Aus bescheidensten Anfängen heraus werden mittlerweile in der Lebenshilfe Kronach rund 500 Menschen - vom Säugling bis ins hohe Alter - nachhaltig gefördert, betreut und unterstützt. Beim Festakt im Kreiskulturraum würdigten Festredner diese segensreiche Arbeit. Deren Bedeutung wurde vor allem in einer Gesprächsrunde mit Betroffenen deutlich. Durch den Abend führte Kassier Thomas Rauh.


Betroffene erzählen

Seit 1994 ist die Lebenshilfe Fadime Türker zur Heimat geworden. 2016 zog sie ins Horst-Frenzel-Haus, nachdem sie zuvor einige Zeit im Ambulant Unterstützten (Betreuten) Wohnen lebte. Im Wohnheim gefällt es ihr gut. Befragt nach ihren Wünschen, meinte sie, Kronach möge barriereärmer werden. Die Pflastersteine und steilen Anstiege machten ihr zu schaffen. Ihr größter Wunsch sei es, einmal wieder ohne Beschwerden laufen zu können.

Margit Altmanns körperlich und geistig behinderter Sohn lebt im neuen Wohnheim. "Es war ein Spießrutenlaufen", erinnerte sie sich an viele Krankenhaus- und Arztbesuche sowie Therapien. Viel Hilfe habe sie von ihrem Umfeld und der Familie erfahren. Es folgten der Besuch der Frühförderung und der Schulvorbereitenden Einrichtung der Lebenshilfe sowie im Anschluss einer Schule für Körperbehinderte. Seitdem ihr Sohn im neuen Wohnheim lebt, habe sie viel mehr Freiraum. "Ich weiß, dass er glücklich und zufrieden ist", meinte sei dankbar. Sie wünschte sich, dass abends mehr mit den Bewohnern unternommen würde.

"Am Anfang war es schwierig für mich, die Beeinträchtigung meines Sohnes zu akzeptieren", gestand Bianca Neubauer, Mutter eines siebenjährigen Frühförderkinds. In der Außenstelle in Steinbach am Wald werde ihr Sohn sehr gut in der Motorik gefördert. Sie wünschte sich, dass die Gesellschaft weniger in Schubladen denke.


Taten statt Lippenbekenntnisse

Die Herzlichkeit der großen Lebenshilfe-Familie würdigte Tanja Flake, Mutter einer Schülerin der Petra-Döring-Schule. In der Schule und Heilpädagogischen Tagesstätte erfahre ihre Tochter eine Superbetreuung. Ihr größter Wunsch ist ein möglichst selbstbestimmtes Leben ihrer Tochter und dass diese nie ihren "superstarken Willen" verliere.

Teilnehmer der zweiten Gesprächsrunde waren Landrat Klaus Löffler, Kronachs Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein, Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz, Bezirkstagspräsident Günther Denzler und Cornelia Thron als Vertreterin der Kronacher Wohlfahrtsverbände und sozialen Einrichtungen. Der Landrat mahnte an, nicht nur über Zahlen und Haushaltspläne zu diskutieren, sondern über Menschen. Gefragt seien Taten, nicht Lippenbekenntnisse. Bei allen neuen Baumaßnahmen des Landkreises achte man auf Barrierefreiheit. Deren Wichtigkeit bestätigte Beiergrößlein.

Löffler bat aber auch um Verständnis für seine aufgrund der Haushaltskonsolidierung erfolgte strikte Sparpolitik. Aufgrund der nunmehr verbesserten Finanzlage könne man jetzt Maßnahmen nach ihrer Priorität angehen. Dabei versuche man, die Barrierefreiheit so weit wie möglich umzusetzen.


Starker Arbeitgeber in Oberfranken

"In Oberfranken entwickelt sich viel Positives", verwies Piwernetz auf die Fördermöglichkeiten. "Das oberste Ziel sind passgenaue Angebote für eine möglichst selbstbewusste Lebensführung", betonte Denzler. Der Bezirk sei hierfür der Kostenträger. Thron würdigte die gute Zusammenarbeit der Wohlfahrtsverbände und sozialen Einrichtungen. Mit insgesamt über 2300 hauptberuflichen Mitarbeitern im Landkreis Kronach sei man ein starker Arbeitgeber, der manchmal etwas lauter auftreten solle.

