs-App" nicht herunter, sagt er. Älteren fehlt das richtige Equipment für die App, also ein Handy. Bei anderen ist das Apple-Modell zu alt, um die App zu installieren.

Der Experte überrascht

Schließlich ist es ein Mann vom Fach, der mich überrascht. Uwe Fleischmann ist Chefarzt an der Helios Frankenwald Klinik in Kronach. Als Intensiv- und Notfallarzt hat er seit Mitte März an Covid-19 Erkrankte behandelt. Aber: Die App hat er nicht heruntergeladen. Das hat mehrere Gründe, erzählt der Chefarzt. Einerseits sei sein Handy zu alt. Er hat abgewägt - und sich dagegen entschieden, wegen der App ein neues Handy anzuschaffen. Er sagt: "Ich bin relativ wenig im gesellschaftlichen Leben mit Menschen außerhalb der Klinik unterwegs." Er erklärt, dass er sich sowieso darüber bewusst ist, dass er ständig mit Corona-Patienten in Kontakt steht und sich dementsprechend verhält. "Die App ist kein Allheilmittel, aber sie nutzt im Einzelfall."

Der Klinikarzt rät niemandem davon ab, die App zu installieren. Ganz im Gegenteil: "Die App als solche ist ein sinnvolles Tool, um Infektionswege nachzuvollziehen." Aber sich allein darauf zu verlassen und deshalb in ein zügelloses Leben zu verfallen, hält Fleischmann für einen Fehler. Er zählt einige Punkte auf, die er an der App kritisiert: "Die App nutzt nicht unbedingt dem klassischen Risikopatienten", sagt er. Smartphones und das Wissen darum sind nicht überall verbreitet.

In Pflegeheimen, unter Risikopatienten oder - wie die Infektionen in der Tönnies-Fleischfabrik gezeigt haben - in Sammelunterkünften oder unter fremdsprachigen Arbeitern wird die App weniger populär sein, als in den Kreisen weniger gefährdeter, jüngerer Menschen. Von Vorschusslorbeeren halte er nichts. Der Preis von etwa 69 Millionen Euro Steuergeldern bis 2021 müsse erst noch auf ihren Nutzen hin bewertet werden, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich ist. Wäre das Geld in Hygienemaßnahmen besser investiert? Auch die Frage, wie sich die App zur Urlaubszeit im Ausland integrieren lasse, stellt sich der Arzt.

Seit Mittwoch ist der obere Bereich meiner App grün: "Niedriges Risiko." Sollte sie auf Rot umschalten, ist es an der Zeit, sich beim Gesundheitsamt zu melden. Auch das erklärt die App, berichtet der stellvertretende Pressesprecher. Alle weiteren Anweisungen für den Test kommen vom Amt.

Auch Erika hat am Mittwoch endlich Erfolg mit ihrer App. Sie war dafür im Handyladen. Einmal Daten sichern, das Smartphone auf Werkseinstellungen zurücksetzen: Plötzlich leuchtet das B. Die Technik kann eben helfen, wenn sie will. Die Ausbreitung stoppt der Mensch.