Als am 30. März 1968 die Kumpels der Stockheimer Zeche "St. Katharina" zum letzten Mal aus 320 Meter Tiefe das "schwarze Gold" ans Tageslicht beförderten, endete eine über 400-jährige Bergbautradition im Haßlachtal. Das Steinkohlenrevier Stockheim-Neuhaus-Reitsch hörte endgültig auf zu existieren.

Seit 1582 förderten teilweise bis zu 1000 Knappen in fast 20 Schachtanlagen rund 120 Millionen Zentner Kohle. Der jahrelange Nervenkrieg um die Einstellung der Förderung ließ in jenen Tagen wenig Freude aufkommen. Schließlich ging es um die berufliche Zukunft der Bergleute. Ein Hauch von Melancholie lag über dem Werksgelände, als der letzte mit Kohle beladene Hunt mit einer Girlande geschmückt ans Tageslicht kam.


So manche Träne floss


Hartgesottene Bergleute schämten sich nicht ihrer Tränen. Denn schließlich hatten sie einen besonderen Bezug zu dieser gefährlichen Arbeit unter Tage, die in den vergangenen Jahrhunderten 99 Kumpel das Leben gekostet hatte.

Der Frankenwald - einst eine bekannte Bergbauregion - wurde um eine Rarität ärmer; wertvolle Arbeitsplätze gingen verloren. Zuletzt hatten nur noch 52 Bergleute die "brennenden Steine" gefördert. Für 32 von ihnen war der 30. März 1968 der letzte Arbeitstag. 20 Knappen wurden noch geraume Zeit mit den umfangreichen Stilllegungsarbeiten beschäftigt. 17 Jahre vorher waren noch an die 500 Männer in den Schacht eingefahren.


Dramatische Monate


Fast vergessen sind heute diese dramatischen Monate, die manche Enttäuschung mit sich brachten. Es waren keineswegs Absatzsorgen, die zur Stilllegung zwangen. Im Gegensatz zu Ruhrgebiet und Saarland lag in Stockheim keine einzige Tonne Kohle auf Halde. Was der Bergbau-Gesellschaft das Rückgrat brach, war das Fehlen entsprechenden Kapitals. Nur durch eine umfassende Modernisierung hätte das Bergwerk eine echte Überlebenschance gehabt.

Für die bayerische Staatskasse bedeutete die Steinkohlenzeche im nördlichsten Zipfel Bayerns schon lange ein Fass ohne Boden. Jahr für Jahr waren Subventionen erforderlich, um den Betrieb in unmittelbarer Zonengrenznähe am Leben zu erhalten. Zur Zeit der Stilllegung floss das Öl reichlich, fast zu reichlich, und es war spottbillig. Der Liter kostete damals lediglich sieben bis acht Pfennige.


Riesiger Wassereinbruch


Der Gedanke einer Zechenschließung war bereits viel früher aufgetaucht. Als 1964 ein Wassereinbruch drei Viertel der Abbauzone überflutete, fehlte es an Geld, um die Schäden zu beheben. Das Wirtschaftsministerium war nicht bereit, dem kapitalschwachen Unternehmen auszuhelfen. Die Gesellschaft beantragte die Stilllegung des Werkes - der Rationalisierungsverband des deutschen Bergbaues Essen stimmte zu und nannte als Stilllegungstermin den 30. April 1965.

Doch die angespannte Haushaltslage des Bundes verhinderte die Auszahlung der Stilllegungsprämie. Schließlich verschlangen die seinerzeitigen Bergwerksschließungen im Ruhrgebiet Unsummen für sozialverträgliche Abfindungen. Neuer Optimismus keimte auf. Schon nach wenigen Monaten konnte der neue Betriebsleiter Rudolf Roßmann berichten, dass die Zeche auf dem besten Wege sei, aus den roten Zahlen herauszukommen. Die Förderleistungen konnten erheblich gesteigert werden. Doch die beste Arbeitsmoral ist für die Katz, wenn die nötigen Mittel für eine Modernisierung fehlen.


Ein zweites Mal verschoben


Zum zweiten Mal sollten sich am 31. August 1966 die Zechentore für immer schließen. Das Todesurteil für die kleine Grube wurde nochmals vertagt. Aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen verschob der Rationalisierungsverband Essen die Schließung um ein weiteres Jahr.

Die Politiker unternahmen alles, um für die Entlassenen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Es gelang unter großem Finanzaufwand, den Zweigbetrieb der Metallbaufirma Kunze KG aus Nürnberg in Bahnnähe anzusiedeln. Die teuere Investition - es wurde sogar ein Anschlussgleis gebaut - erwies sich aufgrund von Managementfehlern als ein Flop. Nach kurzer Dauer schloss der Betrieb, der Stockheim mit einem ohrenbetäubenden Lärm eingedeckt hatte.


Verheerender Brand


Das Schicksal meinte es mit der Bergwerksanlage ebenfalls nicht gut. Am 8. Juni 1974 brach ein Brand aus; die Hängebank mit der Verladeanlage wurde bis auf die Grundmauern eingeäschert. Die enorme Hitzeentwicklung zog den 30 Meter hohen Stahlförderturm ebenfalls in Mitleidenschaft. Im Rahmen der laufenden Liquidation musste eine Lösung gefunden werden. Auch das Stockheimer Gemeindeparlament wurde mit dieser neuen Situation konfrontiert. In zwei Sitzungen standen eine Übernahme der Bergwerksanlagen sowie die Instandsetzung des Förderturms zur Debatte. Die Konservierungsarbeiten hätten in etwa 18 000 D-Mark verschlungen. Am 11. Juli 1975 kamen die Kommunalpolitiker dahingehend überein, die Bergbaugesellschaft Stockheim zu bitten, den Förderturm der Gemeinde in konservierter Form zu übereignen. Für den laufenden Unterhalt werde dann die Kommune aufkommen.

Dieser einstimmige Beschluss löste allerdings eine "Blitzaktion" aus, denn nur wenige Stunden nach der Sitzung erteilte der enttäuschte Bergbau-Ingenieur Rudolf Roßmann einer Weißenbrunner Metallverwertungsfirma den Auftrag, die Demontage des Förderturms unverzüglich durchzuführen.
Und so geschah es: Innerhalb von fünf Stunden war unter Ausschluss der Öffentlichkeit der 30 Meter hohe stählerne Riese zu Fall gebracht. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen erfolgte der historische Schlussakt. Das Stockheimer Wahrzeichen war Geschichte geworden.