Die vielen Gäste - insbesondere der großen Lebenshilfe-Familie wie auch Kooperationspartner sowie Vertreter von Politik und Kirche - waren eingangs von der Lebenshilfe-Vorsitzenden Ulrike von Prince willkommen geheißen. Ein großes Kompliment zollte Norbert Heppt als Bewohner des Horst-Frenzel- Hauses allen Mitarbeitern: "Die Lebenshilfe bietet uns Heimat. Alle Betreuer sind so etwas wie Freunde".


Tanz und Musik

Für die Umrahmung sorgen die "Kids vom Ring", die Tanzgruppe der Heilpädagogischen Tagesstätte, die Schulband der Petra-Döring-Schule sowie die Band der Lebenshilfe-Wohnheime. Beim abschließenden Geburtstagslied sangen alle Gäste mit. Aus einer Geburtstagskanone "knallten" bunte Luftschlangen.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Vorsitzende des Lebenshilfe Landesverbandes Bayern, hielt ein flammendes Plädoyer für die Würde von Menschen mit Behinderung. Nach der Ausrottung "unwerten Lebens" durch die Nazis, hätten Menschen wie Renate und Manfred Döring diese zurück in die Gesellschaft geholt. "Es kommt darauf an, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung ein Stück weit zu verbessern", betonte Stamm und verwies auf das Bundesteilhabegesetz.


"Jeder Mensch ist besonders"

Die Würde des Menschen müsse stets im Mittelpunkt stehen, nicht die Kosten. "Jeder Mensch ist besonders, gleich wertvoll und von Gott so gewollt", appellierte sie. Trotz vieler vorhandener Möglichkeiten wisse sie, dass Betroffene beim Medizinischen Dienst oftmals um einfachste Dinge ringen müssten. "Nehmen wir die Menschen an der Hand und denken wir immer dran, wie wir es selbst haben möchten".

Größten Respekt zollte Stamm allen Lebenshilfe-Mitarbeitern. Ihr Einsatz koste Kraft, aber werde belohnt mit Liebe und Dankbarkeit. "Wenn es die Lebenshilfe nicht geben würde, müsste man sie erfinden", resümierte sie.


Der Blick zurück

Die Ehrenvorstandmitglieder Wolfgang Eckert-Hetzel und Helmut Richter sowie Geschäftsführer Wolfgang Palm gingen auf die Anfänge und Entwicklung der Lebenshilfe Kronach ein. 1958 gründete Tom Mutters in Marburg demnach die Lebenshilfe als Elternvereinigung von Menschen mit geistiger Behinderung. Erste Vereine entstanden auch in Kronach herum. Davon erfuhren Renate und Manfred Döring, die Fördermöglichkeiten für ihre 1964 geborene Tochter Petra suchten. Bis 1967 galt diese - wie alle Kinder mit geistiger Behinderung - als bildungsunfähig. Erst ab 1967 wurde die Schulpflicht in Bayern für diesen Personenkreis eingeführt. Die Gründerin und langjährige 1. Vorsitzende organisierte eine Zusammenkunft betroffener Eltern. Die zweite Einladung führte zur Vereinsgründung am 2. Februar 1968 mit dem Gründungsvorsitzenden Manfred Döring.

1969 nahm die Tagesstätte ihre Arbeit mit sechs Kindern im Schullandheim an der Hammermühle auf. Mit einem vom Lions Club Kronach gespendeten VW-Bus holte man die Kinder ab und brachte sie heim. 1971 zog die Lebenshilfe in die Kreishandwerkerschaft. Es konnten mehr Gruppen eingerichtet werden und man erhielt die Anerkennung zur Privaten Sonderschule für Kinder mit einer geistigen Behinderung. 1972 wurde der Sonderpädagoge und spätere Schulrektor Helmut Richter durch die Regierung von Oberfranken der Schule zugeteilt. Im Sommer 1979 zog die Lebenshilfe mit ihren Einrichtungen Schule, Schulvorbereitende Einrichtung und Tagesstätte in einen Gebäudeteil des Kronacher Schulzentrums. Für die Finanzierung waren Eigenmittel gesammelt worden.


