Erfahrene Pilzsammler haben ihre geheimen Ecken, die besonderen Plätze, oft versteckt vor anderen Wanderern, wo sie zielgenau nach besonderen Exemplaren Ausschau halten. Mit wachsamem Blick bewegt sich auch Daniel Gareis über den feuchten Waldboden im Zeyerngrund. Sicheren Schrittes verlässt er den Weg, um ein paar Meter weiter an einer unscheinbaren Stelle stehen zu bleiben. Wo sich die Natur ihren Platz zurückerobert hat, Moosdecken das liegengelassene Totholz überziehen, wächst und gedeihen jedoch weder Steinpilz noch Marone, sondern der Zunderschwamm.

Der unscheinbare Baumpilz kann bis zu 30 Jahre alt werden und bis zu 15 Kilo auf die Waage bringen. Die Exemplare an der kleinen Lichtung hinter Mittelberg sind noch jung, kaum faustgroß und damit uninteressant für Gareis und seinen Partner Ralf Bartoniek. Mindestens drei Jahre muss der Pilz wachsen, bis die die "Schwammklopfer" ihm zu Leibe rücken.


Kosmetik aus Vitalpilz



Bei der Zunderschwamm GmbH ist die Ernte Chefsache. Bevor der Vitalpliz in verschiedenen Schritten in Kosmetik, Nahrungsergänzungsmitteln und Textilien weiterverarbeitet wird, gehen der Franke und der Berliner gemeinsam in den Wald. "Wir wollen den Abdruck in der Natur möglichst gering halten", erklärt Bartoniek, Betriebswirt aus Berlin. Bei der Ernte stehe deshalb das Thema Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. In engem Kontakt mit den bayerischen Staatsforsten wird jährlich nur eine geringe Menge des Pilzbestandes kontrolliert geerntet. Außerdem nehme man, wo es nur geht, Rücksicht auf die heimische Fauna und Flora. "Wir ernten nur zwischen September und März, um den Schwarzstorch nicht während der Brutzeit zu stören", sagt Gareis.

Bis zu 300 Kilogramm Zunderschwamm "klopfen" die beiden in der Erntezeit von Laubbäumen und Totholzinseln. Nachdem der Schwamm in der Werkstatt in Seibelsdorf zerkleinert wird und ein spezielles Kochverfahren durchläuft, wird er von Partnern in Niederbayern und Brandenburg schonend getrocknet und zerkleinert, um dann in Nordrheinwestfalen und Oberbayern zu Zunderschwamm-Naturprodukten verarbeitet und für den Verkauf abgefüllt zu werden. Doch warum der Aufwand? Weil Gareis und Bartoniek nicht nur die heilende Wirkung des Pilzes glauben - sondern ihr vor allem eine wissenschaftliche Grundlage geben können.


Zunderschwamm verbindet



Der Ernährungswissenschaftler und Lebensmitteltechnologe aus Seibelsdorf und der Betriebswirt mit Schwerpunkt Marketing und Management aus Berlin lernten sich 2014 kennen. Bartoniek arbeitete damals bei einem Forschungsinstitut, Gareis bei einem Pharmaunternehmen, das vom Institut beauftragt wurde. Der Franke hat nach seinem Studium immer wieder Berührungspunkte mit den gesundheitsfördernden Potenzialen von Heilpilzen und kennt den Zunderschwann aus den Kronacher Wäldern. Für Bartoniek ist es die persönliche Motivation, sich mit den Themen Gesundheit - beziehungsweise Krankheit - auseinanderzusetzen, die ihn zum Zunderschwamm bringt. Gemeinsam gründen sie 2015 mit ilfe von Investoren die Zunderschwamm GmbH.

Das Hauptaugenmerk lag zu Beginn darauf, mit Hilfe moderner Biotechnologie und in enger Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungsinstituten die heilende Wirkung des "Wunderpilzes" zu entschlüsseln. "Auch wenn es ein traditionelles Heilmittel ist, das eine lange Geschichte aufweist, brauchten wir Studien und damit faktische Belege der Wirksamkeit", so Gareis.

"Es bringt ja niemanden was, wenn wir erklären, dass der Zunderschwamm schon vor 5 000 Jahren eingesetzt wurde", sagt Bartoniek. "Wir wollten ganz klar wissenschaftlich belegen: Wie - warum - wofür und vor allem wogegen kann man ihn einsetzen."


Entzündungshemmender Effekt


Schwerpunkt der Forschung lag vor allem auf dem speziellen Zunderschwamm-Beta-Glucan. "Im Labor wird der Zunderschwamm-Wirkstoff hochrein aus der Zellwand des Pilzes isoliert", so Gareis. Mittlerweile wisse man, in welcher Konzentration das Beta-Glucan für welche Anwendungsbereiche sinn voll ist. In Cremes und Lotionen eingesetzt, soll es laut Studien einen entzündungshemmenden Effekt haben, Juckreiz lindern und die Wundheilung fördern.

Die Kosmetikprodukte sollen zum Beispiel zur Linderung der Symptome von chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Schuppenflechte eingesetzt werden. Andere dienen zur Pflege sensibler Haut. Als Nahrungsergänzung soll Zunderschwamm-Pulver das allgemeine Wohlbefinden stärken und einen positiven Effekt aufs Immunsystem haben. Doch das sei erst der Anfang.

Der Wirkstoff, isoliert aus dem Naturprodukt, und die wissenschaftlich belegten Effekten seien das Fundament und der Grundstein des Unternehmens, erklären die Gründer. "Wir kennen jetzt den Wirkmechanismus, das bereitet den Weg für weitere Forschung", so Gareis. "Das ist gewissermaßen Naturheilkunde 2.0."