Deutschland ist kein Land wie irgendein anderes. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich werden hier in Sachen Toleranz, Offenheit und Solidarität neue Maßstäbe gesetzt. Die Deutschen haben vieles überwunden und konnten mehrfach unter Beweis stellen, dass man alles erreichen kann, wenn man es gemeinsam versucht. Das "Deutsch sein" hat heute nichts mehr mit einer Herkunft zu tun. Vielmehr mit einem sozial eingebundenen Solidaritätsgefühl. Werte von denen andere Länder sich durchaus eine Scheibe abschneiden könnten.  Eigentlich Grund genug, durchaus patriotisch hinter Deutschland zu stehen - aber genau hier beginnt auch schon die Problematik. Denn: Darf ein Deutscher ein Patriot sein? 

Wenn ein Deutscher sagt: "Ich liebe Deutschland!", werden die Ohren bereits spitz. Denn das ist für viele schon ganz dünnes Eis. Ein großes Problem, dass auf der einen Seite für Erschütterung sorgt, auf der anderen aber auf Bestätigung stößt - und das, obwohl an der eigentlichen Aussage nichts Falsches ist.  Viele Menschen haben vergessen, dass Nationalismus und Patriotismus nicht dasselbe sind, denn auch wenn irgendwo in der dunklen Abstellkammer des Bewusstseins eine Grundvorstellung vorhanden ist, was die Unterschiede eigentlich waren, ist den meisten das nicht mehr ganz klar. 

Patriotismus ist nicht automatisch etwas Schlechtes

Dem Kommentator ist bewusst, dass allein der Versuch, jemandem die Unterschiede zu erklären, bereits einem Balanceakt auf dem Drahtseil gleicht. Denn auch wenn man versucht zu verdeutlichen, dass nur weil man einen Zusammenhang versteht, man diesen nicht automatisch vertreten muss, wird es immer Menschen geben, die nur bis hierhin lesen.   Um das zu veranschaulichen, muss man vorweg verstehen, dass Patriotismus und Nationalismus sich beide zwar auf dasselbe beziehen, sie eigentlich aber ganz unterschiedliche Dinge meinen.  Der lokale Nationalismus oder das nationalistische Denken ist eine Einstellung, die es in jedem Land schon immer gegeben hat und die es vermutlich auch immer geben wird. Egal von welchem man spricht. Ob sich das nun unter Slogans wie „Make America great again“ oder dem Bezug auf das „Zusammenführen der Arbeiterklasse“ verbirgt, spielt keine Rolle. Nationalismus ist ein Übel, das nicht auszurotten ist. Und mit dem man sich arrangieren muss. Ob man will oder nicht. 

Patriotismus dagegen beschreibt sich selbst als „die Liebe zum Vaterland“. Eine Aussage und Ansicht, die vieles umschließen kann. Kulinarisch, gesellschaftlich oder kulturell - Patriotismus schließt das alles mit ein. Was der Begriff dagegen nicht kann, ist Grenzen ziehen - Grenzen zwischen Menschen,  Ländern oder Religionen. Und genau das ist der springende Punkt: Patriotismus umschließt nicht den Begriff „Herkunft“, sondern das, wofür ein Land insgesamt steht. Er umfasst vielmehr, als dass er irgendetwas aussortiert. Er wandelt sich mit der Zeit und formt sich immer neu. Denn das, was er meint - die Heimat - ist unter ihm kein beständiger Sachverhalt, sondern eine Summe an Dingen, die ihn widerspiegeln. Ein Land - mit allem was darin ist. Mit all den Menschen und all den Fehlern. Mit all den Vielfältigkeiten und all den Konflikten. Heimatbezogene Liebe kann verglichen werden, mit dem Gefühl, dass man hat, wenn man als Kind nach einem verregneten Schultag nach Hause kommt. Wenn es dann warmes Mittagessen gibt und man sich einfach geborgen und wohlfühlt.

In so einer Situation würde man dann auch nicht seinen Banknachbarn anrufen und ihm vorhalten, dass es in den eigenen vier Wänden schöner ist, als in den seinen - nein - Man akzeptiert die Gesamtsituation und schätzt das, was man hat. Und selbst wenn man wüsste, dass die vier Wände des Banknachbarn schöner sind, würden einem die eigenen trotzdem besser gefallen - weil es die eigenen sind. Weil man diese Wände kennt und man sich nirgendwo mehr zu Hause fühlt als hier.

Der Begriff „Nationalstolz“ wird seltsamerweise auch immer wieder mit Patriotismus in Verbindung gebracht. Dieser ist jedoch ebenfalls klar davon abzugrenzen: Denn „Stolz“ assoziiert immer eine Höherstellung der eigenen Person über eine andere. „Stolz“, laut Definition auch „in seinem Selbstbewusstsein überheblich oder abweisend", hat nichts mit Liebe zu tun. Genau wie andersherum die „Liebe“ (zum Vaterland) überhaupt nichts damit zu tun hat, sich über jemanden zu stellen. Jeder Mensch der sich entscheidet, ein Teil eines Landes zu werden, wird die Liebe zum Vaterland erfahren. „Nationalstolz“ ist demnach lediglich der kleine Bruder des „Nationalismus“ und nur weil er sich besser anhört, ist er nicht weniger gefährlich. 

Nationalstolz und Patriotismus sind nicht das Gleiche

Nun zu der Frage, ob die Deutschen noch Patrioten sein dürfen - ja, selbstverständlich. Man muss sich allerdings vor Augen führen, dass das, was Deutschland heute darstellt, viel mehr ist als eine Gebietseingrenzung. Auch wenn man nicht immer zurückblicken sollte, hat das Deutsche Volk aus historischen Gründen (Stichwort Zweiter Weltkrieg) eine Verantwortung zu tragen. Eine Nachricht für die gesamte Welt und eine Vorbildfunktion. Rein aus diesen Gründen gibt es keine Rechtfertigung für ein deutsches nationalistisches Denken. Andererseits muss man fairerweise aber auch sagen, dass eine Meinung, die einem nicht passt, immer noch eine Meinung ist. Und jede Meinung verdient es, gehört zu werden. 

Deutschland hat seinen Platz in der Welt gefunden und niemand streitet das ab. Und zu Recht macht dieses Land die Arme auf für jeden der Hilfe braucht und ist für Schutzsuchende ein sicherer Hafen. Denn nur gemeinsam können wir Großes erreichen. Das „Deutsch sein“ kennt somit weder Herkunft noch Religion. Letztendlich ist es auch genau diese Einstellung, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Es ist das, was wir unseren Kindern erzählen. Denn ihre Welt wird die sein, die wir heute formen.

Hinweis: Es handelt sich beim vorliegenden Beitrag um einen Kommentar. Ein Kommentar spiegelt immer eine Einzelmeinung wider - nicht notwendigerweise die Meinung der gesamten Redaktion.