Am 1. September beginnt das neue Lehrjahr und noch sind 229 Stellen im Landkreis Kitzingen unbesetzt. Eine Zahl, die im ersten Moment groß klingt, aber sich auf den zweiten Blick relativiert. „Rein an den Statistiken lässt sich die aktuelle Pandemie-Situation nicht feststellen. Die reinen Zahlen bewegen sich im Normbereich“, sagt Wolfgang Albert, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Würzburg. Lediglich ein zeitlicher Verzug ist festzustellen. Zudem finden Bewerber und Ausbildungsbetrieb nicht reibungslos zusammen.

Von Oktober 2019 bis Juli 2020 registrierte die Agentur für Arbeit für den Geschäftsstellenbezirk 658 Ausbildungsstellen, 14 Prozent weniger als noch im vorherigen Zeitraum. „Das ist nicht auf Corona zurückzuführen. Die Ausschreibungen haben schon zuvor abgenommen“, erklärt Albert. Für ihn ist das jedoch kein alarmierendes Zeichen. Betriebe halten trotz der schwierigen Rahmenbedingungen mehrheitlich an ihren ursprünglich geplanten Ausbildungskapazitäten fest, heißt es im Arbeitsmarktbericht des Monats Juli.

Die Ausbildungsbereitschaft sei nicht gesunken, sagt er. In den Vorjahren hätten Bewerber und Betriebe besser zueinandergefunden, indem beispielsweise Praktikanten hernach eine Ausbildung im selben Unternehmen beginnen und eine offizielle Vermittlung nicht notwendig wurde.

Auch bei den Bewerbern stellte Albert einen Rückgang von sechs Prozent fest, den er auf den demografischen Wandel zurückführt. Es gibt schlicht weniger Schulabgänger als in den Vorjahren. Das Berufswahlverhalten hat sich zudem verändert. „Viele Absolventen streben nach dem mittleren Bildungsabschluss anstatt einer Ausbildung den Besuch einer weiterführenden Schule und ein Studium an“, bestätigt der gelernte Berufsberater.

Deshalb suchen viele Betriebe noch nach Auszubildenden. 229 Stellen waren Mitte Juli im Geschäftsstellenbezirk Kitzingen, laut Albert, noch unbesetzt. Das waren immerhin 60 weniger als zum gleichen Zeitpunkt 2019. Trotz der niedrigeren Zahl fand die Berufsorientierung in diesem Frühjahr unter erschwerten Bedingungen statt. Viele Veranstaltungen, auf denen sich Absolventen über mögliche Ausbildungsberufe informieren können, mussten Corona bedingt ausfallen. Die Berufsberater konnten nicht an den Schulen unterstützend eingreifen. Berufswahlunterricht fand nicht statt. „Wir konnten die Berufe den Abschlussklassen nicht präsentieren. Der Unterricht zum Schreiben einer Bewerbung fiel ebenfalls weg“, sagt Albert. Auch Praktika gab es nicht.

Dennoch glaubt Albert trotz der weggebrochenen Informationsmöglichkeiten, dass kein Absolvent einen falschen Beruf wählt. Auch Magdalena Rössig von der Handwerkskammer Unterfranken ist sich sicher, dass „wirklich für jeden das Passende dabei ist“. Immerhin gibt es sehr viele Wege, sich über seinen Wunschberuf zu informieren, wie das Internet oder die Medien. Zudem kümmerten sich die Berufsberater um die Schulabgänger. Das durch den fehlenden persönlichen Kontakt entstandene Vakuum versuchten sie durch Telefongespräche und regelmäßigen Online-Austausch zu füllen und die Absolventen bei der Berufswahl zu unterstützen. „Wir haben sie immer wieder kontaktiert, nachgehakt, unsere Hilfe angeboten und geprüft, wo noch passende Stellen frei sind“, schildert der Pressesprecher.

Besonders in den Sparten wie der Gastronomie oder der Pflege fehlt es an Bewerbern. „Das sind Berufe mit ungünstigen Arbeitszeiten. Hier ist es sehr schwierig, Nachwuchs zu finden“, sagt Albert. Auch in anderen Bereichen fehlt es noch an Kräften. Gesucht werde besonders im Einzelhandel und in der Logistik. Allerdings hofft Albert, dass sich die Zahlen bis Ende September noch relativieren. Erst dann zieht die Agentur für Arbeit Bilanz.

Denn zwar ließe sich die Pandemie an den Statistiken nicht erkennen, was sich aber erkennen lässt, ist eine zeitliche Verzögerung. „Der Ausbildungsmarkt hinkt sechs bis acht Wochen hinterher. Allerdings ist der 1. September keine klassische Deadline. Auch danach sind Vertragsabschlüsse noch möglich und ein Ausbildungsverlauf regulär möglich“, sagt Albert. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie führen offensichtlich dazu, dass beide Seiten nicht reibungslos zueinander finden, heißt es zudem im Arbeitsmarktbericht des Monats Juli.

Albert ermutigt deshalb Absolventen, die noch keine Lehrstelle haben, sich bei der Agentur für Arbeit zu melden: „Es gibt in allen Bereichen noch unbesetzte Stellen. Unsere Berufsberater unterstützen, wo sie können, und wissen auch, wo noch etwas frei und eine Bewerbung sinnvoll ist.“ Auch die Handwerkskammer wirbt um Nachwuchs: „Handwerk ist vielfältig, fest in der Region verankert, schafft persönliche Zufriedenheit und die Basis für ein erfolgreiches Berufsleben. In schwierigen Zeiten wie der Corona-Krise wird umso deutlicher, dass es darüber hinaus systemrelevant ist, zur Versorgung der Bevölkerung und zur Sicherung der Infrastruktur beiträgt. Zugleich ist großer Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs, der Leidenschaft, Engagement und vielleicht sogar Unternehmergeist mitbringt.“