Im Servicezentrum des Finanzamtes sind die ausdrucksstarken Bilder zu sehen. Das Quadrat hat etwas Perfektes - ein Sonderfall aller denkbaren Rechtecke. Eine Angabe genügt, um ein Quadrat konstruieren zu können: die Seitenlänge. "Was macht diese Ausgewogenheit des Quadrats mit demjenigen, der den Inhalt füllen will? Bändigt er die Künstlerin oder den Künstler, schreckt sie/er vor der Perfektion des Formats zurück?" Diese Fragen warf der Ehemann von Vera Schnitzer, Alois Schnitzer, am Mittwochabend bei seiner Einführung in die äußerst sehenswerte Ausstellung auf. In dieser sind dann auch ausschließlich quadratische Bilder zu sehen, gemalt mit Acryl auf Leinwand - in unterschiedlichen Größen zwar, aber eben alle mit vier gleichen Seitenlängen und vier rechten Winkeln.
Die Inhalte dieser Quadrate wurden allerdings doch sehr unterschiedlich gefüllt. Zu sehen sind zwei Gruppen von Bildern: farbstarke gestische Malereien sowie sogenannte Schriftbilder. "In den gestisch farbstarken Bildern wird eine enorme Energie spürbar, die ausgedrückt werden will. Auch Verletzlichkeit erscheint mir erkennbar, gegen die sich die Künstlerin mit ihren Mitteln - den Mitteln der Malerei - zur Wehr setzt", meinte Alois Schnitzer.
Seine Ehefrau, mit der er seit über 42 Jahren verheiratet ist, greift dabei auch zur Selbstironie - deutlich bei manchen Titeln ihrer Bilder wie "Ziemlich zugeknöpft", "Erinnerung des Meereskundlerin", "Papagei" oder auch "Fuchs, du hast die Gans gestohlen". Etliche Bilder seien auch mit "Ohne Titel" ausgewiesen. Dies sei gut und legitim; schaffe ja gerade die abstrakte Malerei zusätzliche Realitäten - eine Welt, die es ohne diese Art der Malerei nicht gäbe. "Diese Welt muss nicht mit Begriffen aus der sozusagen "normalen" Realität bezeichnet werden", zeigte er sich sicher.
Neben der farbstarken gestischen Malerei fallen die Schriftbilder auf. Zu ihnen wurde Vera Schnitzer angeregt durch Überlegungen zum Wert der eigenen Handschrift in einer Zeit, in der Handschriftliches immer mehr an Bedeutung verliert. Diese Schriftbilder steckten voller Chiffren - Geheimzeichen, verrätselte Symbole, die verschiedene Deutungen zuließen. Auch bei ihnen gibt die Künstlerin manchmal Titel vor - wie "Das maisgrüne Wunder der Schrift" oder die "Blaue Schrift in harten Zeiten", während sie es ebenfalls bei einigen "Ohne Titel" belässt. "Lassen Sie auch hier ihrer Fantasie freien Lauf", appellierte er an die zahlreichen Besucher. Auch auf die biografischen Aspekte seiner aus einer Künstlerfamilie stammenden Ehefrau ging er ein: Der Vater war Bildhauer, die Mutter Pianistin, der Bruder ist Designer. Vera Schnitzer hat nach dem Abitur Kunsterziehung studiert. Dies führte aber nicht zur Laufbahn als Kunsterzieherin, da die gemeinsamen beiden Kinder dazwischenkamen. Künstlerisch tätig war sie trotzdem immer.
Aber erst ab den 90er Jahren konnte das Malen wieder einen größeren Raum in ihrem Leben einnehmen. Es folgten viele Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen: Ihre Bilder finden sich inzwischen in privaten Sammlungen, aber auch im öffentlichen Besitz - zum Beispiel in der Helios-Frankenwaldklinik in Kronach. Diese Ausstellung gibt nun einen kleinen Einblick in das Ergebnis ihres künstlerischen Schaffens, wobei manche Bilder bislang noch nicht ausgestellt waren. "Sie alle haben eine besondere Authentizität. Sie sind ehrlich und stehen für eine bestimmte Phase in ihrem Leben", so Alois Schnitzer. "Meine Bilder sind starke Partner - ein korrespondierendes Gegenüber", erklärt dann auch Vera Schnitzer, die seit 1996 ein Atelier in Niederfüllbach bei Coburg hat. Zu ihren quadratischen Arbeiten meint sie: "Beim Quadrat bleibt man im Rahmen. Selbst, wenn der Inhalt wild ausgestaltet erscheint, wird das Format nicht in Frage gestellt. Ich kann mich also expressiv ausdrücken, ohne aus dem Rahmen zu fallen." In der Ruhe, so die Künstlerin weiter, liege die Kraft. Und das Quadrat sei eben das ruhigste Format.
Ingo Cesaro, der die Galerie konzeptionell betreut, freute sich über den Start des Ausstellungsreigens 2018. Ein quadratisches Format zu halten und es nicht zu durchbrechen, erfordere viel Disziplin, würdigte er. Mit den Malereien der Künstlerin komme er sehr oft in Berührung - insbesondere beim alljährlichen von ihm an der Berufsfachschule für Krankenpflege abgehaltenen Literatur-Workshop; zieren doch die Wände im Krankenhaus einige ihrer großformatigen Bilder.
Kronachs 2. Bürgermeisterin Angela Hofmann erinnerte die Kunst im Quadrat zurück an ihre Schulzeit. Die geometrische Figur habe den Vorteil gegenüber dem Rechteck einer maximalen Fläche bei kleinem Umfang. Dieses klassische, zeitlose Format stelle in ihren Augen einen stimmigen, harmonischen Ausgleich zum lebendigen Inhalt dar. Die Ausstellung würdigte sie als große Bereicherung der Kunstlandschaft und des öffentlichen Raums in Kronach. Hierfür dankte sie der Künstlerin, dem Initiator Ingo Cesar sowie dem Finanzamt für die Zurverfügungstellung der Räumlichkeiten. Dessen Amtsleiter Günter Wolkersdorfer freute sich seinerseits über die optische Bereicherung des Servicezentrums.
Die Ausstellung läuft bis zum 24. April und kann während der üblichen Öffnungszeiten des Finanzamtes betrachtet werden.