Das Wachstum

Im Laufe der Jahrzehnte konnte das Angebot um weitere Fachbereiche erweitert werden - so um die Frühförderstelle, das "Ambulant Unterstützte (Betreute) Wohnen", den Familienentlastenden Dienst - heute "Offene Hilfen" - und die beiden Wohnheime. Seit 2010 verfügt der Verein über eine eigene Beratungsstelle sowie seit 2012 über eine Außenstelle der Frühförderstelle in Steinbach am Wald.

Nach Renate Dörings Tod wurde am 19. November 2015 Ulrike von Prince zur Vorsitzenden gewählt. Von 1990 bis 2017 entwickelte sich die Bilanzsumme von 3,4 Millionen Euro auf 8,2 Millionen Euro, während sich die Zahl der Beschäftigten von 108 auf aktuell 183 erhöhte. Geschäftsführer ist seit 1996 Wolfgang Palm.

Der Wunsch des stellvertretenden Vorsitzendem Christian Behner für 2050 wäre eine volle Integration von Menschen mit Behinderung. Die Haltung der Bevölkerung müsse sich weiterentwickeln, um alle Menschen so anzunehmen wie sie sind. Dringend notwendig sei bezahlbarer barrierefreier Wohnraum, wofür er die Kommunen in die Pflicht nahm Für die Lebenshilfe steht konkret der Umbau des Horst-Frenzel-Hauses an, um die gesetzlichen Auflagen zu erfüllen.


Die Auszeichnungen

Ehrungen gab es für die Mitstreiter der ersten Stunde. Die Stadt Wallenfels ist die einzige Stadt/Gemeinde im Landkreis, die Mitglied der Lebenshilfe Kronach ist - und dies seit Beginn. Dritter Bürgermeister Andreas Buckreus durfte dafür eine Auszeichnung entgegennehmen. Wolfgang Eckert-Hetzel (Kronach) war als Geschäftsführer des Caritasverbandes Kronach erste Anlaufstation für Renate Döring. Bis heute ist er eng der Lebenshilfe verbunden und war auch vier Jahrzehnte lang Zweiter Vorsitzender. Heinrich Fischer-Weiß (Kronach) ist der Bruder von Georg Fischer-Weiß, der lange im Horst-Frenzel-Haus lebte, jedoch 2017 verstarb. Der zu Ehrende war oft maßgebend an Spendenaktionen zu Gunsten der Lebenshilfe in seinem Heimatort Dörfles beteiligt. Stellvertretend für Anni Mannhardt (ehemals Friedersdorf, jetzt in einem Seniorenhaus lebend) nahm ihre Tochter Rita Löffler die Ehrung entgegennehmen. Ebenfalls nicht anwesend sein konnten Anni Boxdörfer (Kronach), Anni Simon (Steinwiesen) und Monika Wohlrath (Weißenbrunn).

hs Bilder: 1, 6: Die "Kids vom Ring" sorgten für Stimmung. (Bei 6 mit im Bild ist rechts die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm). 2: Die Tanzgruppe der Heilpädagogischen Tagesstätte tanzte zum Lied "Good luck, happy birthday". 3: (von links) Tanja Flake, Bianca Neubauer und (ab zweite von rechts) Margit Altmann und Fadime Türker stellten sich den Fragen von Thomas Rauh (Mitte). 4: (von links) Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz und Bezirkstagspräsident Dr. Günther Denzler sowie (ab dritte von rechts) Caritas-Kreisvorsitzende Cornelia Thron, Landrat Klaus Löffler und Kronachs Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein stellten sich den Fragen von Thomas Rauh (vierter von rechts). 5: "Kalla Knufffel meets Marilyn Monroe" mit den "Kids vom Ring". 7, 8: Die Band der Lebenshilfe sang "Gut, wieder hier zu sein". 9: Die Lebenshilfe ehrt Mitglieder der ersten Stunde: 3. Bürgermeister Andreas Buckreus, stellvertretend für die Stadt Wallenfels (links) sowie (ab fünfter von rechts) Wolfgang Eckert-Hetzel, Rita Löffler stellvertretend für Anni Mannhardt und Heinrich Fischer-Weiß. 10: Beim abschließenden Geburtstagslied knallten Geburtstagsraketen.