Waldbesitzer und am Wald Interessierte aus dem Frankenwald waren entsetzt, als sie den Kernbereich des Nationalparks Bayerischer Wald betraten: Gewaltige Bäume lagen kreuz und quer am Boden, verrotteten still vor sich hin. Hunderte von dürren Fichten reckten ihre kahlen Wipfel gen Himmel. Ihnen hatte der Borkenkäfer den Garaus gemacht und bereits die gesunden Bäume rundherum befallen. Wenn ihr Wald daheim nur ansatzweise einen solchen Anblick böte, würde ihnen die Forstbehörde die Hölle heiß machen, meinten sie. "Soll so ein Nationalpark im Frankenwald aussehen?", fragten sie sich kopfschüttelnd.

"Nein!", sagte MdL Jürgen Baumgärtner, der an der Informationsfahrt der Waldbesitzervereinigung (WBV) Kronach-Rothenkirchen teilnahm und für sein Projekt Nationalpark Frankenwald warb.

Auf keinen Fall will er im Staatswald des Frankenwaldes solche katastrophalen Waldbilder haben. Ein Ausbreiten des Borkenkäfers muss seiner Meinung nach umgehend unterbunden werden, nicht nur in den Randbereichen, sondern auch im Kernbereich des Nationalparks, der eigentlich einem Urwald ähneln soll. Wenn dies im Bayerischen Wald erfolgt wäre, hätten nicht Tausende von Hektar wertvollen Waldes durch den Borkenkäfer vernichtet werden können.

Baumgärtner sieht Chancen für den Frankenwald, Fördergelder zu erhalten, eine Reihe von weiteren Projekten rundherum zu finanzieren. Hintergrund ist, dass sich die Bundesregierung verpflichtet hat, fünf Prozent der Fläche stillzulegen. Für Oberfranken gerechnet wären das 10000 Hektar, exakt die Größe, die der geplante Nationalpark Frankenwald haben soll. So lange Ministerpräsident Horst Seehofer unbedingt einen dritten Nationalpark haben will, könnte man leichter an eine Förderung kommen, meinte der Abgeordnete. Da irgendwo Flächen stillgelegt werden müssen, um die Fünf-Prozent-Hürde zu erreichen, könnte das seiner Meinung nach im Zuge eines Nationalparks geschehen.


Staatsvertrag ist Ziel

So einfach wie im Bayerischen Wald will Baumgärtner es den Behörden jedoch nicht machen. Er zielt auf einen Staatsvertrag ab, in dem alles Vorgehen genauestens geregelt ist, damit eine Nationalparkverwaltung nicht so desaströse Entscheidungen treffen kann, wie dies im Bayerischen Wald erfolgt ist.

Dort wurde eine seit 1915 geltende Regelung, dass Borkenkäferbäume im Kernbereich gefällt und entrindet werden, um ein Ausbreiten des Schädlings zu unterbinden, einfach von der Nationalparkverwaltung gekippt. Die Natur sollte sich selbst helfen.

Borkenkäferbäume blieben stehen, die Käferpopulation stieg explosionsartig an, weil es kurz nach der Entscheidung einen Sturmwurf auf 200 Hektar gab. Der Tisch für den Borkenkäfer war gedeckt. Unglücklicherweise breitete sich der Fichtenschädling auch in Höhen von über 1000 Meter aus, was ihm kein "Fachmann" vorher zugetraut hätte. "Borkenkäfer können halt nicht lesen, dass sie nicht weiter nach oben fliegen dürfen", meinte dazu ein Vertreter der örtlichen Waldbesitzervereinigung lakonisch.

Seit 20 Jahren ist Franz Baierl, Waldmanager des Nationalparks Bayerischer Wald. Er ist mit einem Heer an Mitarbeitern unermüdlich im Einsatz, um den Borkenkäfer zu bekämpfen. Aber nur im Randbereich von 500 Metern zum Privatwald hin, nicht im Kern des Parks. Vergangenes Jahr wurden 20 000 Festmeter Käferholz aufgearbeitet. Das war vergleichsweise wenig. Baierl hatte auch schon Mengen von über 100 000 Festmetern pro Jahr. Bereits die Käferholzmenge aus dem Jahr 2016 ist ein Vielfaches dessen, was in diesem Bereich als jährlicher Zuwachs zu verzeichnen ist. Von nachhaltiger Bewirtschaftung also keine Spur.


Woher kommt der Käfer, wohin geht er?

