Bahnhof Kronach, Donnerstag um 13.09 Uhr: Der Zug Richtung Pressig , Steinbach und Ludwigsstadt rollt pünktlich an. Am Bahngleis 1 versammelt sich Tür für Tür ein undurchsichtiges Knäuel aus Kindern mit Masken und Rucksäcken. In der Schule haben die Lehrer noch penibel auf Maskenpflicht und Abstand geachtet. Im Zug sitzen sechs Mädchen in einem Vierersitz.

Die Schüler trifft dabei wenig schuld. Ganz im Gegenteil: Alle tragen Masken. Das Einsteigen läuft so gesittet ab, wie eben möglich. Der Zug ist schlichtweg voll. Vor der Abfahrt gehen die Türen auf und zu, weil einmal mehr, einmal weniger absichtlich ein Fuß den Sicherheitssensor an der Tür auslöst.

Das neue Mobilitätskonzept sollte den Schul- und Linienverkehr verbessern und einfacher gestalten. Dass eine Pandemie den Start zusätzlich verkompliziert, konnte niemand ahnen. Doch viele Eltern sind sich sicher, es war vorhersehbar, dass ein Umstieg von Bus auf Bahn - und umgekehrt - in Pressig, die vollen Züge am Morgen und Nachmittag nicht entlastet.

Heiko Eichhorn hat die Initiative ergriffen. In einer Rundmail an den Elternbeirat der Maximilian-von-Welsch-Realschule in Kronach hat er seine Kollegen gebeten, ihre Erfahrungen in der ersten Woche mit dem neuen Schul-Linienverkehr aufzuschreiben. Das Ergebnis ist vorerst ernüchternd: volle Busse, überfüllte Züge. Eltern haben ihre Kinder zum Teil mit dem Auto gefahren, als auch am Nachmittag das Umsteigen nicht geklappt hat. Der Elternbeiratsvorsitzende fasst die Situation zusammen: "Das Mobilitätskonzept wurde vom falschen Ende her gedacht." Statt einen funktionierenden Schulverkehr in den Fokus zu stellen, haben die Verantwortlichen das Hauptaugenmerk auf den neuen Linienverkehr gelegt. Doch das Gros der Fahrgäste sind nun einmal Schüler. Die Schulbus-Situation habe sich für seine Kinder vorerst verschlechtert.

Unpünktlich und zu voll

Das berichtet der Familienvater aus Schneckenlohe aus eigener Erfahrung. Heiko Eichhorns Tochter besucht die RS I in Kronach und sein Sohn die Grundschule in Mitwitz. Seine Tochter ist bis vergangenen Mittwoch kein einziges Mal pünktlich in der Schule angekommen. Sein Sohn und die anderen Schneckenloher Mitschüler in Mitwitz wurden einmal sogar stehen gelassen, weil der Neunsitzer-Bus zu klein für etwa 14 Schüler war, schreibt der Vater.

Eichhorns Kolleginnen im Elternbeirat schildern eine ähnliche Situation am vergangenen Mittwoch. Manuela Häussler, Mitwitz: "Bus 41 voll und heimwärts immer ca. 15 Minuten zu spät." Ivonne Beranek, Neukenroth: "Bus nach der sechsten Stunde ist immer voll." Silvia Rebhan, Pressig: "Der Zug heimwärts um 13.09 Uhr ist immer total überfüllt." Melanie Kraus, Buchbach: "Bei uns sind früh Linie 6/6 und mittags Linie 6/029 die beiden Busse immer hoffnungslos überfüllt ... Und der Zug ja sowieso."

Auch der Ludwigsstädter Bürgermeister Timo Ehrhardt (SPD) ist Teil des Elternbeirats und schreibt: "Bei den Fahrplänen gibt es noch Optimierungsbedarf. Da sehe ich auch die Kommunen in der Mitverantwortung, dies zu diskutieren." Der Landkreis habe Zusatzbusse eingerichtet. Bei der Bahn sei es schwierig, dass Zusatzkapazitäten bereitgestellt werden. Der Landrat sei darüber informiert, schreibt der Bürgermeister.

