Hildegard Jung (Name von der Redaktion geändert) lebt seit Jahrzehnten in ihrer Mietwohnung in der Kronacher Siedlung. Die knapp 60 Quadratmeter boten ihrer Familie stets ein echtes Zuhause. Mit ihrem Mann hat sie jahrelang Zeit und Geld investiert, um die kleinen Räume herauszuputzen - auch als sich seitens der wechselnden Vermieter nicht viel getan hat. Heute lebt die Rentnerin alleine in der Wohnung. Doch das ist nicht der Grund, warum das Gefühl eines wohligen Heims abzublättern beginnt, wie der Anstrich im Treppenhaus.

Die Seniorin sitzt in ihrem bequemen Wohnzimmersessel. Ihre Tochter ist zu Besuch. Die beiden würden gerne auf den Balkon gehen, mit den Nachbarn unten reden und die frische Luft genießen. Zwei breite Bretter verhindern das. Die Balkontür ist von außen vernagelt, obwohl erst 2017 ein neues Geländer angebracht worden ist. Tochter Claudia Jung (Name von der Redaktion geändert) schüttelt verärgert den Kopf und schimpft: "Gerade in der Phase der Pandemie den Balkon nicht nutzen zu können ...!" Im April sei er dicht gemacht worden, weil er nicht mehr sicher gewesen sei. Wann er wieder begehbar sein wird, stehe in den Sternen. Eine Beschwerde der Mieterin habe lediglich zu einer dreiprozentigen Mietminderung geführt.

Das richtig böse Erwachen folgte schnell: Die Anhebung der Miete wurde angekündigt. Von knapp 300 auf rund 330 Euro soll sie steigen. Ihre Mutter könne diese Kosten zwar noch zahlen, stellt Claudia Jung fest, aber es gebe andere Menschen in der Nachbarschaft, für die 30 Euro Mehrausgaben ein heftiger Schlag ins Kontor seien.

Hilfe beim Mieterverein gesucht

"Es geht ums Prinzip", sagt Claudia Jung. Deshalb hat sie für ihre Mutter den Mieterverein eingeschaltet. Ihre Befürchtung, war, dass viele nach dem Ärger mit den früheren Besitzern und Verwaltern der Gebäude nun aus Angst die neue Kröte schlucken würden und danach "der nächste Schrieb" mit schlechten Botschaften nicht lange auf sich warten lassen würde.

"Die Leute haben einfach Angst", sagt Alfred Bittruf. Der Vorsitzende des Vereins weiß ebenso wie Justiziarin Sabine Gross, welche Wirkung das Risiko eines drohenden Prozesses auf im Recht unerfahrene Menschen ausübt. "Die Frau war in ihrem ganzen Leben noch bei keinem Anwalt. Sie will keinen Ärger - und zahlt", spekuliert Gross, was im konkreten Fall passiert wäre, wenn sich die Tochter nicht eingeschaltet hätte.

Dabei hält sie die betroffenen Mieter in der Siedlung für ungerecht behandelt. Der Mietpreis schwanke dort extrem. Zwischen fünf und fast acht Euro pro Quadratmeter reiche die Spanne. Dabei komme nicht nur der Zustand der Wohnung zum Tragen. "Wenn jemand auszieht, wird der Preis erhöht", schildert sie ihren Eindruck. Und dass viele Mieter selbst die Wohnungen herrichten, zum Teil sogar die Öfen kaufen, werde nicht berücksichtigt.

Bei Hildegard Jung steht nun ein Quadratmeterpreis von 5,87 Euro an. Gross befürchtet, dass der sich mangels Mietspiegel nicht an wirklich vergleichbaren Wohnungen orientiert, sondern dass dafür hohe Mieten aus dem eigenen Bestand als Vergleichswerte herangezogen werden. "4,90 bis 5,00 Euro wären eine angemessene Miete", meint die Justiziarin.

Politik schaltet sich ein

Bürgermeisterin Angela Hofmann (CSU) hat ebenfalls Kontakt zur Eigentümervertretung, die Deutsche Asset One, gesucht. Diese habe auf zwei Selbstbeschränkungen verwiesen: Die Mieterhöhung bleibe unter 15 Prozent und unter 30 Euro. Trotzdem fände auch sie es gut, wenn Mieterhöhungen solange zurückgestellt werden könnten, wie das Kurzarbeitergeld verlängert wird. Und sie betont: "Wir brauchen in Kronach mehr geförderten Wohnraum."

