Der Groschen fiel erst, als Ralf Fischer* ganz unten angekommen war. Der Job: weg. Die Wohnung: gekündigt. Soziale Kontakte: null. "Ich habe in einem Pensionszimmer gewohnt, das vom Amt bezahlt wurde, und war jeden Tag sternhagelvoll", erinnert sich der Mittvierziger aus dem Kreis Kronach an den Tiefpunkt seiner Sucht im Jahr 2018 zurück.

Fast drei Jahrzehnte exzessiver Alkoholkonsum hatten da schon lange Spuren hinterlassen. Wassereinlagerungen, eine geschädigte Leber, mehrere Alkoholvergiftungen. Sein Körper gab Warnsignale, doch Ralf Fischer ignorierte sie hartnäckig. "Während meiner Klinikaufenthalte haben mir die Ärzte nahegelegt, mir Hilfe zu suchen. Aber ich wollte nicht wahrhaben, dass ich ein Suchtproblem habe. Ich dachte, ich schaffe das alleine." Zuletzt habe auch seine Mutter vergeblich versucht, ihn zu einem Entzug zu bewegen.

Doch dann kam der Tag, an dem er in diesem Pensionszimmer saß, mit seinem einzigen Freund, der ihm noch geblieben war: der Schnapsflasche. Und allmählich dämmerte Ralf Fischer, was ihm dieser Freund alles genommen hatte.

Der Tag wurde zum Wendepunkt im Leben des alleinstehenden Mannes. Von da an ging alles ganz schnell: Entgiftung, anschließend Entwöhnung. Zu dieser Zeit im Mai 2019 trat Stephan Marx in sein Leben. "Als er sich bei uns gemeldet hatte, war er wirklich ganz unten. Die Situation war lebensbedrohlich", berichtet der Sozialpädagoge, der seit zweieinhalb Jahren für die Kronacher Außenstelle des Blauen Kreuzes arbeitet. "Hätte er damals so weitergemacht, hätte das Ganze kein gutes Ende genommen."

Etwa 70 Klienten wurden im Blaukreuz-Zentrum Kronach/Coburg/ Lichtenfels im vergangenen Jahr betreut. Die "Erfolgsquote" liegt bei 30 Prozent. "Wobei immer die Frage ist, wie man den Erfolg misst", gibt Stephan Marx zu bedenken. Manche bekommen ihre Sucht so weit in den Griff, dass sie wieder alleine leben können. Andere finden wieder Arbeit. Und ein paar wenige schwören dem Teufel Alkohol oder den Drogen tatsächlich ab. Doch, das bestätigen beide: Viele verlieren den Kampf gegen ihre Sucht. "Wir können nur denjenigen helfen, die wirklich wollen, sie begleiten und unterstützen. Den Kampf müssen sie selbst führen."

Freunde wenden sich ab

Ralf Fischer ist einer dieser wenigen. "Was ihn von vielen anderen unterscheidet, ist sein starker Wille", ist sich Stephan Marx sicher. Inzwischen kann sein Klient im Supermarkt durch die Spirituosenabteilung gehen, ohne den Drang zu verspüren, zur Flasche zu greifen. Was für viele Menschen vielleicht nicht besonders erwähnenswert klingt, ist für trockene Alkoholiker ein großer Erfolg.

"Es geht um kleine Schritte, die Stück für Stück wieder Stabilität ins Leben bringen", weiß der Sozialpädagoge, dessen Aufgabe darin besteht, bei diesen Schritten zu helfen. "Das Wichtigste ist, den Tagesablauf neu zu strukturieren."

Bei ihren Klienten habe sich schließlich zuletzt alles nur noch um die Sucht gedreht. "Die Interessen werden immer weniger. Hobbys werden aufgegeben, die alten Freunde und die Familie wenden sich ab." Häufig blieben nur noch sogenannte Konsumfreundschaften, also Kontakte zu anderen Abhängigen. "Das sind keine richtigen Freundschaften, was die Klienten aber häufig erst später merken."

Häufig erleben die Mitarbeiter des Blauen Kreuzes hautnah mit, wie alte Beziehungen wieder aufgenommen werden. Neulich wurde Ralf Fischer von einer Freundin begleitet. "Wir kennen uns schon sehr lange, doch irgendwann brach der Kontakt ab", schildert er. Die Freundin habe ihm erzählt, dass sie ihn manchmal in der Stadt getroffen hätte, doch da sei er kaum mehr ansprechbar gewesen. "Ich konnte mich an diese Begegnungen gar nicht mehr erinnern." Inzwischen habe er wieder Kontakt zu einigen seiner alten Freunde.

Genauso wichtig wie gesunde soziale Beziehungen und eine feste Alltagsstruktur ist die Suche nach der Ursache für den Alkoholmissbrauch. In vielen persönlichen Gesprächen mit dem Blauen Kreuz hat Ralf Fischer herausgefunden, dass der Ursprung seiner Sucht bereits in seiner Kindheit liegt. Eigentlich sei seine Familie ganz normal gewesen, erzählt er. Vater und Mutter waren beide arbeiten, darum hat Ralf Fischer viel Zeit bei seiner Oma verbracht. Sein Vater habe jedoch getrunken.

Es habe immer ein Bierkasten offen im Keller gestanden - einen zweiten habe der Vater jedoch in seiner Werkstatt versteckt. "Er hat heimlich getrunken, aber ich habe das trotzdem mitbekommen."

