Am Ende ist man immer schlauer - und das heißt bei der diesjährigen Premiere der 3. Ludwigsstädter Shakespeare-Spiele: Es hat wieder funktioniert! Trotz des Wagnisses "Macbeth" und Tragödie. Oder gerade deswegen.

Denn Regisseur Daniel Leistner hat seine Rollen in diesem Jahr so besetzt, dass bestimmt drei Viertel des Textes im orginalen Ludwigsstädter Dialekt rüberkommen. Und das ist im Vergleich zum Vorjahr, als sich etwa die Hälfte der Darsteller hochdeutscher Bühnensprache bediente, eine Menge mehr. So können das abgrundtief Böse, das Lady Macbeth (Gerti Hertwig) verkörpert, ebenso wie die eloquenten Auftritte des guten Macduff (Erhard Witte) umso reiner und klarer wirken, wenn sie sich vom volksnahen Dialekt abheben.

Gewissenloser Mörder

Geradezu einen sprachlichen Kontrast bietet das herrschaftliche Paar, die erhabene Lady und Macbeth, der "Keenich" werden will, weil es ihm drei Hexen nach erfolgreicher Schlacht vorausgesagt haben. Manuel Koch gibt der Hauptfigur viel Raum, um sich vom Ehrgeizling, der noch mit Skrupeln behaftet ist, zum gewissenlosen Mörder zu wandeln. Fühlt er sich anfangs noch von Wahnerscheinungen des getöteten Banquo (Daniel Leistner als ein oberster düsterer Verfolger des Mörderkönigs Macbeth) gequält und sprengt peinlicherweise das eigene königliche Krönungsfest, wirft er spätestens beim Abschlachten von Lady Macduff (Corina Georgi als enttäuscht verlassene Ehefrau) das letzte Skrupelchen über Bord. Weiß er sich doch von den Weissagungen der drei Hexen beschützt, die ihm fälschlicherweise Unsterblichkeit und Unbesiegbarkeit suggerieren.

Überhaupt - diese Hexen in ihren zusammengewürfelten Gewändern. Diese Stimmen - schrill und triefend, lustvoll und boshaft - erfüllen Astrid Vetter, Andrea Früchtl und Silke Conrad ihre selbst gewählte Mission, ein Land und seinen König in den Untergang zu treiben.

Die auch von den Zuschauern gelobte Dichte der Inszenierung lässt den Abend wie einen Zeitraffer erscheinen. Die ohnehin kurzen Szenen des Königs Duncan (Evi Heyder), der königlichen Lords Lenox (Florian Martin) und Angus (Jan Welsch) und die führungsstarken Auftritte des Thronfolgers Prinz Malcolm (Manja Hünlein) vergehen superschnell. Plopp - und weg sind sie wieder. Die Bruttozeit von zwei Stunden inclusive Pause vergeht so wie im Zeitraffer.

Selbst Höhepunkte wie die musikalisch untermalten Geisterscheinungen oder die eigentlich völlig unfassbare Liebesszene des mörderischen Ehepaars Macbeth ziehen schnell am inneren und äußeren Auge vorbei. Dabei bewirkt der fast völlige Verzicht auf Bühnendekoration - nur ein paar Wirtshausstühle bieten den Hexen gelegentlich eine Beobachtungsposition - und die Konzentration auf Licht- und Schatteneffekte eine besondere Form der Aufmerksamkeit.

Auf Grund der meist blutrot düsteren oder tiefkalten blauen Beleuchtung fällt so erst zum Schlussapplaus auf, welche Mengen von Schminke die Darsteller auf ihren Gesichtern verkraften mussten.

Kabarettistische Einlagen

In einer völlig eigenen Kategorie agieren Evi Heyder (als Wache - ganz mit den Privilegien des öffentlichen Dienstes gesegnet) und Jeanette Heyder als Zofe, die zwischendurch das Geschehen und "Gewürch" auf eine saloppe, ludschterisch despektierliche Art kommentieren dürfen und der Düsternis im Hause Macbeth die Schwere nehmen. Mit ihren dialektsicheren kabarettistischen Auftritten könnten sie den Abend ganz allein füllen. Das Publikum jedenfalls fand die ganze Blutorgie Spitze - und goutierte das mit Standing Ovations schon nach einer Minute und mindestens acht Vorhängen.

Fiebern vor dem Auftritt

Am meisten haben sicher wieder die beiden gefiebert, die zu Beginn der Vorstellung vor den Vorhang treten - Theatermacher Daniel Leistner und Ludwigsstadts Bürgermeister Timo Ehrhardt (SPD). "Das ist ja jetzt eine Tragödie - ansonsten hätte ich Ihnen gewünscht: Amüsieren Sie sich gut", scherzte Leistner noch herum. Denn, gestern bei der Generalprobe, da fand er "es wird nee schlacht". Immerhin gehe man dieses Jahr bei der 3. Auflage ein großes Wagnis ein. "Wir wollten uns an eine Tragödie trauen, und meiner Meinung nach haben es die Schauspieler geschafft", so sein Vorabfazit. Denn zum Auftakt 2011, als noch alles experimentell war, waren die Ludwisstädter mit einer Komödie und großem Erfolg gestartet. 2012 war es dann schon eine ambitionierte Komödie mit Tiefgang, "Der Sturm" - und wieder erfolgreich. Seit März standen nun die Proben für Macbeth an.
Bürgermeister Timo Ehrhardt stimmte dann mit einem Augenzwinkern gleich aufs nächste Jahr ein. "Wenn es dieses Jahr nicht so lustig wird, nächstes Jahr bestimmt wieder!", sagte er im Hinblick auf 2014 und dann "Viel Lärm um Nichts".

Aber alle, die dieses Jahr schon zum dritten Mal gekommen seien, "dürfen sich jetzt schon Fans der Shakespare-Spiele nennen", versetzte er das Publikum schon mal in die richtige Stimmung.

Die letzten Feinheiten

Am Tag vor der Premiere wurden die letzten Feinheiten der Aufführung bei der Generalprobe antrainiert - doch erst zwei Stunden vor der Aufführung schlägt die Stunde der Techniker. Beim Soundcheck müssen Daniel Fiedler, Florian Pohl und Sebastian Fiedler nicht nur ihre Tonanlage durchtesten, sondern auch die Einstellungen bei den Mikros der Schauspieler genau austarieren und einpegeln. Während die Schauspieler einer nach dem anderen oben auf der Bühne in einer besonderen Kür Textproben zum Besten geben, überwachen die drei Techniker die Einstellungen. Während erst alles glatt läuft, gibt plötzlich ein Verstärker des Mikros den Geist auf und schaltet sich immer wieder ab. In diesem Stressmoment reagieren die Techniker ruhig und gelassen - und zwei Minuten später ist die völlig unkalkulierbare Tücke der Technik wieder behoben. Überhaupt fällt schon da auf - im dritten Jahr der Spiele agieren die Schauspieler in den Stunden vor der Premiere mit erkennbar wenig Aufregung. So souverän, wie sie dann das Stück durchziehen. Martin Modes