Christina Zehnter greift in die grünen Stängel und reißt einen davon ab. "Das wird wohl jeder kennen", meint die Kräuterpädagogin und hebt den Stängel in die Höhe. "Oh ja", kommt es mit einem großes Seufzer von einigen Teilnehmerinnen des Kräuter-Abendspaziergangs "Wildkräutererlebnis im Frühling" zurück. Begeisterung hört sich definitiv anders an.

Die Dame klagt dann auch ihr "Leid": "Ich jäte Giersch immer. Aber es hat keinen Sinn: Den bekommt man nicht mehr los." Christina Zehnter pflichtet ihr bei: "Hat man den erst einmal im Garten, kommt er immer wieder." Den meisten Gärtnern ist der sich breit auswuchernde Giersch ein Dorn im Auge. Die Neukenrotherin hat mit ihm allerdings keine Probleme. Im Gegenteil: Sie schätzt Giersch als wohlschmeckendes Wildgemüse. "Heute gibt es noch leckere Giersch-Schorle mit Apfelsaft", kündigt sie an.

Giersch kann man sehr gut von anderen Wildkräutern unterscheiden. "Es gibt da einen leicht zu merkenden Spruch: Drei, drei, drei - mit Giersch bist du dabei", verrät die Kräuterpädagogin-BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) und zeigt auf die Pflanze. Der Stil ist dreikantig. Daran sind meistens drei kleine Ästchen mit jeweils wiederum drei Blättern.

Giersch enthält viel Kalium, Vitamin C, Karotin und Eisen. Man kann es zum Würzen verwenden, als Salat oder Gemüse zubereiten oder auch in Aufstriche und Suppen geben. Leicht skeptische Blicke bei den Frauen, als Christina Zehnter sie auffordert, doch mal zu probieren.

Sie kauen auf den Stängeln. "Das schmeckt gut", sind sie verblüfft. Er erinnert ein wenig an Petersilie oder Karotte. Niemand wäre wohl vorher auf die Idee gekommen, Giersch einmal zu probieren. Im Garten von Christina Zehnter wachsen unzählige solcher wohlschmeckenden wilden "Delikatessen".

Viel Wissen selbst erarbeitet

"Vor zwei Jahren schloss ich meine Ausbildung zur Kräuterpädagogin ab", erzählt die Neukenrotherin. Seit diesem Jahr bietet sie verstärkt Kurse im Bereich Wildkräuter und Natur für Kinder wie auch Erwachsene an.

"Schon als Kind freute ich mich darauf, im Frühling den ersten Buschwindröschen-Strauß für meine Mutter zu pflücken und dabei zu entdecken, was sonst noch für Blumen wuchsen. In der Grundschule vertiefte unser Lehrer Herr König mein Pflanzenwissen mit Wiesenexkursionen.

Danach hatte ich leider jahrzehntelang keine Botanik-Mentoren mehr und so erarbeitete ich mir - vor allem durch Bücher und aus eigener Erfahrung - mein Kräuterwissen selbst", verrät die Kräuterliebhaberin, die seit 2006 am Programm "Natürlich für Kinder - Umwelt erleben und verstehen" der Ökologischen Bildungsstätte Oberfranken mitwirkt.

Ihre selbst entwickelten Kräuter-, Natur- und Ernährungsworkshops werden von Bildungseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten gebucht. Da sie ihren Status als Autodidaktin auf eine professionellere Ebene bringen wollte, informierte sie sich über entsprechende Lehrgänge.

2011 war es dann soweit: Sie meldete sich für die Kräuterpädagogen-Ausbildung im Erzgebirge an. "Es begann ein turbulentes Jahr zwischen Beruf und Botanik, zwischen Familie und Fotosynthese und zwischen Frankenwald und Erzgebirge. Im Mai 2012 hatte ich endlich mein Kräuterpädagogen-Zertifikat in der Tasche", freut sie sich.

Raritäten im Garten

In ihrem Garten gibt es nahezu in jedem Winkel und in jeder Ecke, unter jedem Strauch etwas zu sehen. Es wachsen nicht nur die "üblichen" Gartenkräuter, sondern auch jede Menge Wildkräuter und richtige Raritäten wie Beinwell, Rote Melde oder Stinkender Storchschnabel. Auch Löwenzahn - Themas ihrer Prüfung zur Kräuterpädagogin - findet sich in ihrem Garten.

"Aus Löwenzahn machten die Menschen zu Kriegszeiten sogar Kaffee. Der war natürlich nicht so stark wie wir ihn heute kennen. Aber man hatte ja nichts anderes", meint sie.
Während des Kriegs seien zum Beispiel auch Löwenzahn oder Brennnesseln gesammelt worden, um sie als Gemüse oder Salat zuzubereiten.

Brennesseln sind wertvoll

Christina Zehnter ist auch ein ein großer Fan von Brennesseln, die sehr wertvoll für die Tierwelt sind. So dienen sie den Raupen von circa 50 Schmetterlings-Arten als Futterpflanze. Das Tagpfauenauge und fünf weitere Arten leben sogar ausschließlich von ihr. Auch zum Mulchen beziehungsweise gegen Blattläuse kann man sie verwenden.
Viele Wildkräuter haben wesentlich mehr Vitamin C als Kopfsalat. Die Brennnessel hat sogar 14 Mal soviel.
Was man aus den gesunden und zudem sehr wohlschmeckenden Kräutern alles "zaubern" kann, zeigte das anschließende Wildkräuter-Büffet.

Die Teilnehmerinnen ließen sich "Unkräuter"-Suppe, Wildkräutersalat, Brennnesselbrot, Bärlauch-Linsenpaste, 13-Kräuter-Aufstrich, Indianernessel-Nutella und zum Nachtisch Ananassalbei-Erdbeeren mit Löwenzahncreme schmecken (übrigens alles vegan). Dazu gab es Kräutertee mit Zitronenkatzenminze, Giersch-, Waldmeisterschorle und das ein oder andere Wildfrucht-Likörchen.

Das nächste "Wildkräutererlebnis im Frühling" - Feierabendspaziergang mit kleinem Wildkräuter-Büffet" findet bereits am heutigen Mittwoch statt.