In der Sommerserie durchwandern die FT-Reporter den Landkreis von Süd nach Nord auf Nebenstraßen.Immer auf der Suche nach den Geschichten am Wegesrand. Würde der Fränkische Tag irgendwann die Wahl zum Lieblingsschild im Landkreis starten, ich hätte nun meinen Favoriten. Es steht am hinteren, der Straße abgewandten Ende des derzeit abgelassenen Ölschnitzsees und ist eigentlich ein Doppelschild in einer interessanten Konstellation. Auf dem oberen Schild sind ein schwarzer und ein weißer Hund zu sehen, die von einem roten Rand umgeben und von einem Strich durchkreuzt sind. Darunter ist ein Fahrradschild befestigt. Das Fahrrad radelt gen Boden, während ein Pfeil nach oben und einer nach unten zeigt.

Menschen lernen ihr Leben lang Codes und Zeichen zu verstehen. Vorfahrt achten wäre für einen Außerirdischen wahrscheinlich kein Grund anzuhalten. Genau so wenig wie das lateinische Alphabet sich von selbst erklärt. Die beiden Hunde, wahrscheinlich ein schwarzer Golden Retriever und ein weißer Cocker-Spaniel, sehen so aus, als würden sie tanzen. Ein Hundetanzverbot am Ölschnitzsee ergibt allerdings nicht einmal in Corona-Zeiten Sinn, glaube ich. Vielleicht will das Schild verbieten, dass sich schwarze und weiße Hunde am Freizeitsee treffen. Das ist nicht sonderlich hilfreich für die Rassismusdebatte, zumal Rassismus unter Tieren und in der Biologie bislang nur am Rande diskutiert wurde - und wenn dann von Menschen.

Auch Radler müssen sterben

Das Fahrrad wiederum ist relativ eindeutig eine Installation der Kirche, ein Vanitas-Symbol. "Gedenke Radler, du bist sterblich." Auch Radfahrer kommen nach unten oder oben, in den Himmel oder die Hölle, wenn sie sich an die oder eben nicht an die Regeln halten. Je nach Glaubenshaltung. Die Kombination aus beiden Schildern könnte also eine umfassende Diskussion über den Zustand der Welt und des Glaubens darstellen. Mein Vater, dem ich ein Foto von der Szene schicke, meint hingegen, in dem oberen Schild den "Tattner Rasselbock" zu erkennen, die nördlichere Variante des Wolpertingers. Etwas verwirrt laufe ich weiter.

Der Weg von Steinbach am Wald nach Kleintettau steckt voller versteckter Botschaften. Weil ich auf der 15,4 Kilometer langen Wanderung eh nicht auf Menschen treffe, mache ich mich also darüber, die Symbole zu entziffern. Wenn es einen Ort gibt, der eine ganz eigene Geheimsprache entwickelt hat, ist es der Wald. Die Kombination aus an diesem Tag recht düsteren Baumstämmen und den neonfarbenen Sprühzeichen ist mir schon lange ein Rätsel. Auf einem Baum steht ein "B", daneben sogar zwei. Ein diagonaler Strich auf der anderen Seite des Wegs. Kreise und "K". Die Stämme, die sich am Wegesrand türmen, kommen nicht nur mit einem Zeichen aus. Was steckt also dahinter? Gibt es eine universale Sprache des Waldes oder der Waldarbeiter?

Geheime Botschaften im Wald

Das frage ich meinen befreundeten Waldexperten Georg. Georg, den jeder als Schorsch kennt, antwortet auch in diesem Fall schnell. Das K steht für Käferbaum, der wird also bald fallen. Ein blauer Ring oder Punkt: der Baum hat Zukunft und wird auch so genannt. Zukunfts- oder Wertholzbäume. Er wird lange stehen, wenn er nicht K wird. Dafür müssen die Nachbarn des Zukunftsbaums verschwinden, verrät die Webseite der "Bayerischen Staatsforsten". Sie konkurrieren ums Licht. Ein diagonaler Strich mit oder ohne "R" steht für die Rückegassen, die zum Abtransport gefällter Bäume dienen. Es geht weiter und weiter mit dem Wald-Alphabet bis hin zu gelben Plastikbändern mit Nummern, die Schorsch als "Anstellplätze für die Drückjagd" erklärt.

Nur das "B" erklärt sich mir nicht. Ich dachte, das B steht für Borkenkäfer. Aber das ist ja schon vom K besetzt. Weil sich über dem B ein Pfeil biegt, gibt es schlussendlich auch dafür eine Lösung: Der abgekürzte Nachname des Waldbesitzers. Sein Privatbesitz ist damit markiert, sagt Schorsch. Achtung, Verwechslungsgefahr: Einige Markierungen sind auch Wanderwege, wie das "R" mit einer Zahl, auf dem ich mich bewege.

Erlerntes Wissen braucht der Wanderer schon zu Beginn seiner Tour. In Steinbach starren ihn eine Gruppe Holzfiguren von der Kirche her an. Die kannte ich schon, zum Teil. Als ich das letzte Mal vorbeigeradelt bin, hat Herr Steigerwald aus dem Schwarzwald hier im Frankenwald seinen Pinocchio geschnitzt, der jetzt um eine lange Nase gewachsen ist. Pinocchio kennt quasi jeder. Rechts daneben wird es schon schwieriger. Herr Steigerwald hat ja gesagt, dass man die Blaue Fee aus dem gleichen Märchen kennen müsse, um zu wissen, wer sie ist. Pinocchios Nase ist einprägsamer. Die Fee reckt ihre schmale Kleopatra-Nase verträumt in den Himmel. Die anderen Figuren kenne ich nicht, aber das ist nicht so schlimm. Ich kann so lange zurückstarren, dass ich, wie bei den Schildern, meine eigene Geschichte erfinde. Das ist auch der Sinn des Parks. Anhalten und herumrätseln zwischen Märchenwesen und abstrakteren Skulpturen.

Auf der Anhöhe bei Kehlbach wird erklärt und nicht gerätselt. Auf einem Panorama-Bild im Halbkreis sind die Bergspitzen bis hinter zum Ochsenkopf und Schneeberg eingezeichnet. Der Wind, der die dunklen Wolken vor der Sonne hin- und herschubst, macht den Anblick an diesen Tag zum Kontrastprogramm. Ich hätte durch Windheim laufen müssen, um den von Tief "Kirsten" geprägten Tag gerecht zu werden. Ein Tag, an dem bei Burggrub Bäume umfallen und weder weiße noch schwarze Hunde sich zum Tanz am Ölschnitzsee verabreden.