Ingrid Lux wird mit diesem Text nicht einverstanden sein. „Schreiben Sie bitte nicht zu viel“, hat sie gebeten. Ihr Mann sei eh schon so oft in der Zeitung. Aber es hilft ja alles nichts: Claus Lux hat viel geleistet. Und dafür ist er gestern in München mit der Bayerischen Staatsmedaille für soziale Verdienste ausgezeichnet worden.

„Mit Ihrem Beitrag stemmen Sie sich gegen

das Vergessen“

Emilia Müller, Sozialministerin über Claus Lux

Der Namen Claus Lux reiht sich ein in eine prominente Liste. Schauspielerin Senta Berger ist ausgezeichnet worden, mit Dr. Axel Börsch-Supa und Dr. Marita Eisenmann-Klein zwei Professoren. Aus Unterfranken ist neben Claus Lux nur noch der Haßfurter Wilhelm Wolpert für sein Projekt „Haßfurt hilft e.V.“ geehrt worden. In der Laudatio für Claus Lux heißt es, dass er mit großer Leidenschaft dafür eintrete, das kulturelle Erbe Schlesiens zu bewahren und an die nachfolgenden Generationen weiter zu geben. „Mit Ihrem Beitrag stemmen Sie sich gegen das Vergessen“, lobte Staatsministerin Emilie Müller und überreichte ihm die Urkunde. Natürlich ist der Bäckermeister im Ruhestand stolz auf diese Auszeichnung. „Ich war aber auch ganz schön überrascht, als die Einladung Anfang März im Briefkasten lag.“

Claus Lux ist ein Kind des Krieges. 1938 ist er geboren worden. In Neisse, einer Stadt, die heute in Polen liegt und vor dem Krieg Teil der Provinz Schlesien war. Im Januar 1945 ist die Familie geflohen, zunächst nach Pyrna bei Dresden, dann weiter nach Kitzingen. „Mein Vater hat als Küchenleiter im Gefangenenlager gearbeitet“, erzählt Lux. Die vier Kinder wuchsen zunächst im Lager auf, später hat die Familie zwei Zimmer über einer Metzgerei gemietet. „Mein Mann kennt noch die Zeiten, als man richtig Hunger leiden musste“, sagt Ingrid Lux und streicht ihrem Claus über den Arm. Lebensmittel wegwerfen? Ein altes Stück Brot in den Mülleimer befördern? Für Claus Lux undenkbar – bis heute.

Leute wie er haben Deutschland wieder aufgebaut. „Mühsame Jahre waren das“, sagt Ingrid Lux. Die beiden haben sich in Kitzingen kennengelernt, sind seit 58 Jahren verheiratet. Gemeinsam haben sie die Bäckerei aufgebaut, die ehrenamtlichen Aufgaben ihres Mannes hat Ingrid Lux immer unterstützt. Und das waren nicht eben wenige.

Im Januar 1981 ist Claus Lux zum Vorsitzenden der Schlesischen Landsmannschaft in Kitzingen gewählt worden, seit zehn Jahren ist er deren Bezirksvorsitzender. Wie lange er dem Bund der Vertriebenen vorsteht, weiß er gar nicht so genau. „15 Jahre sind es bestimmt.“

Lux ist eine andere Aufgabe noch viel wichtiger: Vor rund zwölf Jahren hat er die Verbindung mit der polnischen Stadt Trebnitz wieder aufleben lassen. „Lose Fäden hat es vorher schon gegeben“, erinnert er sich. Damals saß Lux für die CSU im Kitzinger Stadtrat. Innerhalb von vier Jahren hat er es geschafft, die Beziehungen so weit aufzubauen, dass die Partnerschaftsurkunde 2009 unterzeichnet wurde. „Heute ist Trebnitz die lebendigste der drei Kitzinger Städtepartnerschaften“, sagt Lux mit gesundem Selbstbewusstsein. Etliche Besuche und Gegenbesuche von Jung und Alt belegen diese These. Wie sehr die Trebnitzer die Verdienste des 79-Jährigen zu schätzen wissen, zeigt eine Auszeichnung, die ihn besonders rührt. Im letzten Jahr ist er für seine Verdienste zum Ehrenbürger von Trebnitz ernannt worden. Nach dem ehemaligen Kölner Kardinal Meisner, der in Breslau geboren wurde, ist er damit erst der zweite Deutsche, dem diese Ehre zuteilt wurde.

Die Bewahrung der Vergangenheit ist für ihn bei all dem Engagement nicht das Entscheidende, die Zukunft ist ihm viel wichtiger. Seine Eltern hatten noch die Hoffnung, dass Schlesien eines Tages wieder Heimat wird. „Sie mussten alles stehen und liegen lassen und fliehen“, erinnert sich Lux, den seine Frau als „überzeugten Schlesier“ bezeichnet. Spätestens mit der Ostpolitik von Kanzler Willy Brandt sei es aber auch dieser Generation klar geworden, dass die Trennung endgültig ist. Wenigstens die Erinnerung an die alte Heimat wollten sie danach lebendig halten. „Das Loslassen war für diese Generation schwierig“, zeigt Lux Verständnis.

Die Zeiten haben sich geändert. Über die Zukunft der Schlesischen Landsmannschaften macht er sich keine Illusionen. „Wir sterben langsam aus“, sagt er. „Da brauchen wir gar nicht drum herumzureden.“

„Viele Polen waren doch selbst Vertriebene“

Claus Lux

Geehrter

Umso wichtiger sei es, dass die nachfolgenden Generationen einen Einblick in die Geschichte bekommen. Dem 79-Jährigen liegt das gegenseitige Verständnis am Herzen. „Und das geht nur über die Kinder“, sagt er. Sie seien emotional nicht mehr belastet, würden die Geschichte mit anderen Augen betrachten. So wie er selbst. „Viele Polen waren doch selbst Vertriebene“, sagt Claus Lux. „Sie kamen aus der Ukraine und mussten ebenfalls ganz von vorne anfangen.“ Bis auf die Grundmauern zerstörte Städte habe es nicht nur in Deutschland gegeben. „Breslau sah nach dem Krieg so aus wie Würzburg.“

Claus und Ingrid Lux sind bereits 1989 das erste Mal ins ehemalige Schlesien gefahren, seither immer wieder. Ihren Kindern und Enkeln haben sie die Heimat der Vorfahren bereits gezeigt. „Sie sollen wissen, wo ich herkomme“, sagt er. Und sie dürfen stolz sein auf einen Mann, der sich so vehement für die Verständigung über Grenzen hinweg eingesetzt hat.

Die Ehrenämter:

Seit 36 Jahren Vorsitzender der Schlesischen Landsmannschaft in Kitzingen, seit zehn Jahren im Bezirk. Seit rund 15 Jahren Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen in Kitzingen. Claus Lux war 21 Jahre lang Obermeister der Bäckerinnung, ist jetzt deren Ehrenobermeister. Fast zwölf Jahre lang war für die CSU im Kitzinger Stadtrat und dort als Tourismusreferent tätig. Mehr als 50 Jahre sang er im Kirchenchor mit.

Die wichtigsten Termine: Der Bund der Vertriebenen in Kitzingen lädt am 16. September zum Tag der Heimat und organisiert an Allerheiligen ein Totengedenken am Neuen Friedhof.