Brauchtum, Magie und Aberglaube hängen eng zusammen und prägen frühzeitig die naturverbundene Kindheit im Frankenwald. Besonders angereichert mit Geboten und Verboten sind die ersten Lebensjahre, denen schon immer eine besondere Bedeutung beigemessen wird.
So ist es üblich, dem kleinen Frankenwäldler nach dem Wickeln die Hände kreuzweise übereinanderzulegen und ihn an Kopf, Brust und Füßen zu berühren. Dieses seltsame Tun soll jegliches Unheil fernhalten. Auf keinen Fall darf ein Kind vor seinem ersten Geburtstag in den Friedhof mitgenommen werden. Man glaubt, es würde sonst frühzeitig sterben. Außerdem soll es in diesem Alter keinen Stall betreten. Denn es würde sonst "kuhdrägged" werden, das heißt, es könnte davon Sommersprossen bekommen. Meiden soll man vor allem das "Ku-ckuck"-Rufen, weil dies nichts Gutes für das weitere Leben des Kindes verheißt.


Wurzel fürs Zahnwachstum

Damit dem Säugling die Zähne besser wachsen, wird ihm seit alters her eine Wurzel um den Hals gehängt. Dieses Tun entspringt wohl einer magischen Vorstellung. Aber man wird bald seinen praktischen Sinn erkannt haben. Indem nämlich das Kind an der Wurzel herumkaut, verhilft es den Zähnen zum Durchbruch. Dieser ursprüngliche Brauch führte zu den heute noch verwendeten Beißringen. Hatte der "Wurzelzauber" gewirkt und zeigte sich tatsächlich der erste Zahn, so gab dieses Ereignis früher Anlass zu einer kleinen Feier. Beim weiteren Entstehen des Milchgebisses achtet man vor allem auf die oberen Zähne. Stehen diese etwas vor, gilt es als Zeichen, dass es das betreffende Kind einmal weit im Leben bringen wird.


Gegen "Verschreien"

Um nicht den Zorn der bösen Geister zu wecken, hütet man sich, ein Kleinkind zu verschreien. Ein altes Mittel gegen das "Verschreien" sahen die Ahnen in dem Brauch, dem Wickelkind zwei verschiedene Strümpfe anzuziehen. Der Sinn mag darin liegen, dass es den bösen Dämonen als unvollkommen erscheinen soll. Kommt einem Erwachsenen doch einmal ein Lob über die Lippen, wie zum Beispiel: "Ei, des is öbbe a schöss Quädschgela", dann schließt man sofort als Gegenzauber an: "Wöll mess ne nije verschrei!". Heute hört man vor allem noch bei älteren Leuten den Ausspruch: "Gott behüt's!"


Rohes Ei als Geschenk

Betritt ein Kind zum ersten Mal ein fremdes Haus, so ist es vielerorts im Frankenwald gebräuchlich, ihm ein rohes Ei zu schenken. Hoch über der Wilden Rodach, nordöstlich von Wallenfels, gibt es für Buben und Mädchen zum Ei noch einen "Keile" Brot und ein Geldstück, "ann Batze". Magischer Zauber soll auf das Kind übergehen, wenn man seinen Mund mit dem Ei berührt und folgendes spricht: "Klaans Maadla (Bübla) lern's Schwatz'n wie's Hühla es Gatz'n. Des is dei öschda Steue, behüt dich Gott vor Wasse und Feue"!
Isst ein Kind seinen Teller nicht leer, dann kommt schlechtes Wetter, heißt es im Volksmund. Mehr Glauben noch findet folgendes auch bei Älteren: Verschüttet ein Kind seinen Kaffee, so wird es einmal keinen Ehepartner bekommen. Im Vordergrund steht dabei der pädagogische und erzieherische Aspekt, wenn auch nach wie vor mit abergläubischen Begründungen. Der Schuleintritt ist ein bedeutsamer Einschnitt im Leben des Kindes. Dies äußert sich wiederum deutlich im Brauchtum. Zum Schulbeginn ist es üblich, dass der Schulanfänger auf Kosten des Paten oder der Patin neu eingekleidet wird. Ebenso kaufen die Paten erste Schulutensilien für ihr Patenkind. Die Begründung hierfür lautet, dass die Kinder besser lernen mit dem vom "Boadla" spendierten Schulzeug. Und mit einem Geschenk für den Lehrer hoffen natürlich auch die Eltern auf dessen Wohlwollen gegenüber ihren erwartungsfrohen Sprösslingen.
Um den Kindern den Schulanfang als markanten Lebensabschnitt ein wenig zu versüßen, kam im Frankenwald die Schultüte allerdings erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Einsatz. Die dornenreiche Phase des Lernens, die oft kein "Zuckerschlecken" mehr ist, nimmt das ganze Leben hindurch einen breiten Raum ein.