Winzerin des Jahres. Das klingt gut. Die Auszeichnung als Silvanerweingut des Jahres gefällt Andrea Wirsching allerdings besser. Der Betrieb geht vor. Auch wenn sich die Iphöferin wünscht, dass mehr Frauen Führungsaufgaben übernehmen. Gerade im Weinbusiness.

Das Genussmagazin „Selection“ hat die Auszeichnung „Winzerin des Jahres“ zum zweiten Mal vergeben. Auf der größten Weinmesse Deutschlands, der ProWein in Düsseldorf, konnte Andrea Wirsching die Urkunde entgegen nehmen. „Natürlich hat mich das gefreut“, sagt sie. Zumal Frauen in Führungspositionen nach wie vor Seltenheitswert haben – in der nationalen Weinbranche genauso wie in der internationalen.

Vor einem Jahr hat Andrea Wirsching den Familienbetrieb im Herzen Iphofens offiziell übernommen. In der Geschäftsführung arbeitet sie de facto seit acht Jahren. Ihre Erfahrung: Frauen werden als Chef nach wie vor häufiger in Frage gestellt als Männer. „Man braucht noch ein wenig mehr Durchsetzungsvermögen“, weiß sie. „Und man muss gründlicher argumentieren können.“ Auch dann, wenn sie eine Frage gestellt bekommt, die sie längst nicht mehr hören kann: „Gibt es denn keinen Mann, der ihren Betrieb führen kann?“ Andrea Wirsching muss dann erst einmal tief durchatmen. Sie weiß, was sie kann. Und welche Veränderungen sie in dem Traditionsbetrieb bereits umgesetzt hat. „Das Betriebsklima ist anders geworden“, nennt sie ein Beispiel. Warum? „Weil Frauen anders führen. Sie sind kompromissbereiter, legen mehr Wert auf Kommunikation, hören besser zu und agieren intuitiver.“

Gerade die Intuition kann zum Streitpunkt zwischen Männern und Frauen werden. Andrea Wirsching weiß das sehr wohl. Sie hat ein aktuelles Beispiel für die Richtigkeit eines intuitiven Handelns. Die Rede ist vom Glyphosat. Für sie ist sonnenklar, dass dessen Einsatz in ihren Weinbergen tabu ist. „Das Thema hat sich erledigt, das Wort Glyphosat ist völlig negativ belegt. Kein Verbraucher will etwas von Glyphosat im Zusammenhang mit Wein hören.“ Ihre Fachmänner in den Weinbergen musste sie auf diese Linie erst einmal einschwören. „Männer argumentieren eher fachbezogen, weniger emotional“, weiß sie. Aber selbst wenn tatsächlich keinerlei Rückstände beim punktuellen Einsatz in den Steillagen nachweisbar sind – für Andrea Wirsching ist klar: Glyphosat hat in ihren 90 Hektar Weinbergsfläche nichts mehr zu suchen.

Wie viele Frauen Weinbaubetriebe in Deutschland führen? Schwer zu sagen. Belastbare Zahlen gibt es nicht. Weder vom deutschen Weininstitut noch vom Fränkischen Weinbauverband. „Es gibt kaum einen erfolgreichen Weinbaubetrieb, der nicht von einem starken, gleichberechtigten Mann-Frau-Team geführt wird“, gibt Andreas Göpfert, Leiter Kommunikation im Haus des Frankenweins, zu bedenken. Teamplayer seien gefragt, unabhängig vom Geschlecht. Für ein gestiegenes Interesse von Frauen für eine Ausbildung in der Weinbranche spricht die Statistik der Hochschulen in Geisenheim und Heilbronn. Erst 1970 absolvierte die erste Frau ein Ingenieurstudium im Fach Weinbau und Kellerwirtschaft. Mittlerweile liegt die Quote bei 26 Prozent. Den Bachelor „Internationale Weinwirtschaft“ absolvieren fast 50 Prozent Frauen. Ähnlich sieht es beim Bachelor „Weinbetriebswirtschaft“ aus.

Andrea Wirsching war viele Jahre Vorsitzende von Vinissima (mittlerweile rund 600 Mitglieder), sie hat in der internationalen Vereinigung IAWIW (International Associated Women in Wine) mitgewirkt. Der Austausch mit anderen Frauen war und ist ihr wichtig.

Ihre Erfahrung: Frauen gehen anders an manche Themen heran. „Damit das ganz klar ist“, sagt sie und hebt kurz den Zeigefinger. „Ich bin überhaupt keine Verfechterin einer Frauen-Quote.“ Und als Vorkämpferin für einen Feminismus im Weinbau sieht sie sich erst recht nicht. Wie im Privaten so wäre es auch im Beruflichen vorteilhaft, das männliche und weibliche Prinzip, die Stärken jeden Geschlechts, in die Geschäftswelt einzubringen. Und Frauen haben nun mal besondere Stärken. „Sie haben eher ein Gespür für Beziehungen“, sagt sie. Ein Gespür für andere Menschen, aber auch für die Grundlagen eines guten Lebens. Und dazu gehört der Wein. In Kundenkontakten kann das von Vorteil sein. Andrea Wirsching ist viel unterwegs, repräsentiert ihren Betrieb, kommuniziert. „Das kann ich nur machen, weil ich mich auf meine Leute vor Ort verlassen kann.“

„Wenn es um die konkrete Macht geht, werden Frauen in vielen Bereichen immer noch nicht akzeptiert.“
Andrea Wirsching, Winzerin des Jahres

Etwa 30 Mitarbeiter hat der VdP-Betrieb in Iphofen. Ein Drittel sind weiblich. Eine ungewöhnliche Quote im Weinland Franken. „Im Fränkischen Weinbauverband sind Frauen beispielsweise noch nicht angekommen“, sagt die Weingutsbesitzerin und muss schmunzeln. Tatsächlich: Die fünf Vorstandsmitglieder sind alle männlich. Der Geschäftsführer auch. „Wenn es um die konkrete Macht geht“, sagt die 54-Jährige, „dann werden Frauen in vielen Bereichen immer noch nicht akzeptiert.“ Die Reduzierung aufs bloße Repräsentieren ist ihr zu wenig. Als Weinprinzessinnen und Weinköniginnen erfüllen junge Frauen sicher wichtige Funktionen. Aber es dürfen nicht die einzigen weiblichen Rollenmuster im Weinbau bleiben.

Immerhin: Ganz langsam verändert sich etwas. Die nachrückenden Generationen denken und fühlen anders. Immer mehr Frauen studieren Weinbau und Önologie an der Hochschule in Geisenheim, bereiten sich auf eine Karriere in der Weinbrache vor. „Es gibt unglaubliche viele junge fitte Frauen in unserer Branche“, freut sich Andrea Wirsching. „Und erfreulicherweise immer mehr junge Männer, die damit klar kommen.“