Bereits im vergangenen Jahr gab es eine Petition gegen das “Donaulied”, ein Volkslied, in dem eine Vergewaltigung besungen wird. Nun haben Erlanger Stadträte auf Initiative der Grünen gefordert, dieses Lied von Volksfesten und Kirchweihen zu verbannen.  

Ich muss gestehen, dass ich beim Schreiben dieses Kommentars einige Minuten vor leeren Zeilen saß und mich gefragt habe, was man dazu überhaupt schreiben soll. Wie kann es sein, dass wir überhaupt darüber diskutieren, ob man nun ein Lied, in dem es um eine Vergewaltigung geht, singen soll oder nicht? Ein Blick auf das Datum: Ja, wir haben das Jahr 2021. Wir haben Jahrzehnte der Diskussion hinter uns, in denen es zunächst darum ging, ob sich Menschen – vor allem Frauen - überhaupt wehren dürfen und ob es in bestimmten Kontexten wie der Ehe so etwas wie eine Vergewaltigung gibt. Seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Seit einigen Jahren diskutieren wir über Änderungen im Strafrecht, was die Konsensualität von Sex angeht. Wann besteht Konsens über Geschlechtsverkehr?  

Warum sollte man ein Vergewaltigungslied verteidigen?

Und dann müssen wir wirklich noch nachdenken, ob ein Lied gesungen werden soll, in dem das lyrische Ich über eine schlafende Frau herfällt? Aus diesem Grund fällt es beinahe schon schwer, Argumente zu finden, die dafür sprechen, dieses grauenhafte Lied nie mehr zu singen. Denn: Es liegt doch eigentlich auf der Hand und sollte als selbstverständlich gelten, Vergewaltigung nicht auch noch zu besingen und sich grölend betrunken darüber zu belustigen.  

Was sind die Gründe, die genannt werden, um das “Donaulied” zu verteidigen? Zunächst wird häufig das Wort “Tradition” in den Ring geworfen, als wäre dies für sich genommen schon ein Argument. “Das war schon immer so” und “Das habe ich schon immer gemacht” sind aber nun mal keine Gründe, etwas zu tun. Leider gibt es viele Angewohnheiten und – ja – Traditionen, die wir aus gutem Grund auf dem Friedhof des Vergessens begraben. Verhalten zu hinterfragen und zu ändern, nennt man Weiterentwicklung und Fortschritt. In Mitteleuropa war es jahrhundertelang Tradition, Menschen öffentlich hinzurichten. Das Ganze hatte Volksfestcharakter und war sicher auch beliebt bei vielen Menschen. Es gab aber genug Gründe, dies nicht mehr zu tun, allen voran Menschlichkeit und Vernunft.  

Verwirrend ist auch, dass das Festhalten am “Donaulied” bei den Befürwortern des betrunkenen Grölens von Vergewaltigungsliedern als eine Art Kulturkampf betrachtet wird. “Die” (eine diffuse Masse von Kulturzerstörern) wollen “uns” (einer ebenso diffusen angeblichen Mehrheit) etwas wegnehmen, und zwar nicht weniger als “unsere” gesamte Kultur. Wer ernsthaft, ohne rot zu werden, behauptet, die eigene Kultur sei in Gefahr, wenn man auf sexistische Lieder verzichtet, sollte den eigenen Kulturbegriff, aber auch das eigene Kulturgut noch einmal kritisch hinterfragen.  

Das "Donaulied" ist kein Kulturgut

Die deutschsprachige Kultur hält eine unglaubliche Zahl an Liedern bereit und sehr viele davon besingen keine Vergewaltigung. Warum also an problematischen Liedern wie dem “Donaulied” festhalten? Was geht denn ernsthaft verloren?  

Außerdem ist es wie bei vielen anderen Diskussionen in den vergangenen Jahren: Es gibt Menschen, die vom Inhalt des Liedes verletzt werden, an eigene, gewaltvolle Erfahrungen erinnert werden. Wie soll sich denn eine Person fühlen, die bereits sexualisierte Gewalt erfahren hat, wenn sie hört und sieht, wie sich betrunkene Kirchweihgänger vor Lachen biegen beim Besingen einer Vergewaltigung?  

Opfer von Gewalt zu schützen sollte wichtiger sein als die eigene Faulheit beim Nachdenken. Um es ganz deutlich und klar zu sagen: Wenn deine Kultur nicht ohne das Verletzen und Beleidigen von Menschen auskommt, ist sie nichts wert.