In seinem Buch "Der betrogene Patient" übt Gerd Reuther massive Kritik an unserem Medizinsystem und auch an weiten Teilen der Ärzteschaft. Der Radiologe, aufgewachsen in Hegnabrunn (Landkreis Kulmbach), hat mit 55 Jahren den weißen Kittel an den Nagel gehängt und das Gesundheitswesen grundlegend durchleuchtet. Herausgekommen ist eine Generalabrechnung mit dem Medizinbetrieb in Deutschland. Der Arzt mit über 30 Jahren Berufserfahrung deckte - eigenen Angabe zufolge - auf, dass die Medizin oft nicht am langfristigen Wohlergehen von Kranken ausgerichtet sei, sondern sich mehr am Gewinn von Kliniken, Ärzten und Pharmaindustrie orientiere. "Ich habe bisher keine einzige Klage bekommen", bemerkt der Mediziner vor seinem zweistündigen Rundumschlag in Sachen Arzt und Patient, Versprechen und Vertrauen, Möglichkeiten und Erwartungen - am heutigen Freitag, 16. Februar, in Küps-Johannistal beim Verein "Ganzheitliche Gesundheit" in der Kanzleistraße 43. Beginn ist um 17.30 Uhr.

Herr Reuther, in Ihrem Buch kritisieren Sie nicht die Medizin an sich, sondern Medizin als Geschäft und provozieren, Medizin schade oft mehr, als sie nützt.
Gerd Reuther: Sie ist leider zum Geschäft geworden. Doch sie war schon immer ein Geschäft, sobald man damit Einkommen oder Profit machen wollte - nur argumantiert man damit, dass die Medizin einen Sonderstatus habe, weil es um "das höchste Gut", Gesundheit, gehe. Das treibt die Preise hoch, und dabei bleibt manchmal (nicht bei jedem Mediziner) die Seriosität auf der Strecke.

... das heißt, dass zum Beispiel manche Operationen gar nicht notwendig wären - abgesehen in akuten Fällen wie zum Beispiel Blinddarmentzündung. Wird zu schnell geschnitten oder unangemessen aufwändig?
... massiv zu viel. Es gibt Untersuchungen darüber, wie häufig jede Operation wo gemacht wird. Und es gibt drastische Unterschiede bis zum Faktor 13. So werden in Fulda 13 Mal mehr Eingriffe in die Wirbelsäule gemacht als anderswo, oder in Cloppenburg wird jedes zweite Kind per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht, anders wo jedes vierte. Und selbst bei "Notfall-Operationen": In anderen Ländern gibt es Untersuchungen, dass 75 bis 80 Prozent der Blinddarmoperationen unnötig sind. Appendizitis, die Endzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarms, ist eine Entzündung wie jede andere, die man auch so behandeln könnte: den Patienten ins Bett schicken, Antibiotika geben und den Verlauf beobachten. Nachforschungen nach einem Jahr nach dem Vorfall ergaben, dass bei zwei Dritteln der Fälle eine solche konservative Behandlung genügt hätte, ein Drittel musste trotzdem operiert
werden. Von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gibt es keine solchen Erhebungen. Man will manches einfach nicht wissen.

Es ist wohl bequemer, irgendwelche Pillen zu nehmen als sich mit einer anstrengenderen Physiotherapie zu plagen - oder gar die eigene Lebensweise zu ändern. Kommen Ärzte nicht einfach dem Bedürfnis ihrer Patienten nach?
Die Interessenlage bei Medikamenten ist evident. Hier geht es weniger um das Eigeninteresse von Ärzten, die meisten sind wohl willfährige Diener der Pharmafirmen. Schon 1970 hat "Der Spiegel" veröffentlicht, dass es Listen gibt, in denen Ärzten vorgeschrieben beziehunsgweise dringend empfohlen
wird, welches Medikament man bei welcher Diagnose verschreiben soll. Hier hat man auch mit direkten Besuchen in den Praxen "nachgeholfen". Inzwischen konzentriert sich die Pharmaindustrie mehr auf die Meinungsführer - "unterstützt die medizinische Ausbildung", sponsert Lehrstühle. Und die
meisten alljährlichen Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte werden von der Pharmaindustrie gesponsert.

Wie können wir alt werden und die Lebensqualität erhalten?
Alter und Gesundheit; dazu arbeite ich an meinem zweiten Buch. Zum einen liegt das an den individuellen Genen. Doch die Aktivität dieser Gene wird auch allgemein durch das Umfeld beeinflusst: Umwelt, Lebensstil, Ernährung, Suchtgifte, Bewegung. Übergewicht wirkt sich immer negativ aus.
Intervallfasten wäre ein probates Mittel: 14 bis 16 Stunden nichts essen. Und mehr Pflanzenkost, denn unsere tierische Kost ist in weiten Teilen "belastet" durch nicht artgerechte Haltung und Medikamente. Fleisch aus der Region, das herkömmlich, ohne Mastmittel zum Beispiel, gewonnen wurde ist vorzuziehen. Dann ist auch die Bratwurst gesund. Die meisten Krebsfälle bei uns sind die des Dickdarms. In Teilen der Welt gibt es diesen Krebs nicht: Er ist eine Folge des westlichen Lebensstils. So hat Kohl viele Antioxidatien, die Krebs verhindern. Also Bratwurst mit Sauerkraut ist eine gute Sache - allerdings herkömmlich hergestelltes Sauerkraut in milchsauerer Vergärung, nicht industriell schnell produziertes. Auch Fett ist nicht ungesund: Man wird damit schneller satt. Allgemein: Sobald wir die traditionelle Ernährung verlassen, sind Erkrankungen vorprogrammiert.

Im alten China wurden Ärzte bezahlt, wenn die Ihnen Anvertrauten gesund waren. Bei Krankheit wurde deren Salär ausgesetzt, so dass sie sich in erster Linie um die Gesundheit kümmern mussten, und nur in Ausnahmefällen um Krankheit. Provokativ gefragt: Wäre eine Umkehr der Ärztehonorierung so nicht zielführender?
Das gab es ja in der DDR. Bis 1989 gab es Polykliniken, staatliche Ambulanzen, in denen Ärzte mit Festgehalt angestellt waren und kein Interesse an unnötigen, aber lukrativen Operationen oder Therapien hatten. Das Gesundheitssystem in Schweden und Norwegen ist damit vergleichbar.

Das Gespräch führte
Klaus Klaschka