Der Herbst ist da und die vorhergesagte zweite Welle des Coronavirus auch. Täglich infizieren sich mehr Menschen mit dem Lungenvirus und erkranken an Covid-19. Regional werden Maßnahmen angepasst, je nach Infektionsgeschehen. 

Aber irgendwie will bei vielen Menschen nicht so recht ankommen, dass wir „die Corona-Zeit“, wie wir die Monate von März bis Mai alle inzwischen nennen, eben noch nicht vorbei ist. Wir sind zwar gerade nicht am selben Punkt wie im April, als die Kurve der Infizierten exponentiell anstieg, aber die Lage ist alles andere als entspannt. 

Wenn die größte Sorge dem Herbsturlaub gilt

Wir haben uns schon fast gewöhnt an meckernde Coronaleugner, die täglich neue, absurde Theorien verbreiten und sich immer dreister wehren gegen simple Infektionsschutz-Maßnahmen. In Bussen, Zügen und Supermärkten setzen diese selbsternannten „Rebellen“ und „Querdenker“ ihre Masken ab und halten sich für so etwas wie die heroischen Kämpfer gegen das Böse Imperium. Doch sie sind keine Rebellen, keine Luke Skywalker, sie sind auch keine „Querdenker“: Sie sind höchstens Nicht-Denker. 

Wer bewusst und wider besseres Wissen (ich meine mit „Wissen“ nicht die kruden Theorien von selbsternannten Experten auf Youtube und Kochbuch schreibende „Reichskanzler“ auf Telegram) andere gefährdet, ist kein Kämpfer gegen Ungerechtigkeit, sondern einfach nur unsozial und – naja, ein Gefährder. 

Die Bildzeitung schrieb kürzlich von der „Angst um unseren Herbsturlaub“ – eine Schlagzeile, die an Anmaßung und Egoismus kaum zu überbieten ist. Sie ist aber auch ein guter Indikator, wie die Prioritäten inzwischen oder immer noch bei einigen verteilt sind.

Die Langzeitfolgen sind enorm für sogenannte "Genesene"

Gerne werden die Auslastung der Intensivbetten sowie die niedrige Zahl der Todesfälle als Argument herangezogen, um sich gegen anhaltende oder weitergehende Maßnahmen zu wehren bzw. sie zu verhindern. Und ja: Die Todesrate ist sehr niedrig inzwischen und die Intensivstationen sind auch weit von dramatischen Auslastungsraten entfernt. 

Aber: Die sogenannten „Genesenen“ – inzwischen rund 260.000 Menschen in Deutschland alleine – sind nicht automatisch auch gesund. Sie sind nicht mehr akut erkrankt und müssen vielleicht nicht mehr behandelt werden. Die Spätfolgen zeigen sich aber erst jetzt immer mehr. 

Neben Lungenschädigungen können auch das Gehirn und andere Organe in Folge einer Covid-19-Erkrankung leiden. Das ARD-Magazin „plusminus“ berichtete am 7.10. über Langzeitfolgen von Covid-19. Viele Menschen, die als genesen gelten und nur einen „milden“ Verlauf von Covid-19 hatten, sind inzwischen oder immer noch stark betroffen von gesundheitlichen Problemen. Experten warnen seit Monaten vor den Folgen, deren Auswirkungen für die Menschen und langfristig für das Gesundheitssystem bisher nicht abzusehen sind, aber immer deutlicher zutage treten. 

Todesrate? Uninteressant!

Also: Vergesst die Todesrate. Die Zahl der Todesfälle aufgrund einer Corona-Infektion ist für die Bedeutung der Pandemie und für die daraus resultierenden Maßnahmen völlig irrelevant. Es ist schlicht nicht seriös, zufrieden aufzuatmen mit Verweis auf die wenigen Toten im Herbst. Die niedrige Todesrate zeigt, dass sich Gesellschaft und Gesundheitssystem so weit angepasst haben, dass die tödlich bedrohten Menschen besser geschützt sind als sie es noch im Frühling waren. Womöglich ist auch das Virus mutiert und weniger tödlich. 

Das spielt aber für die Bewertung von Schutzmaßnahmen keine Rolle. Menschen müssen nicht auf der Intensivstation liegen und sterben, um langfristig von ihrer Covid-19-Erkrankung eingeschränkt zu sein. Daher noch einmal ganz deutlich und für alle zum Mitschreiben: 

Wir dürfen nicht nachlassen in unserer Eigenverantwortung. Wir sind angehalten, uns selbst und vor allem unsere Mitmenschen so gut es geht zu schützen. Das bedeutet Einschränkungen und ist unbequem, aber dringend notwendig, wenn wir Werte wie Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht völlig in den Wind schreiben wollen. Wenn wir jetzt nicht weiter vorsichtig und vorausschauend sind, wird es ein sehr böses Erwachen geben und das wird schlimmer ausfallen als im Frühjahr 2020.