Schwerste Bedingungen, ganz klar. Als wäre ich am Morgen meiner praktischen Führerscheinprüfung nicht aufgeregt genug, muss es natürlich in Strömen regnen. Daran wird es scheitern, so mein Gedanke. Richtig selbstbewusst sitze ich nicht hinterm Steuer des Fahrschulautos. Doch mit einem Satz, den mir meine Kollegen mit auf den Weg gegeben haben, versuche ich mich zu beruhigen: "Wegnehmen können sie ihn dir ja nicht mehr."


Im zweiten Anlauf

Erfolgreich bestanden habe ich die Prüfung schon einmal und bin seit zehn Jahren stolze Besitzerin meiner Fahrerlaubnis. Zugegeben, damals hat es in der Praktischen auch erst im zweiten Anlauf geklappt. Aber seitdem meine ich behaupten zu können, souverän und sicher auf den Kronacher Straßen unterwegs zu sein. Das gilt es zu beweisen..


Um 8.30 Uhr empfängt Alfred Beranek meinen fotografierenden Kollegen und mich an seiner Fahrschule. Der Plan: Eine praktische Führerscheinprüfung simulieren, der Fahrlehrer mimt den Prüfer und wird am Ende der Fahrt ein Urteil sprechen. Im Anschluss steht der theoretische Teil an.
Ein erster Anflug leichter Panik kommt beim Blick in das hochmoderne Fahrschulauto - Spiegel über Spiegel und der reflexartige Griff nach der Handbremse geht ins Leere. Elektronisch, automatisch - ein Wink in die Richtung, in der wir künftig die Fahrprüfung nur virtuell oder gar nur partiell in unseren selbstfahrenden Autos absolvieren müssen?

Mein "Prüfer" erklärt das schlicht mit der Tatsache, dass die griffige Handbremse bei den neuen Wagen serienmäßig nicht mehr eingebaut wird. Vielleicht auch besser so. Viele seiner Fahrschüler hätten ohnehin Probleme mit der Koordination beim Fahren, ihnen falle es schwer, mehrere Dinge gleichzeitig zu beachten beziehungsweise zu betätigen.


Endgegner: Parklücke

Ohne Koordinationsschwierigkeiten geht es dann mit automatisch gelöster Handbremse los auf meine Prüfungsfahrt. Kreuz und quer durch das Kronacher Stadtgebiet. Links abbiegen, rechts abbiegen, einordnen und dann: Einparken. Ein Aspekt, der mir vorher Bauchschmerzen bereitet hat. Rückwarts habe ich schon seit Jahren nicht mehr eingeparkt, mein Glück, dass ich den Fahrschulwagen, der gedanklich schon den Umfang eines Lkw angenommen hat, rückwärts-seitwärts in eine sehr großzügige Parklücke bugsieren darf.

Mit leichten Schweißperlen auf der Stirn und Regentropfen auf der Scheibe muss ich den Wagen im Anschluss ein Stück über Land steuern, in Richtung Friesen. Auch nach zehn Jahren läuten bei mir die Alarmglocken: Rechts vor Links! Angestrengt versuche ich bei jeder kreuzenden Straße offensichtlich zu demonstrieren, dass ich mir der Mutter aller Vorfahrtsregeln natürlich noch bewusst bin. Der Kollege auf der Rückbank versucht derweil (brav, wie ich es ihm vorab eingetrichtert hatte), den Prüfer in ein ablenkendes Gespräch über Durchfallquoten bei den Prüfungen zu verwickeln.

Und dabei bugsiere ich mich fast selbst in eine Situation, nach der ich fast zu den erklärten 30 Prozent der Nicht-Besteher gehört hätte. Das Kommando "Wenden" versetzt mich nämlich leicht in Panik und ich steuere mit erhöhtem Herzschlag in die nächstbeste Parklücke - statt drei Meter weiter den riesigen Parkplatz für mein Manöver zu nutzen.


Ein sehr großes "Aber"

Mein Glück, dass in Friesen zu dieser Zeit Verkehrsflaute herrscht - und ich mich in aller Ruhe aus meiner umständlichen Parkmöglichkeit quälen kann. Wäre allerdings ein anderes Fahrzeug in meiner schwer einsehbaren Situation aufgekreuzt, hätte ich den Verkehr damit blockiert und unter Umständen sogar mich oder andere in Gefahr gebracht - meine Prüfung hätte ein rasches Ende genommen. Stattdessen geht es nach rund 35 Minuten zurück zu Fahrschule. Das Urteil: Bestanden. Mit einem sehr großen "Aber".

Das idiotische Wendemanöver wird angesprochen, doch vor allem die Spiegel, die mich beim Einsteigen noch so irritiert hatten - ich hätte sie auch gerne nutzen dürfen. Zwar habe ich immer brav beim Abbiegen die Spiegel genutzt, allerdings oft erst dann, wenn es schon zu spät gewesen wäre. Dass man im besten Fall beide Hände am Steuer haben sollte, muss mir Herr Beranek auch in Erinnerung rufen. Klingt für mich eher nicht so, als hätte mir ein Prüfer guten Gewissens meinen Schein ausgehändigt.

Eigentlich irrelevant, denn unter realen Umständen hätte ich gar nicht erst antreten dürfen. Denn den theoretischen Teil im Anschluss setze ich grandios in den Sand . Von 30 Fragen kann ich nur 23 richtig beantworten - mit 24 Fehlerpunkten bei nur zehn erlaubten, habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Auch wenn der kollegiale Tipp "Im Zweifel einfach alles ankreuzen" tatsächlich geholfen hat, wäre es wohl besser gewesen, ich hätte die oder andere Formel oder Faustregel zu Bremsweg und Co. verinnerlicht.

Trotz theoretischem Versagen lässt mich mein Prüfer dann doch mit einem guten Gefühl zurück hinters Steuer - von nun an mit beiden Händen am Lenkrad und mit Blick in den Seitenspiegel. Versprochen.