Kaum haben Baierls Leute ein Käfernest ausgerottet, wird schon das nächste gemeldet. Trotz allen Bemühens wird auch der angrenzende Privatwald befallen - oder der Käfer kommt sogar von dort in den Staatswald, vermutete der Waldmanager. Genaues weiß man nicht, denn der Borkenkäfer kann nicht nur nicht lesen, er sagt auch nicht, woher er angeflogen kam. Im Kernbereich des Nationalparks werden abgestorbene und verrottende Bäume nur abgesägt, wenn sie auf die Wege zu fallen drohen. Sie liegen dann wirr durch- und übereinander. Ein richtiger "Verhau" wie nach einem Sturmwurf. Kein schöner Anblick, meinten Waldbesitzer aus dem Frankenwald.

Die Käferproblematik stimmte Gegner eines Nationalparks Frankenwald, die ebenfalls an der Fahrt teilnahmen, nicht versöhnlich. Sie sahen sich in ihrer Skepsis bestätigt und wollten den Beteuerungen, dass der an den Nationalpark angrenzende Privatwald sicher vor Borkenkäfern sei, nicht glauben. Bliebe den Angrenzern noch, ihren Wald an den Staat zu verkaufen. Franz Baierl berichtete von Arrondierungen erheblichen Ausmaßes im Bayerwald. Die Großwaldbesitzer hätten gerne verkauft, wusste er. Im Frankenwald würde der Verkauf an den Staatswald angrenzender privater Flächen jedoch nur das Problem an den Waldnachbarn dahinter weiterreichen.

MdL Baumgärtner und Umweltministerin Ulrike Scharf sprechen immer von Dialog im Zuge der Ausweisung eines Nationalparks. Wie dies im Bayerischen Wald aussah, erfuhren die Frankenwälder von Forstleuten, den Geschäftsführern der Waldbesitzervereinigung Regen sowie Freyung/Grafenau und einer Bürgerinitiative. Die Bürger hätten gegen eine Erweiterung des dortigen Nationalparks gestimmt, die Staatsregierung habe dies nicht interessiert, die Erweiterung sei gekommen.


Weitere Themen der Informationsfahrt

Die Bedeutung eines Nationalparks für den Tourismus wurde unterschiedlich gesehen. Waldmanager Baierl berichtete, dass jeder vom Staat in den Nationalpark investierte Euro durch den Fremdenverkehr verdoppelt werde. Vorsitzender Georg Konrad von der Waldbesitzervereinigung Kronach-Rothenkirchen hatte sich informiert, dass nur jeder 30. Gast wegen des Nationalparks in den Bayerwald kommt. Angesichts der erschreckenden Waldbilder wäre das auch kein Wunder. Und man kommt nicht mehr überall hin. Die Gesprächspartner betonten, dass die Zahl der Wege vermindert wurde und Radfahren nur auf ausgewiesenen Wegen möglich ist.

Außer dem Borkenkäferproblem kam bei der Infofahrt auch die Schwarzwild- und Rotwildproblematik zur Sprache. Bei den Wildschweinen ist die Nationalparkverwaltung sehr eifrig zugange. Allerdings treibt sie die Schwarzkittel sehr unwaidmännisch in Saufänge, um sie zu erlegen. Als Wildbret verwerten lässt sich das Fleisch nicht, denn Bequerelwerte von über 10 000 gebieten eine Entsorgung. Bislang wird das Bejagen der aus Thüringen eingewanderten Hirsche im Frankenwald konsequent durchgezogen. "Wir schießen pro Jahr 30 Hirsche", wusste der Leiter des Forstbetriebs Rothenkirchen, Peter Hagemann. Im Kernbereich eines Nationalparks darf man eigentlich nicht jagen. Auch das will Jürgen Baumgärtner in einem Nationalpark Frankenwald zugelassen haben. Wozu es führen könne, wenn man nicht eingreife, habe man ja im Nationalpark Bayerischer Wald gesehen.

Den Waldumbau betreiben nicht nur die Privatwaldbesitzer. Die Mitglieder der WBV Kronach-Rothenkirchen beziehen pro Jahr 80 000 Pflanzen, um den Wald angesichts des Klimawandels zukunftsfähig zu machen und den Anteil der anfälligen Fichte zu reduzieren. Vor allem die Forstbetriebe Rothenkirchen und Nordhalben setzen seit vielen Jahren auf das Einbringen von Mischbaumarten. Jährlich werden in beiden Betrieben 100 Hektar umgebaut, eine halbe Million Bäumchen gepflanzt. Das hätte sich in einem Nationalpark erübrigt. Dort könnte man, ebenso wie im Bayerwald, vielleicht sogar bald Wölfe beobachten, oder die Kadaver der gerissenen Weidetiere sehen. Im Bayerwald gibt es bereits zwei Wölfe. Doch die halten sich, so merkte einer der Gesprächspartner ironisch an, nicht an den Wolf-Managementplan.