Auch die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Kramme (SPD) besichtigte die Wohnung der Jungs. Für sie stand fest: "Das hat alles nichts mit Corona zu tun. Wir haben es mit einem Vermieter zu tun, der nix tut und kassieren will."

Damit spricht sie Claudia Jung aus der Seele. Sie verstehe ja, dass ein Wirtschaftsunternehmen etwas verdienen wolle. Nur müssten Preis uns Leistung in ihren Augen zusammenpassen. Mit dem Blick auf die Holzbretter vor der Tür kann sie das in der Wohnung ihrer Mutter nicht erkennen.

Das sagt die Vermieter-Seite

Die Deutsche Asset One, welche im Fall der ehemaligen Immobilien der KWG (Kronacher Wohnungsbaugesellschaft) die Eigentümervertretung für Union Investment übernimmt, sieht gute Gründe dafür, die Miete anzuheben. Ihr Sprecher, Ulrich Nagel, weist unter anderem auf weitere Investitionen in Kronach hin. Wie viele Ihrer Wohnungen aus dem Portfolio der ehemaligen Kronacher Wohnungsbaugesellschaft sind von der Mieterhöhung betroffen?

Ulrich Nagel: Es handelt sich um 184 Wohnungen.

Wie hoch fällt die Mieterhöhung aus?

Die Mieterhöhung beträgt im Durchschnitt 5,9 Prozent beziehungsweise knapp 30 Cent pro Quadratmeter.

An welchen Rahmenbedingungen oder Vergleichswerten wurde die Anpassung ausgerichtet?

Es handelt sich um eine Mieterhöhung gemäß Bürgerlichem Gesetzbuch, deren Kriterien gesetzlich definiert und dementsprechend unsere Grundlage sind. Die Miete nach Erhöhung liegt bei rund 5,90 Euro pro Quadratmeter und damit unter dem Durchschnitt im Wohnungsbestand in Kronach. War es zwingend nötig, unmittelbar in Zeiten der Corona-Pandemie und verstärkten Kurzarbeit eine Mieterhöhung vorzunehmen? Hätte sich diese nicht ins Jahr 2021 oder später verschieben lassen?

Wir haben uns an den Vorgaben der Bundesregierung orientiert und das von ihr erklärte Mietmoratorium, das zum 30. Juni bereits ausgelaufen ist, aus eigener Initiative bis 30. September verlängert.

Ferner investieren wir laufend in die Wohnungen. Eine größere Maßnahme umfasst die Reaktivierung von 30 Wohnungen, die aus ehemals kommunalem Bestand unbenutzbar, da zum Teil ohne Heizung, übernommen wurden. Die Deutsche Asset One meint, damit einen sinnvollen Beitrag zum Aufruf der Stadt Kronach zu leisten, viele neue Wohnungen dem Markt zur Verfügung zu stellen.

Wie passt es zusammen, dass in manchen der betroffenen Gebäude die Balkone aufgrund statischer Bedenken gesperrt werden, gleichzeitig aber die Miete erhöht wird?

Die Mieter mit den betreffenden Balkonen haben unserseits bereits eine Mietminderung ausgesprochen bekommen, um der eingeschränkten Nutzungsfähigkeit der Wohnungen Rechnung zu tragen.

Die Balkonsanierung befindet sich seit Juli in Arbeit. Begehung und Festlegung des Arbeitsprogramms sind ebenso erfolgt wie die Erstellung eines Leistungsverzeichnisses und die Ausschreibung für die Ausführung. Die Angebote sind teilweise noch ausstehend. Im Anschluss erfolgt die Vergabe mit kurzfristiger Umsetzung. Wir investieren rund rund 150 000 Euro in diese Maßnahme.

Kommentar von Marco Meißner

in Unternehmen ist kein Wohlfahrtsverein. Es muss wirtschaftlich arbeiten. Das gilt auch für einen Vermieter. Deshalb ist es nur natürlich, wenn Preise mit der Zeit angepasst werden.

Umgekehrt ist ein Mieter aber auch nicht dazu da, unablässig gemolken zu werden, ohne ihm ein ordentliches Dach über dem Kopf zu bieten. Doch genau daran hapert es in den betroffenen Gebäuden in der Siedlung, die wir Medienvertreter in den vergangenen Monaten mehr als einmal besuchen durften.

Dass manche Arbeiten an den Mietshäusern im Trubel der Corona-Zeiten einen längeren Vorlauf benötigen, ist verständlich. Doch dann muss bei der Miete auch ein alter Grundsatz aus der Wirtschaft gelten: Erst die Ware, dann das Geld.