Nach dem 9. November 1989 mit dem völlig unerwarteten Mauerfall folgte ein weiteres historisches Datum mit dem 28. April 1990. Der Grund: Der "Eiserne Vorhang" am Rennsteig wurde an mehreren Stellen ebenfalls löchrig. Nach 45 Jahren konnten die "Renner" endlich von Blankenstein an der Saale bis Hörschel an der Werra durchgängig den 168 Kilometer langen Kammweg des Thüringer Waldes und des Frankenwaldes erwandern. 2500 Menschen bejubelten die spektakuläre Grenzöffnung. Und für den seinerzeit 1200 Mitglieder starken Rennsteigverein mit Hauptsitz in Zapfendorf war der 28. April 1990 gar eine Sternstunde.

"Ich wand're ja so gerne am Rennsteig durch das Land!" Seit besagtem Samstag haben die Worte von Karl Müller und Herbert Roth eine neue Qualität. In Brennersgrün (Thüringen) fiel der Startschuss zu der lange ersehnten deutsch-deutschen Wanderung. Dorothee Wilms, Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen, ihre Kollegin Sybille Reidel, DDR-Ministerin für Handel und Tourismus, sowie Staatsminister Alfred Dick ließen bei Spechtsbrunn die letzten Schranken fallen.

"Träume haben sich erfüllt!" Mit diesen Worten bei der Eröffnung des Rennsteig-Grenzübergangs bei Spechtsbrunn sprach Ministerin Willms sicher vielen Wanderfreunden aus der Seele. Sie äußerte die Hoffnung, dass gerade die Jugend diese für sie bislang unbekannte Möglichkeit nutzen möge, eine der schönsten und traditionsreichsten Landschaften Deutschlands kennenzulernen. "Grenzen sollen nicht mehr trennen, sondern Brücken bilden zwischen Völkern und Staaten!"

Der Startschuss zur ersten deutsch-deutschen Rennsteigwanderung erfolgte bereits am Samstag um 9.30 Uhr in Brennersgrün im Kreis Lobenstein (DDR). Thüringen und Bayern hätten einiges zu bieten, meinte bei dieser Gelegenheit Staatsminister Alfred Dick. Der damalige Kronacher Landrat Werner Schnappauf: "Was Menschen trennt, muss sie auch verbinden!"

Schon von jeher bildete der Rennsteig eine Scheide zwischen Volksstämmen und auch eine Scheide im geographischen Sinne. Ein urkundlicher Beleg ist bereits im Jahre 1330 nachweisbar: Ein in Schmalkalden ausgefertigter Kaufbrief erwähnt erstmals den "Rynnestig".

Im Mittelalter war der Rennsteig teilweise ein wichtiger Kurier- und Handelspfad (im östlichen Teil war er bis nach dem 30-jährigen Krieg völlig unbekannt). Daraus entwickelte sich schließlich einer der bekanntesten Fernwanderwege Europas mit geradezu fantastischen Ausblicken. Erklärt wird der Name mit "Rainweg", also Grenzweg. Gemeint war die alte Grenze zwischen Thüringen und Franken. In ihren Dialekten klingt sie immer noch nach: Thüringisch im Nordosten, Fränkisch im Südwesten. Geographisch markiert der Rennsteig die Wasserscheide zwischen Elbe, Rhein und Werra.

Volksfeststimmung begleitete die Wiedereröffnung des durchgehenden Rennsteigs. Blasmusik verabschiedete die Wanderer in Brennersgrün, ein Bierzelt bot in Steinbach am Wald Gelegenheit zur Mittagsrast.

Das THW verteilte Eintopf

Um die Mittagszeit - so sah es jedenfalls der Zeitplan vor - sollten die schnellsten Wanderer in Steinbach am Wald ankommen. Doch die ersten trafen viel früher ein. Bald waren die Sitzbänke auf dem Platz vor dem Schießhaus besetzt. Mit so großem Ansturm hatten die Veranstalter wohl nicht gerechnet. Rund 2000 Eintopf-Portionen verteilte das Technische Hilfswerk in Steinbach an die Wanderer. Fünf D-Mark kostete eine Kelle Gemüsesuppe mit Würstchen. Viele fanden weder im Freien noch im Zelt einen Platz und wanderten gleich nach Kleintettau zur Grenze weiter. Ein Westberliner Ehepaar überquerte die Grenze an der Schleifenwiese (Schildwiese) zuerst: "Wir kamen gerade, als die Grenzsoldaten den Zaun öffneten", erzählten sie.

Nach und nach trafen alle anderen Wanderer ein. Viele hatten sich unterwegs angeschlossen. Am Ende schätzte man die Teilnehmerzahl auf 4000. Der Lautsprecherwagen, den die Nationale Volksarmee bereitstellte, plärrte diesmal statt Hetzparolen Wanderlieder in die Gegend. "Mit dem heutigen Tag hat das grüne Herz inmitten Europas wieder richtig zu schlagen begonnen", sagte Landrat Werner Schnappauf bei der Enthüllung eines Rennsteigschildes am Grenzübergang.

Dem langjährigen Vorsitzenden des Rennsteigvereins, Julius Kober, galt eine kleine Feierstunde am Gedenkstein. Die Wanderer wurden dort von den Kronacher Jagdhornbläsern empfangen. Eine bedrückende Reminiszenz an die jüngste deutsche Vergangenheit bildeten auch die ehemaligen DDR-Grenzbefestigungsanlagen.

Ein sehr emotionaler Tag

Nach rund 20 Kilometern öffnete sich am Nachmittag zwischen Kleintettau und Spechtsbrunn das letzte bislang verschlossene Tor auf dem Rennsteig. Schnappauf verglich das Ereignis mit der Öffnung des Brandenburger Tores. Und für Kreisheimatpfleger Siegfried Scheidig aus Lauenstein war der 28. April 1990 ein sehr emotionaler Tag. Scheidig, zuständig für fränkisch-thüringische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Heimatpflege, wurde just an diesem Tag 36 Jahre alt. "Die Rennsteigöffnung war mein schönstes Geburtstagsgeschenk", gab er zu. Ans Feiern war nicht zu denken, denn Siegfried Scheidig dokumentierte mit seinem Fotoapparat alle historischen Schwerpunkte mit Akribie und Leidenschaft.