Vielleicht sei Ralf Fischer deshalb etwas zu leichtsinnig mit dem Thema Alkohol umgegangen, als seine Clique anfing, Bier zu trinken. "Am Anfang habe ich einfach mitgetrunken, weil ich dazugehören wollte", erinnert er sich. Doch schnell seien aus einem Bier mehrere geworden. "Das Trinken hat sich gehäuft und ich bin allmählich in die Sucht gerutscht, ohne es zu merken."

Ein gefährlicher Teufelskreis

Einmal in dieser Spirale gefangen, geht es nur noch bergab: Die Betroffenen fliehen durch das Trinken vor ihren Problemen. "Doch tatsächlich werden diese dadurch nur größer, weil die Probleme nicht mehr angegangen werden und alles immer egaler wird. Je tiefer jemand in die Alkoholsucht abrutscht, desto mehr trinkt er, um das Elend nicht mehr zu sehen", weiß Michael Köhn. Den Teufelskreis zu durchbrechen, sei eine große Hürde, die nur die Wenigsten alleine nehmen können.

Es sind diese seltenen Erfolgsgeschichten, für die Michael Köhn und Stephan Marx ihren Job lieben. Ralf Fischer hat mit ihrer Hilfe noch einmal die Kurve gekriegt und baut sich nun Stück für Stück ein neues Leben auf.

Hätte er damals gewusst, was er heute weiß: Ralf Fischer hätte sich vieles erspart. "Ich kann nur jedem raten, auf die Signale zu achten und sein eigenes Limit zu kennen."

Gerade junge Menschen sollten sich nicht von Freunden unter Druck setzen lassen und lernen, ,Nein‘ zu sagen. Denn, wie seine Geschichte zeigt: Manchmal hat der Rausch weitreichendere Konsequenzen als nur einen schlimmen Kater. * Name wurde von der Redaktion geändert

Der Rausch liegt bei den Jugendlichen weiter im Trend

Alkohol ist und bleibt bei den Kindern und Jugendlichen im Kreis Kronach beliebt. Die Zahlen des Bayerischen Statistischen Landesamtes besagen: Die Zahl alkoholbedingter Klinikaufenthalte bei Unter-18-Jährigen ist 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 31 Prozent gestiegen. 38 Minderjährige landeten mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus.

"Viele Jugendliche überschätzen sich und glauben, Alkohol gehöre zum Feiern und Spaßhaben dazu", erklärt Volker Seifarth von der DAK in Kronach. "Außerdem - das wissen die Mitarbeiter des Blauen Kreuzes durch ihre langjährige Arbeit mit den Klienten: "Oft ist der Alkohol der Einstieg in andere Abhängigkeiten." Drogen seien nach wie vor ein Thema. In den letzten Jahren hat sich auch das Experimentieren mit dem Schmerzmittel Tilidin unter Heranwachsenden verbreitet. "So etwas spricht sich unter Jugendlichen schnell herum", berichtet Michael Köhn vom Kronacher Blauen Kreuz.

Mit der Blu-App vom Blauen Kreuz, die kostenlos aufs Handy geladen werden kann, können sich Jugendliche anonym über Alkohol, Drogen und andere Suchtmittel bei einer Fachkraft informieren.

Das Blaue Kreuz

Das Blaue Kreuz gibt es in Deutschland an insgesamt 400 Standorten - dank einer Anschubhilfe der Aktion Mensch seit vier Jahren auch im Steinmühlgäßchen in Kronach als Außenstelle des Coburger Blaukreuz-Zentrums. Neben Alkoholabhängigen werden auch Suchtmittelerkrankte von Medikamenten und Drogen, wie Cannabis, Heroin, Crystal oder sogenannten Legal Highs betreut.

Das Büro nutzen Sozialpädagoge Stephan Marx und Einrichtungsleiter Michael Köhn jedoch fast ausschließlich für den Papierkram. "Das Besondere an unserer Arbeit ist, dass wir die Möglichkeit haben, viel draußen zu sein und aktiv mit unseren Klienten zu arbeiten."

Oft finden die Besuche bei den Klienten zuhause statt, denn die Kronacher Außenstelle bietet für Abhängige betreutes Wohnen an. Außerdem übernehmen die Mitarbeiter die Nachsorge im Anschluss an stationäre Rehabilitationsmaßnahmen. Sie unterstützen bei Behördengängen, Problemen mit dem Vermieter oder dem Arbeitgeber. "Zuerst müssen wir ein Vertrauensverhältnis zu unseren Klienten aufbauen. Oft haben sie niemandem mehr, auf den sie bauen können", weiß Stephan Marx. Doch das Wichtigste sei die Rückfallprophylaxe, denn Stressauslöser stellen die größte Gefahr dar, wieder rückfällig zu werden.

Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung erkennen die Sozialpädagogen Risiken schon vor ihren Klienten und können dem Rückfall rechtzeitig vorbeugen. "Es gibt positiven Stress, den der Klient bewältigen kann und negativen, von dem er sich abgrenzen muss."

Mithilfe der Betreuer sollen die Klienten mittelfristig in der Lage sein, wieder Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen - ein Patentrezept gibt es nicht. "Jeder Fall ist einzigartig und genauso individuell ist die Begleitung."

Wie lange und für wie viele Stunden pro Woche jemand betreut wird, hängt von der persönlichen Entwicklung und seinem Bedarf ab. Der Bezirk Oberfranken prüft den Antrag und übernimmt die Kosten bei Bedarf.

Inzwischen bietet die Kronacher Stelle jeden ersten Montag im Monat von 14 bis 18 Uhr eine Sprechstunde im Beratungshaus Steinbach am Wald an. Die Mitarbeiter sind per E-Mail unter abw.kronach@blaues-kreuz.de oder unter der Telefonnummer 09261/9637093 zu erreichen.