Geht das neue Konzept des Landkreises auf? Ist die Verknüpfung von Schul- und Linienverkehr die richtige Entscheidung? Nicht nur der Elternbeirat stellt sich die Frage: Wo sind im Schulverkehr die Verbesserungen? Zweifellos beruht das Konzept auf komplexen Fahrplänen, die es nach der Umstellung punktuell zu verbessern gilt. Wallenfelser Schüler teilen nicht die gleichen Erfahrungen wie Schüler aus Reichenbach.

Probleme sind der Schule bekannt

Das ist auch der Schulleiterin des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums, Renate Leive, bewusst. Das Gymnasium begrüße das neue Mobilitätskonzept, schreibt sie. Bereits vor der Umstellung habe es Probleme mit der Anbindung gegeben, gerade bei Schülerinnen und Schülern, die nicht in einem Ort an der Bahnlinie leben und aus dem Nachmittagsunterricht kommen. Sie sieht Nachbesserungsbedarf: "Mit dem Schulbeginn erreichten uns tatsächlich zahlreiche Anrufe von Eltern, weil bislang gewohnte Haltestellen verlegt worden waren, weil die Zeitspanne zwischen Ankunft an der Haltestelle und Schulbeginn zu gering war oder weil Schülerinnen und Schüler nach Unterrichtsende nicht genug Zeit hatten, ihren Bus zu erreichen."

Die Schulleitung hat die Kollegschaft angewiesen, Verspätungen in der Anfangszeit zu tolerieren und gegebenenfalls Schüler etwas eher aus der sechsten Schulstunde zu entlassen. Das sei aber kein Dauerzustand, schreibt die Schulleiterin. Beschwerden hat das Gymnasium an die Mobilitätszentrale weitergereicht.

Das Landratsamt justiert nun nach. Zwölf Verstärkerbusse fahren zusätzlich durch den Landkreis. Tettauer Schüler müssen nun am Morgen nicht mehr in Pressig in den Zug umsteigen, sondern werden direkt mit dem Bus nach Kronach gefahren. Seit Donnerstag fahren die Busse morgens bis zu neun Minuten früher ab, "um die Situation in Hinblick auf den Schulbeginn zeitlich zu entspannen", schreibt die Pressestelle im Rundschreiben.

Aber warum sieht das neue Konzept vor, einen eh schon vollen Zug mit weiteren, ehemals Bus fahrenden Schülern anzufüllen? Es gebe klare Vorgaben des Freistaats, wonach Parallelbuslinien zur Schiene nicht erwünscht sind, erklärt Pressesprecher Alexander Löffler. "Dies gilt es unsererseits zu berücksichtigen." Die Mobilitätszentrale sei wiederum dabei, alle Busverbindungen auf den Prüfstand zu stellen und zu optimieren. Reichenbach zum Beispiel soll nun als nächstes einen Direktbus nach Kronach bekommen.

Auf die Frage, welche Auswirkungen Zusatzbusse und Umstrukturierungen auf die Kosten für den Landkreis haben, antwortet Löffler, dass man sich im gesetzten Rahmen von 60 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren bewegen wolle. "Aufgrund der bereits eingesetzten zwölf Corona-Busse, an deren Kosten sich der Freistaat beteiligt, sind die Auswirkungen auf die Kosten zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzbar", ergänzt er.

KOMMENTAR von Bastian Sünkel

Das Problem des Mobilitätskonzepts hat einen Namen: Bahnhof Pressig. Es spielt keine Rolle, ob man Eltern, Schüler oder Busfahrer fragt.

Die Idee, den westlichen Landkreis mit dem Bus zu einem Bahnhof voller Barrieren zu karren, eh schon volle Züge mit weiteren Schülern anzufüllen und schließlich darauf zu pochen, dass ein Konzept auf dem Papier gut durchdacht sei, bringt niemanden weiter. Doch das ist der Status quo.

Bei Facebook schreibt eine Mutter, dass es an Absurdität nicht zu überbieten sei, wenn man brechend volle Züge mit weiteren Schülern vollstopft - und das zu Zeiten von Maskenpflicht und Sicherheitsabstand.

Sie hat recht. In einer Zeit, in der sich jeder an einen Ausnahmezustand gewöhnen muss, sollte auch die bürokratische Hürde einer "Parallelbuslinie" zu überwinden sein. Vielleicht auch über den Ausnahmezustand hinaus.